Sparkassen in Hessen und Thüringen: Es wird immer schwieriger, Sparer vor negativen Zinsen abzuschirmen

Gotha/Frankfurt/Main (17.9.19)/PK – Sparer sollten sich allmählich mit dem Gedanken vertraut machen, daß sie künftig keine Zinsen mehr kassieren, sondern für ihre Ersparnisse sogar noch Geld zahlen müssen. Was verrückt klingt, haben sie Mario Draghi zu verdanken. Mario Draghi, der noch amtierende Chef der Europäischen Zentralbank, hat erst vor wenigen Tagen die Negativzinsen erhöht. Folge: Hinterlegen Kredithäuser Geld bei der Europäischen Zentralbank, müssen sie dafür inzwischen noch mehr Zinsen zahlen, anstatt – wie früher – Zinsen dafür zu kassieren. Gerhard Grandke, geschäftsführerder Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen (SGVHT), stellte nun vor Journalisten in Gotha fest: „Die Sparkassen schirmen ihre Kunden schon seit Jahren von den Auswirkungen der EZB-Geldpolitik ab, in dem sie auf negative Einlagenzinsen …verzichten. Das durchzuhalten wird immer schwieriger“. Auch wenn dies keine der 49 Sparkassen des SGVHT wolle, sei nicht auszuschließen, daß die bislang gewährten Freibeträge gekürzt würden. Im Klartext heißt dies, daß Negativ-Zinsen doch auf Sparer abgewälzt werden und sie auf ihr Erspartes keine Zinsen mehr kassieren, sondern Zinsen – wie hoch auch immer – zahlen müssten. Doch noch ist dies bei den Sparkassen die Ausnahme, weil diese eben seit langem die ihr aufgebürdeten Negativzinsen schulterten. Das hat wiederum zur Folge, daß die Zinserträge der Sparkassen immer weiter abmagern. Der Zinsüberschuss und die Betriebsergebnisse stünden folglich unverändert unter Druck, bilanzierte Grandke für das erste Halbjahr 2019.

Gerhard Grandke – geschäftsführender Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen (SGVHT) kritisierte den Zinskurs der Europäischen Zentralbank erneut: „Es wird Zeit, dass die Europäische Zentralbank (EZB) endlich die Zinswende einleitet. Ihre ultraexpansive Geldpolitik belastet vor allem die Banken, die wie die Sparkassen vom Zinsgeschäft leben. Sie frisst sich in die Altersvorsorge, Stiftungen und Versorgungswerke und löst Blasen an den Vermögensmärkten aus. Wegen der Dauerniedrigzinsphase droht inzwischen eine Generation heranzuwachsen, die keine Zinsen kennenlernt. Das finde ich zutiefst beunruhigend.“- Foto: PK

Ansonsten sieht die Halbjahresbilanz für die hessischen und thüringischen Sparkassen überraschend gut aus: „Bei den Beständen und im Neugeschäft haben unsere Institute in den ersten sechs Monaten trotz der herrschenden Unsicherheiten deutliche Zuwächse erzielt.  Laut Ertragsprognose werden die Sparkassen …. 2019 wieder ein auskömmliches Betriebsergebnis erzielen“, fasste Gerhard Grandke, die Halbjahresbilanz zusammen.

Die Bilanzsumme der 49 Mitgliedsinstitute ist dank eines starken Kundengeschäfts zum 30. Juni 2019 um 1,9 Mrd. € bzw. 1,5% auf 127,7 Mrd. € gestiegen. Das Wachstum im Kundengeschäft fand sowohl auf der Aktiv- als auch auf der Passivseite der Bilanz statt.

Starke Zuwächse im Kundenkreditgeschäft

Die größten Impulse gingen dabei wieder vom Kundenkreditgeschäft aus, das die Sparkassen in Hessen und Thüringen in den ersten sechs Monaten kräftig ausbauen konnten. Die Ausleihungen erhöhten sich über alle Kundensegmente hinweg um insgesamt 2,0 Mrd. € bzw. 2,7% auf 76,9 Mrd. €. Während die Kreditbestände bei den öffentlichen Haushalten praktisch stabil blieben (-12 Mio. € bzw. -0,3%), stiegen sie bei den Privatpersonen um knapp 500 Mio. € bzw. 1,5% auf 32,7 Mrd. €. Dass dieses Plus doppelt so hoch wie im Vorjahreszeitraum ausfiel, war den Wohnungsbaukrediten zu verdanken, deren Bestände sich zwischen Januar und Juni 2019 um 502 Mio. € bzw. 1,8% erhöhten.

Politische Unsicherheiten bremsen Firmenkundengeschäft nicht aus

Den größten Zuwachs verbuchten die Sparkassen im Verbandsgebiet einmal mehr im Kreditgeschäft mit Firmenkunden. Die Ausleihungen an Unternehmen und Selbständige verbesserten sich im ersten Halbjahr 2019 um 1,5 Mrd. € bzw. 4,1% auf 37,7 Mrd. €. „Das ist bei den Halbjahreszahlen der größte Sprung seit gut zehn Jahren. So ein Wachstum ist schon beachtlich, zumal sich in Deutschland wegen des Brexits, des Handelskonflikts zwischen den USA und China und anderen Unsicherheiten seit geraumer Zeit die Anzeichen für eine spürbare Abkühlung des konjunkturellen Klimas mehren“, freute sich Grandke.

Auch das Neukreditgeschäft der Sparkassen präsentierte sich im ersten Halbjahr 2019 ausgesprochen stark. Die Darlehensauszahlungen und Darlehenszusagen gingen um 7,5% bzw. 9,4% nach oben. Im Neukreditgeschäft mit Unternehmen lag das jeweilige Plus mit 8,5% bzw. 10,2% sogar noch ein Stück höher. „In diesen Zahlen kommt erstens die Zuversicht vieler Firmen zum Ausdruck, dass in der schon seit langem dampfenden internationalen Konfliktküche letztendlich nicht alles so heiß gegessen wie gekocht wird. Zweitens profitieren die Sparkassen davon, dass viele ihrer Kunden im Handwerk, in der Bauwirtschaft und in anderen Branchen tätig sind, die immer noch eine hervorragende Auftragslage aufweisen. Drittens kommt es unseren Sparkassen zupass, dass die Wirtschaft in Hessen und Thüringen gut diversifiziert ist und es hier im Gegensatz zu manch anderer Region keine ausgeprägten industriellen Schwerpunkte gibt, die jetzt im Abschwung zu Klumpenrisiken werden können“, erklärte Grandke.

Tanz um schwarze Null passt nicht mehr in die Zeit

Angesichts zurückgehender Exporte und der stabilisierenden Rolle der Binnenkonjunktur forderte Grandke mehr Investitionen der öffentlichen Hand in Bereiche wie die Infrastruktur, die Digitalisierung, die Energiewende sowie in Bildung und Wissenschaft: „Diese Felder stützen im Abschwung nicht nur die Konjunktur. Sie machen Deutschland auch zukunftsfähig. Dazu kommt, dass die öffentliche Hand dank der faktischen Negativzinsen in der Regel noch etwas zurückbekommt, wenn sie sich Geld leiht. Der Tanz um die schwarze Null passt deshalb nicht mehr in die Zeit. Der Beat hat sich gewandelt.“

Einlagengeschäft mit Zuwächsen

Zuflüsse gab es auch im Einlagengeschäft der Sparkassen. Die Kundenverbindlichkeiten legten zwischen Januar und Juni 2019 um 0,9 Mrd. € bzw. 0,9% auf 101,1 Mrd. € zu. Der Trend zur kurzfristigen Anlage hielt unverändert an: Eigenemissionen und Spareinlagen gingen um 4,5% bzw. 1,2% zurück. Die Täglich fälligen Gelder stiegen um 1,5%. Bei den Termingeldern schlug ein Plus von 24,0% zugrunde. Dieser hohe relative Zuwachs war allerdings einem niedrigen Basiswert geschuldet.

Nettoabsatz im Kundenwertpapiergeschäft steigt deutlich

Im Wertpapiergeschäft mit Kunden waren im ersten Halbjahr 2019 Umschichtungen zu verzeichnen. Die Verkäufe der Kunden fielen um 11,5% höher aus als im Vorjahreszeitraum, wobei vor allem festverzinsliche Wertpapiere und Investmentfonds betroffen waren. Gleichzeitig legten die Käufe um 0,5% zu. Aufgrund der verstärkten Verkäufe erhöhte sich der Umsatz der Sparkassen im Wertpapiergeschäft um 5,1% auf 6,3  Mrd. €. Der Nettoabsatz als Saldo von Käufen und Verkäufen reduzierte sich um 28,0% auf 698 Mio. €. Sparkassen stocken Eigenmittel weiter auf Auch in den ersten sechs Monaten des Jahres 2019 haben die Sparkassen in Hessen und Thüringen ihre Eigenmittel um 2,4% auf 13,1 Mrd. € aufgestockt. Davon entfielen 12,1 Mrd. € auf Kernkapital.

Zum 30. Juni 2019 betrug die Gesamtkapitalquote 20,5% und die Kernkapitalquote 18,9%. „Das zeigt, dass wir kapitalmäßig sehr solide unterwegs und für die auch in Zukunft zu erwartende rückläufige Ertragsentwicklung gut gewappnet sind“, hob Grandke hervor.

Ertragsprognose 2019: Betriebsergebnis weiter unter Druck

Laut Prognosesystem wird der Druck auf das Betriebsergebnis der Sparkassen in Hessen und Thüringen im Gesamtjahr 2019 anhalten. Der Zinsüberschuss wird sinken, während der Provisionsüberschuss und der Verwaltungsaufwand höher gesehen werden. Per saldo wird das Betriebsergebnis vor Bewertung niedriger erwartet als im Vorjahr.