EZB: Längere Konjunkturschwäche befürchtet

Frankfurt/Main (26.9.19) – Es ist ein trübes Bild, das die Europäische Zentralbank im Spätsommer 2019, kurz vor dem Wechsel an ihrer Spitze malt. In ihrem heute vorgelegten Wirtschaftsbericht heißt es in der Zusammenfassung: „Die seit der letzten Sitzung des EZB-Rats neu verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass die Konjunkturschwäche im Euroraum länger anhält, ausgeprägte Abwärtsrisiken andauern und der Inflationsdruck verhalten bleibt.“

Wirtschaftliche und monetäre Entwicklungen im Überblick

Auf Basis einer umfassenden Bewertung der Konjunktur- und
Inflationsaussichten für den Euroraum und unter Berücksichtigung der
jüngsten von Experten der EZB erstellten gesamtwirtschaftlichen Projektionen
für das Euro-Währungsgebiet hat der EZB-Rat in seiner geldpolitischen Sitzung
vom 12. September mit Blick auf sein Preisstabilitätsziel eine Reihe
geldpolitischer Beschlüsse gefasst. Die seit der letzten Sitzung des EZB-Rats neu
verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass die Konjunkturschwäche im Euroraum
länger anhält, ausgeprägte Abwärtsrisiken andauern und der Inflationsdruck verhalten
bleibt. Dies spiegelt sich in den Projektionen der EZB vom September wider, aus
denen eine weitere Eintrübung der Inflationsaussichten hervorgeht. Zugleich wird die
Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft des Eurogebiets nach wie vor durch das kräftige
Beschäftigungswachstum und steigende Löhne gestützt. Angesichts dieses
Gesamtbilds und als Reaktion auf die kontinuierlich hinter seinem Ziel
zurückbleibende Inflation gab der EZB-Rat ein umfangreiches Paket geldpolitischer
Beschlüsse bekannt (siehe Kasten 1).
Bewertung der wirtschaftlichen und monetären Lage zum Zeitpunkt
der EZB-Ratssitzung am 12. September 2019
Das Weltwirtschaftswachstum hat sich im ersten Halbjahr 2019 aufgrund einer
langsameren konjunkturellen Gangart sowohl in den Industrie- als auch in den
Schwellenländern verringert. Dies steht im Einklang mit umfragebasierten
Indikatoren, die auf eine gedämpfte Entwicklung der Weltkonjunktur hindeuten. Den
Projektionen zufolge wird das globale Wachstum im laufenden Jahr zurückgehen.
Grund hierfür ist die verhaltene Wirtschaftstätigkeit im verarbeitenden Gewerbe, die
aus den weltweit rückläufigen Investitionen resultiert, aber auch die zunehmende
Unsicherheit in Bezug auf politische Maßnahmen und das politische Umfeld, die mit
dem Brexit und der erneuten Zuspitzung des Handelskonflikts zwischen den
Vereinigten Staaten und China zusammenhängt. Auf mittlere Sicht dürfte sich das
globale Wachstum allmählich erholen, aber weiterhin unter seinem langfristigen
Durchschnitt liegen. Der Welthandel wird sich den Erwartungen zufolge im laufenden
Jahr weiter deutlich abschwächen und dann auf mittlere Sicht erholen. Im Vergleich
zur Konjunktur wird er sich aber immer noch verhaltener entwickeln. Unterdessen
sollte sich der globale Inflationsdruck weiterhin in Grenzen halten, während die
Abwärtsrisiken für die Weltwirtschaft zugleich gestiegen sind.

Die globalen langfristigen risikofreien Zinssätze sind seit der EZB-Ratssitzung
vom Juni 2019 vor dem Hintergrund der am Markt herrschenden Erwartung
einer weiteren Akkommodierung der Geldpolitik und der erneuten Unsicherheit
in Bezug auf den Welthandel gesunken. Das Nachgeben der risikofreien Zinssätze
wirkte sich günstig auf die Aktienkurse und die Preise für Unternehmensanleihen im
Euroraum aus. Indessen haben sich die Gewinnerwartungen der Unternehmen als
Reaktion auf die anhaltenden Zweifel hinsichtlich der weltwirtschaftlichen Aussichten
etwas verschlechtert. Die EONIA-Terminzinskurve hat sich gleichfalls nach unten
verschoben. An den Devisenmärkten blieb der Euro in handelsgewichteter Rechnung
weitgehend unverändert.
Das reale BIP des Euroraums erhöhte sich im zweiten Quartal 2019 um 0,2 %
gegenüber dem Vorquartal, nachdem das Wachstum im ersten Jahresviertel bei
0,4 % gelegen hatte. Für das dritte Quartal deuten die aktuellen Wirtschaftsdaten und
Umfrageergebnisse weiterhin auf ein moderates, aber positives Wachstum hin. Die
Wachstumsverlangsamung spiegelt in erster Linie die herrschende
Welthandelsschwäche in einem Umfeld länger anhaltender globaler Unsicherheiten
wider, die vor allem das verarbeitende Gewerbe im Eurogebiet beeinträchtigen.
Unterdessen zeigen sich der Dienstleistungssektor und das Baugewerbe nach wie vor
widerstandsfähig, und das Wachstum im Eurogebiet wird auch von den günstigen
Finanzierungsbedingungen, erneuten Beschäftigungszuwächsen und steigenden
Löhnen, dem auf Euroraumebene leicht expansiven fiskalischen Kurs und dem
anhaltenden, wenngleich etwas verlangsamten weltweiten Wirtschaftswachstum
getragen.
Diese Einschätzung deckt sich weitgehend mit den von Experten der EZB
erstellten gesamtwirtschaftlichen Projektionen für das Euro-Währungsgebiet
vom September 2019. Das jährliche reale BIP wird demzufolge im laufenden Jahr
um 1,1 %, im kommenden Jahr um 1,2 % und 2021 um 1,4 % wachsen. Gegenüber
den gesamtwirtschaftlichen Projektionen der Experten des Eurosystems vom Juni
2019 wurde der Ausblick für das Wachstum des realen BIP für die Jahre 2019 und
2020 nach unten korrigiert. Bei den Wachstumsaussichten des Euroraums
überwiegen weiterhin die Abwärtsrisiken. Diese betreffen in erster Linie länger
anhaltende Unsicherheiten im Zusammenhang mit geopolitischen Faktoren, die
zunehmende Gefahr von Protektionismus sowie Anfälligkeiten in den
Schwellenländern.
Die am HVPI gemessene jährliche Teuerung im Eurogebiet belief sich der
Vorausschätzung von Eurostat zufolge im August 2019 auf 1,0 % und blieb
damit gegenüber Juli unverändert. Der geringere Anstieg der Energiepreise wurde
durch einen stärkeren Preisauftrieb bei Nahrungsmitteln ausgeglichen, während die
am HVPI ohne Energie und Nahrungsmittel gemessene Teuerungsrate konstant blieb.
Ausgehend von den aktuellen Terminpreisen für Öl dürfte die Gesamtinflation
zunächst zurückgehen und gegen Ende des Jahres wieder anziehen. Die
Messgrößen der zugrunde liegenden Inflation entwickelten sich weiterhin insgesamt
verhalten, und die Indikatoren der Inflationserwartungen liegen auf niedrigem Niveau.
Obwohl der Arbeitskostendruck vor dem Hintergrund einer hohen
Kapazitätsauslastung und einer zunehmend angespannten Lage an den Arbeitsmärkten an Stärke und Breite gewonnen hat, wirkt er langsamer auf die
Inflation durch als bisher erwartet. Getragen von den geldpolitischen Maßnahmen der
EZB, dem anhaltenden Konjunkturaufschwung und dem robusten Lohnwachstum
dürfte sich die zugrunde liegende Inflation auf mittlere Sicht erhöhen.
Diese Einschätzung deckt sich weitgehend mit den von Experten der EZB
erstellten gesamtwirtschaftlichen Projektionen vom September 2019, denen
zufolge sich die jährliche HVPI-Inflation im Euroraum 2019 auf 1,2 %,
2020 auf 1,0 % und 2021 auf 1,5 % belaufen wird. Gegenüber den Projektionen
des Eurosystems vom Juni 2019 wurde der Ausblick für die HVPI-Inflation über den
gesamten Projektionszeitraum hinweg nach unten korrigiert. Grund hierfür waren
niedrigere Energiepreise und das von einem schwächeren Wachstum geprägte
Umfeld. Die jährliche HVPI-Inflationsrate ohne Energie und Nahrungsmittel dürfte im
laufenden Jahr bei 1,1 %, im kommenden Jahr bei 1,2 % und im Jahr 2021 bei 1,5 %
liegen.
Die Jahreswachstumsrate der weit gefassten Geldmenge erhöhte sich im
Juli 2019 deutlich, während die Buchkredite an den privaten Sektor weitgehend
unverändert blieben. Das Wachstum der weit gefassten Geldmenge M3
beschleunigte sich von 4,5 % im Juni auf 5,2 % im Juli 2019. Das robuste Wachstum
ist auf die fortdauernde Bankkreditvergabe an den privaten Sektor und die geringen
Opportunitätskosten des Haltens von Komponenten der Geldmenge M3
zurückzuführen. Ferner zeigte sich das M3-Wachstum angesichts des Auslaufens des
automatischen Beitrags der Nettokäufe im Rahmen des Programms zum Ankauf von
Vermögenswerten (APP) und einer sich abschwächenden Wirtschaftsdynamik
weiterhin widerstandsfähig. Zugleich stützten die günstigen Refinanzierungs- und
Kreditvergabebedingungen der Banken nach wie vor die Darlehensvergabe und damit
auch das Wirtschaftswachstum. Die Jahreswachstumsrate der Buchkredite an
nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften war im Juli 2019 mit 3,9 % unverändert. Die vom
EZB-Rat beschlossenen geldpolitischen Maßnahmen, darunter die stärker
akkommodierenden Bedingungen der neuen Reihe vierteljährlicher gezielter
längerfristiger Refinanzierungsgeschäfte (GLRG III), werden zur Wahrung der
günstigen Kreditvergabebedingungen der Banken beitragen und den Zugang
insbesondere kleiner und mittlerer Unternehmen zu Finanzmitteln weiter unterstützen.
Der fiskalische Kurs im Euroraum dürfte den Projektionen zufolge leicht
expansiv ausfallen und somit in gewissem Maße die Konjunktur stützen. Vor
allem aufgrund weiterer Senkungen der direkten Steuern und der Sozialbeiträge in
den meisten größeren Ländern des Euroraums wird der Kurs in den kommenden
beiden Jahren weiterhin leicht expansiv ausfallen. Angesichts der sich eintrübenden
Konjunkturaussichten und der nach wie vor ausgeprägten Abwärtsrisiken sollten
Regierungen, die über fiskalischen Spielraum verfügen, zeitnah wirksame
Maßnahmen ergreifen. In Ländern mit einer hohen Staatsverschuldung müssen die
Regierungen durch eine umsichtige Politik ein Umfeld schaffen, in dem die automatischen Stabilisatoren frei wirken können.