Ernst & Young: EU-Neuwagenmarkt mit historischem Einbruch – Elektroautos legen gegen den Trend zu
Frankfurt/Main (17.4.20) – Der EU-Neuwagenmarkt ist im März massiv – um 55 Prozent – eingebrochen. Der der Lockdown in den verschiedenen europäischen Ländern zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Lauf des Monats März eintrat, fallen die Einbußen je nach Land unterschiedlich aus: Im besonders früh und besonders stark betroffenen Italien sank der Absatz am stärksten: um 85 Prozent. In Frankreich und Spanien wurden Rückgänge von 72 bzw. 69 Prozent registriert. In Finnland und Schweden ging der Absatz hingegen nur um ein bzw. neun Prozent zurück – dort sind die Autohäuser nicht geschlossen worden.
Peter Fuß, Partner bei EY, rechnet mit noch massiveren Rückgängen auf dem europäischen Automarkt im April: „In den meisten Ländern Europas mussten stationäre Autohändler im Verlauf des März schließen, damit ist der Neuwagenverkauf weitgehend zum Erliegen gekommen. Da der Online-Vertriebskanal für Neuwagen noch in den Kinderschuhen steckt, kann dieser Vertriebsweg die wegbrechenden stationären Verkäufe nicht einmal ansatzweise ausgleichen – zumal es nach wie vor Engpässe bei der Zulassung von Neuwagen gibt. Im April sehen wir fast flächendeckend einen Stillstand des öffentlichen Lebens und Schließungen von Autohäusern. Den April kann die Branche also weitgehend abschreiben.“
Noch stärkere Einbußen im April erwartet – leichte Erholung erst im Mai
Fuß rechnet EU-weit im April mit einem Absatzrückgang von etwa 70 Prozent. Erst danach dürfte es wieder langsam bergauf gehen, prognostiziert Fuß. „Selbst wenn nun die Autohäuser in einigen Ländern wieder öffnen und die Engpässe bei den Zulassungsstellen hoffentlich behoben werden, werden die Kunden nicht plötzlich in Scharen in die Autohäuser strömen. Wer arbeitslos ist oder in Kurzarbeit, wird sich kein neues Auto leisten. Und auch bei gewerblichen Neuzulassungen werden wir weiterhin starke Einbußen sehen, denn massive Umsatzrückgänge werden sehr viele Unternehmen zum Sparen zwingen.“
Zudem müsse die Produktion in den Autofabriken erst wieder anlaufen – was angesichts der stark internationalisierten und der teils mehrere Hundert Zulieferer umfassenden Lieferketten eine gigantische Herausforderung sei, so Fuß: „Wenn die Produktion wieder anläuft, wird sich zeigen, ob die Lieferketten gehalten haben.“ Im schlimmsten Fall stünden die Automobilwerke wenige Tage nach dem Hochlaufen wieder still, weil essenzielle Teile fehlen. „Die Hersteller sind in diesen Tagen damit beschäftigt zu verhindern, dass die die Kette reißt“.
Für die Automobilindustrie bestehe aber durchaus Grund zur Hoffnung, so Fuß: „Derzeit werden in großem Stil geplante Anschaffungen vertagt, die Branche schiebt also eine immer größer werdende Welle an Neuwagenkäufen vor sich her. Wenn die aktuelle Krise überwunden und ein Impfstoff bzw. wirksame Medikamente gefunden sind, wird es einen enormen Nachholbedarf geben. Wer dann lieferfähig ist und attraktive Modelle im Angebot hat, wird zu den Gewinnern der Krise gehören.“
Elektro trotzt der Krise – noch
Während in den Top-5-Märkten Westeuropas – das sind Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien – der Absatz von Benzinern um 60 Prozent und der Absatz von Diesel-Neuwagen sogar um 64 Prozent einbrach, setzte sich bei elektrifizierten Fahrzeugen der Positivtrend der vergangenen Monate fort: Die Zahl der neu zugelassenen Elektroautos stieg in diesen Märkten um 71 Prozent, bei Plug-in-Hybriden lag das Plus bei 77 Prozent.
Besonders hohe Zuwachsraten wurden in Großbritannien und Deutschland registriert: In Großbritannien hat sich der Absatz von Elektroautos im Vergleich zum Vorjahresmonat fast verdreifacht, in Deutschland kletterten die Neuzulassungen immerhin um 56 Prozent.
Bei Plug-in-Hybriden verzeichnete Deutschland das stärkste Plus: In der Bundesrepublik hat sich der Absatz mehr als verdreifacht, in Großbritannien legten die Neuzulassungen um 38 Prozent zu, in Frankreich immerhin noch um 19 Prozent.
„Die insgesamt positive Entwicklung bei elektrifizierten Fahrzeugen ist zu einem großen Teil auf staatliche Kaufanreize zurückzuführen“, beobachtet Fuß. So wurden im März etwa in Deutschland mehr Anträge auf die Kaufprämie für Elektroautos und Plug-in-Hybride gestellt als je zuvor in einem Monat. Dass sich der Markt für Elektro- und Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge so gegensätzlich zum Gesamtmarkt entwickelt hat, sei vor allem auf die langen Lieferzeiten zurückzuführen, meint Fuß – die im März neu zugelassenen Autos wurden zumeist bereits vor mehreren Monaten bestellt und erst jetzt ausgeliefert.
Hinzu kommen starke Lieferschwankungen bei einzelnen Modellen, etwa beim Tesla Model 3: Von diesem Fahrzeug wurden im März in Deutschland 2.034 Fahrzeuge neu zugelassen – nach gerade einmal insgesamt 867 in den Monaten Januar und Februar. Ein ähnliches Auf-und-Ab war bei Tesla-Fahrzeugen auch im vergangenen Jahr zu beobachten. Ebenfalls eine Rolle spielen neu eingeführte Modelle: So kam etwa der neue elektrische Opel Corsa „aus dem Stand“ auf 622 Neuzulassungen, der elektrische Mini auf 326 Neuzulassungen in Deutschland. Fuß rechnet allerdings damit, dass das starke Wachstum im Elektrosegment nicht von Dauer sein wird: „Im März wurden die Fahrzeuge ausgeliefert und neu zugelassen, die in der Vor-Corona-Zeit bestellt und produziert wurden. Stillstehende Fabriken werden aber auch im Segment der Elektroautos in den kommenden Monaten für Rückgänge sorgen – trotz starker Nachfrage.“
Elektro-Marktanteil auf Rekordniveau
Die positive Entwicklung bei den Elektro-Neuzulassungen in einem insgesamt rückläufigen Markt führte im März zu neuen Rekorden bei den Marktanteilen von elektrifizierten Fahrzeugen: In den Top-5-Märkten kletterte der Marktanteil rein elektrisch betriebener Neuwagen von 1,3 Prozent im Vorjahresmonat auf 4,9 Prozent – ein neuer Rekordwert. Plug-in-Hybride erzielten einen Marktanteil von 3,2 Prozent – nach 0,8 Prozent im März 2019. Zusammen kamen elektrifizierte Modelle damit in den Top-5-Märkten auf einen Marktanteil von 8,1 Prozent (Vorjahr: 2,1 Prozent).
Neuzulassungen von Elektroautos in Deutschland
| Marke | Modellreihe | Dez 19 | Jan 20 | Feb 20 | Mrz 20 | 1. Quartal |
| VW | GOLF |
764 |
1.120 |
1.475 |
1524 |
4.119 |
| RENAULT | ZOE |
780 |
1.798 |
1.352 |
945 |
4.095 |
| TESLA | MODEL 3 |
926 |
257 |
610 |
2034 |
2.901 |
| Audi | E-TRON |
182 |
572 |
591 |
721 |
1.884 |
| VW | UP |
42 |
463 |
679 |
662 |
1.804 |
| BMW | I3 |
625 |
551 |
480 |
551 |
1.582 |
| HYUNDAI | KONA |
274 |
358 |
361 |
278 |
997 |
| SMART | FORTWO |
623 |
64 |
387 |
501 |
952 |
| SKODA | CITIGO |
0 |
437 |
167 |
261 |
865 |
| Nissan | LEAF |
134 |
182 |
283 |
255 |
720 |
| OPEL | Corsa |
11 |
622 |
633 |
||
| PORSCHE | TAYCAN |
31 |
167 |
195 |
164 |
526 |
| SMART | FORFOUR |
207 |
42 |
307 |
137 |
486 |
| KIA | SOUL |
107 |
149 |
229 |
99 |
477 |
| HYUNDAI | IONIQ |
35 |
191 |
151 |
134 |
476 |
| MINI | MINI |
324 |
12 |
52 |
326 |
390 |
| Opel | AMPERA |
3 |
145 |
112 |
93 |
350 |
| MERCEDES | GLK, GLC (EQC) |
46 |
75 |
109 |
93 |
277 |
| SEAT | MII |
0 |
70 |
68 |
110 |
248 |
| TESLA | MODEL S |
114 |
70 |
34 |
129 |
233 |
| JAGUAR | I-PACE |
59 |
88 |
58 |
41 |
187 |
| KIA | NIRO |
67 |
32 |
67 |
85 |
184 |
| TESLA | MODEL X |
89 |
40 |
41 |
100 |
181 |
| Nissan | NV200 |
66 |
76 |
44 |
53 |
173 |

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