KPMG: „Brexit-Folgen für Unternehmen negativer als befürchtet“
Berlin (27.4.21) – Rund 100 Tage nach dem Brexit verspüren die meisten Unternehmen negativere Auswirkungen des Brexits als von ihnen noch zu Jahresbeginn befürchtet. Das zeigt eine aktuelle Umfrage von KPMG und der British Chamber of Commerce in Germany (BCCG) unter 93 Mitgliedsfirmen der BCCG. 80 Prozent dieser Unternehmen haben ihren Sitz in Deutschland, die übrigen im Vereinigten Königreich. Als Ergebnis daraus ziehen die Unternehmen erste Konsequenzen. So hat sich eines von sechs befragten Unternehmen entschieden, den Außenhandel mit UK ganz einzustellen. Um den zusätzlichen Belastungen beim Im- und Export zu entgehen, haben Unternehmen auch beschlossen, sich neue Lieferanten abseits des deutsch-britischen Korridors zu suchen: 22 Prozent wollen zu Zulieferern aus anderen Ländern wechseln, und weitere 13 Prozent ersetzen den Import durch lokale Lieferanten. Nur noch weniger als ein Drittel der Befragten will im deutsch-britischen Korridor neue Absatzmärkte und Produktchancen suchen (30 Prozent).
Michael Schmidt, Präsident der BCCG : „Die aktuellen Ergebnisse sind
ein deutliches Alarmsignal. Dass Unternehmen erwägen oder auch
entscheiden, Außenhandelsbeziehungen komplett einzustellen, zeigt
eine weitere Eskalationsstufe im Zuge anhaltend ungelöster Probleme
zwischen beiden Ländern. Dass der Brexit zu heftigen
Handelseinbrüchen führen wird, haben wir als Handelskammer erwartet.
Die jetzige Situation geht aber weit darüber hinaus. Uns erreichen
zunehmend Anfragen britischer Unternehmen,
die sich hierzulande ansiedeln wollen, um Geschäftsbeziehungen mit
Deutschland weiter aufrecht erhalten zu können. Das ist aktuell
offenbar die einzige Möglichkeit für weitere gegenseitige – wenn auch
erst Mal reduzierte – Geschäftsbeziehungen.“
Die Hälfte der Unternehmen verzeichnet seit Jahresbeginn einen
Umsatzrückgang im deutsch-britischen Geschäft, jedes vierte vermeldet
sogar „starke“ Umsatzeinbußen. Auch in puncto Profitabilität sind die
Auswirkungen des Brexits deutlich: 44 Prozent der befragten
Unternehmen erwirtschafteten seit dem 1. Januar 2021 nach eigenen
Angaben Verluste bei ihren Geschäftsaktivitäten zwischen Deutschland
und Großbritannien, weitere 16 Prozent klagen sogar über ein
„starkes“ Ertragsminus.
Andreas Glunz, Bereichsvorstand International Business bei KPMG
Deutschland : „Bereits seit dem Referendum in 2016 sinkt das
Handelsvolumen zwischen Großbritannien und Deutschland rapide. Die
Umsetzung des Brexits hat jetzt in den ersten 100 Tagen zu weiteren
tiefgreifenden Umsatz- und Ergebniseinbrüchen wegen zusätzlicher
Verwaltungskosten, Zölle und Abgaben sowie gestiegener
Transportkosten geführt. Wegen der komplexen Regularien und
aufwändiger Formalitäten hat seit dem Brexit jedes vierte
Unternehmen sogar freiwillig eine eigentlich vermeidbare Verzollung
in Kauf genommen. Zugleich setzt sich der Trend des Austauschs von
Lieferanten im deutsch-britischen Korridor fort, was zu weiteren
Handelsrückgängen führen dürfte. Da auch wenig neue Chancen gesehen
werden, ist auch mittelfristig nicht mit einer Verbesserung zu
rechnen.“
Deutsch-britischer Handel weiter unter Druck
Bei der Bewertung des deutsch-britischen Außenhandels wird der
Warentransfer als eine besondere Herausforderung betrachtet: Drei
Viertel aller befragten Unternehmen berichten von Schwierigkeiten
beim Warenverkehr von Großbritannien nach Deutschland und umgekehrt.
Aber auch Dienstleistungen bereiten den befragten Unternehmen
Schwierigkeiten. Themen wie Mitarbeiterentsendung und
Finanzdienstleistungen bezeichnen jeweils 60 Prozent der Befragten
als Herausforderung, für knapp ein Drittel stellen
Secondments und Mitarbeitereinsatz im jeweils anderen Land sogar eine
„große Herausforderung“ dar.
Zur Umfrage:
Für die „100 Tage Brexit“-Umfrage hat KPMG in Zusammenarbeit mit der
British Chamber of Commerce in Germany (BCCG) 93 Mitgliedsunternehmen
der BCCG im Zeitraum zwischen dem 23. März und dem 12. April 2021 zu
ihren Erfahrungen mit dem Brexit befragt. Die befragten Unternehmen
stammen ausschließlich aus Deutschland (80 Prozent) und
Großbritannien (20 Prozent).

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