Roland Berger: Die Rolle der Banken als Hauptfinanzierer der deutschen Wirtschaft ändert sich

Frankfurt/Main (1.5.19) – In Deutschland stand bislang fest: Die deutschen Banken sind Hauptfinanzier des Mittelstandes und der Wirtschaft. In anderen Ländern haben Fonds bereits eine wesentlich größere Bedeutung. Dieser Wandel könnte in Deutschland mit der konjunkturellen Abkühlung und einer potentiell anschließenden Krise jetzt ebenfalls anstehen. Zu diesen Ergebnissen kommt die neue „Restrukturierungsstudie 2019“ von Roland Berger, für die 500 Sanierungsexperten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt wurden.

 

Durch die schwachen Konjunkturaussichten, geopolitischen Spannungen

und den großen Anpassungsdruck der Digitalisierung rückt die nächste

Krise immer näher. „Die jüngste Senkung der Konjunkturprognose der

Bundesregierung auf 0,5 Prozent Wachstum für 2019 verdeutlicht die

angespannte wirtschaftliche Lage“, erklärt Sascha Haghani, globaler

Leiter des Competence Centers „Restructuring, Performance,

Transformation & Transaction“ von Roland Berger. So erwarten 9 von 10

befragten Experten, dass die Abkühlung der Wirtschaft die Anzahl an

Sanierungsfällen im laufenden Jahr steigen lassen wird.

 

Mehr Sanierungsfälle vor allem in der Automobil- und

Konsumgüterindustrie

 

Laut den Experten wird es vor allem die Automobil- und die

Konsumgüterindustrie treffen. So belegen diese zwei Industriesektoren

in der aktuellen Studie Platz 1 und 2 der am meisten gefährdeten

Branchen. „Deutsche Unternehmen in diesen Branchen müssen häufig mit

grundlegenden Veränderungen im Geschäftsmodell reagieren, wenn sie

nach der nächsten Krise noch existent sein möchten“, warnt Roland

Berger Partner Gerd Sievers. Geschäftsmodellinnovationen werden zwar

als häufigste Einzelmaßnahme genannt, aber insgesamt halten sich

strategische und operative Maßnahmen die Waage.

 

Digitalisierung: Krisenursache und Lösungsansatz in einem

 

Wie in den beiden vorangegangenen Jahren bleiben die Digitalisierung

und disruptive Innovationen nach Einschätzung der Befragten die

wesentlichen Treiber von Unternehmenskrisen. Dabei halten 81 Prozent

der Experten die Digitalisierungsstrategie inzwischen für einen

zentralen Bestandteil des Sanierungskonzepts. „Bei der Erstellung von

Sanierungskonzepten kommt die digitale Strategie der Unternehmen

zunehmend auf den Prüfstand“, so Gerd Sievers.

 

Außerdem gehen zwei Drittel der Studienteilnehmer gehen davon aus,

dass die Komplexität von Sanierungen künftig weiter zunimmt.

Rechtliche Anforderungen und Dokumentationsaufwand steigen parallel

zur Anzahl der Stakeholder. Dabei wird die Digitalisierung des

Sanierungsprozesses, um die Komplexität zu reduzieren, noch zu wenig

genutzt. „Dadurch steigen die Kosten – und die eigentliche

leistungswirtschaftliche Sanierung droht in den Hintergrund zu

rücken“, erklärt Sascha Haghani.

 

Regulatorik stellt Kreditinstitute vor große Herausforderungen

 

Sollte sich die Konjunktur weiter abkühlen, wären auch

Kreditinstitute aufgrund der strengen regulatorischen Maßnahmen

deutlich betroffen. Denn Vorgaben wie IFRS 9 und die NPL Guideline,

aber auch der starke Abbau von Restrukturierungsspezialisten bei den

Banken werden nach Einschätzung von 54 Prozent der Umfrageteilnehmer

zu mehr Kreditverkäufen an Fonds führen.

 

Nur 21 Prozent sehen die weitere Begleitung und Sanierung der

Unternehmen als erste Option. „Dies könnte im Ergebnis zu einer

grundsätzlichen Veränderung der Unternehmensfinanzierung in

Deutschland und insbesondere im deutschen Mittelstand führen“, stellt

Sascha Haghani in Aussicht.