Ernst & Young: Trotz Mehrwertsteuersenkung immer noch keine Trendwende auf dem deutschen Neuwagenmarkt – Nachfrage nach Elektroautos explodiert
Frankfurt/Main (5.8.20) – Nach einem Rückgang der Neuzulassungen im Juni um 32 Prozent lag der Neuwagenabsatz im Juli erneut im Minus: der Absatz schrumpfte um 5,4 Prozent.
- Bemerkenswert ist das Auseinanderklaffen bei privaten und gewerblichen Neuzulassungen: Während die Zahl der von Privatpersonen getätigten Neuwagenkäufe um sieben Prozent stieg, schrumpften die gewerblichen Neuzulassungen um 12 Prozent.
- Peter Fuß, Partner bei EY, führt diese Entwicklung vor allem darauf zurück, dass in den Vormonaten zahlreiche Neuwageninteressenten ihre Käufe angesichts der Mehrwertsteuersenkung um Juli zurückgestellt hatten. „Private Autokäufer haben sich im Juni zurückgehalten, um von der Mehrwertsteuersenkung zu profitieren. Bei Unternehmen sehen wir hingegen weiterhin eine große Zurückhaltung. Daran dürfte sich in den kommenden Monaten auch wenig ändern.“
- Erholung in Ländern mit Abwrackprämien. Immerhin zwei große europäische Märkte konnten im Juli Erholungstendenzen melden: In Frankreich und Spanien zeigten die dort eingeführten Formen einer Abwrackprämie erneut Wirkung – die Zahl der Neuzulassungen lag in Frankreich um 3,9 Prozent höher als im Vorjahresmonat, in Spanien wurde ein Plus von 1,1 Prozent registriert. In Italien und der Schweiz lagen die Neuzulassungen hingegen jeweils um 11 Prozent niedriger als im Vorjahresmonat, in Österreich betrug das Minus sogar 21 Prozent.
„Der europäische Neuwagenmarkt kommt nur ganz langsam wieder auf die Beine. Da wo es Zuwächse gibt, spielen staatliche Unterstützungsmaßnahmen eine große Rolle. Zudem holen natürlich einige Kunden ihre in der Krise aufgeschobenen Autokäufe jetzt nach“, sagt Fuß. „Es gibt aber noch keine Trendwende – erst im Lauf der kommenden Monate wird sich zeigen, wie die neue Normalität aussieht und wie groß die Kaufbereitschaft ist, wenn die Welle an aufgeschobenen Käufen aus dem ersten Halbjahr abgearbeitet ist.“
- Elektro boomt wie noch nie: Die Einführung der „Innovationsprämie“ – also die Erhöhung der Förderung von Elektroautos durch den Bund von 3.000 auf 6.000 Euro macht Elektroautos preislich noch attraktiver und führt zu einem weiter steigenden Interesse an diesem Segment. Der Absatz von Elektroautos hat sich im Juli gegenüber dem Vorjahresmonat fast verdreifacht (plus 182%). Bei Plug-in-Hybriden lag das Plus sogar bei 485 Prozent, was fast einer Versechsfachung entspricht. Zusammen stiegen die Neuzulassungen elektrifizierter Neuwagen damit um 289 Prozent. Der gemeinsame Marktanteil kletterte von 2,8 auf 11,4 Prozent – jeder neunte im Juli neu zugelassene Pkw hatte also einen elektrischen Antrieb. „Elektrifizierte Antriebe entwickeln sich gerade derzeit sehr stark, dieses Segment fährt langsam aber sicher aus der Nische heraus – allerdings vor allem dank enormer Rabatte“, sagt Fuß. Er rechnet mit einer ähnlich starken Dynamik im weiteren Jahresverlauf. „Derzeit ist bei elektrifizierten Neuwagen die Nachfrage größer als das Angebot. Lange Lieferzeiten sind die Folge. Wenn diese Lieferengpässe in den kommenden Monaten stückweise abgebaut werden, dürften die Neuzulassungen im Elektrosegment noch weiter steigen.“
- Ausblick: Mögliche Erholung im zweiten Halbjahr wird tiefrote Jahresbilanz nicht verhindern. Im bisherigen Jahresverlauf liegt der deutsche Neuwagenmarkt ein Drittel niedriger als im Vorjahr. Fuß rechnet damit, dass sich die Situation in Deutschland in den kommenden Monaten weiter entspannen wird – zum einen, weil weiterhin solche Käufe getätigt würden, die aufgrund der Mehrwertsteuersenkung zunächst aufgeschoben worden waren, zum anderen aber auch aufgrund hoher Rabatte, die einige Hersteller nun werbewirksam angekündigt haben – und weil der Elektroboom anhalten wird.
Zudem habe sich die konjunkturelle Situation zuletzt zumindest auf den ersten Blick etwas entspannt, meint Fuß: „Der ganz große Einbruch auf dem Arbeitsmarkt ist dank Kurzarbeit bislang ausgeblieben. Die Kauflaune kehrt zurück, es ist in vielen Bereichen ein deutlicher Trend in Richtung Normalisierung zu sehen.“
Es sei aber zu früh für eine Entwarnung, mahnt Fuß: „Der aktuelle Anstieg der Infektionszahlen zeigt, dass die Pandemie längst nicht vorüber ist. Und niemand weiß, wie die Situation im Herbst und Winter sein wird. Auch die tatsächliche konjunkturelle Situation ist unklar: Die Gefahr zahlreicher Insolvenzen und entsprechend steigender Arbeitslosenzahlen ist nicht gebannt.“
Zudem profitieren Unternehmen – die immerhin für den Großteil der Neuzulassungen in Deutschland stehen – nicht von der Mehrwertsteuersenkung. Daher rechnet Fuß mit einer weiterhin gedämpften Entwicklung bei den gewerblichen Neuzulassungen. Unterm Strich sei in diesem Jahr insgesamt mit einem Rückgang der Neuzulassungen um bestenfalls 20 Prozent zu rechnen.

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