Ernst & Young: Vollbremsung auf dem Neuwagenmarkt – Einbruch auf allen großen Märkten
Frankfurt/Main (15.10.21) – Der EU-Neuwagenmarkt ist im September um 23 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat geschrumpft, gegenüber September 2019 ergab sich ein Rückgang um 21 Prozent. Alle großen Märkte lagen im September zweistellig im Minus. Besonders starke Einbußen verzeichneten Italien (minus 33 Prozent) und Deutschland (minus 26 Prozent). Im bisherigen Jahresverlauf liegt der Absatz zwar immer noch über dem Wert des Vorjahres – um 7 Prozent –, aber um 24 Prozent unter dem Niveau von 2019.
„Die Hoffnung, dass der EU-Neuwagenmarkt sich im Laufe des Jahres 2021 vom Krisenjahr 2020 erholen kann, war verfrüht“, sagt Peter Fuß, Partner bei EY. „Stattdessen wird der Absatz aller Wahrscheinlichkeit nach ungefähr auf dem sehr niedrigen Vorjahresniveau liegen – und damit weit unter dem Vorkrisenniveau. Das ist nicht nur ein Problem für die Autohersteller, auch Zulieferer und der Autohandel leiden zunehmend. Der Grund für die enttäuschende Entwicklung ist in erster Linie der Halbleitermangel. Aber auch andere Vorprodukte werden knapp, was in Summe erhebliche Produktionsausfälle zur Folge hat; bei immer mehr Herstellern stehen die Bänder still. Die Nachfrage ist zwar groß, aber die Industrie kann sie nicht bedienen.“
Eine kurzfristige und durchgreifende Besserung sei derzeit nicht zu erwarten, so Fuß: „Materialengpässe und Lieferketten werden die Branche noch bis weit ins Jahr 2022 beschäftigen. Erst zur Jahresmitte rechnen wir mit einer spürbaren Entspannung der Situation.“
Grundsätzlich seien die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen derzeit nicht schlecht, so Fuß: „Neue Lockdowns erscheinen unwahrscheinlich, und der aufgestaute Nachholbedarf ist enorm. Wenn die Industrie wieder lieferfähig ist, werden wir einen kräftigen Boom sehen.“
Fuß rechnet damit, dass die Hersteller vorerst weiter versuchen werden, ihre Produktion und den Modellmix so anzupassen, dass möglichst margenstarke Neuwagen ausgeliefert werden. Zudem sinke die Bereitschaft auf Seiten der Hersteller, Rabatte zu geben. Dennoch rechnet Fuß mit schweren wirtschaftlichen Schäden für die Branche: „Massive Produktionsausfälle, wie wir sie nun zunehmend sehen, führen zu erheblichen Umsatzeinbußen. Der Branche stehen sehr schwierige Monate bevor.“
Elektro-Marktanteil verdoppelt. Die Chipkrise bremst auch die Absatzdynamik auf dem eigentlich boomenden Markt für elektrifizierte Neuwagen: Der Absatz von Elektroautos stieg in den fünf größten Märkten Westeuropas (Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien) im September nur noch um 60 Prozent, nachdem er im August um 67 Prozent und im ersten Halbjahr um 147 Prozent nach oben gegangen war. Noch stärker abgebremst wurde die Wachstumsdynamik bei Plug-in-Hybriden. Diese legten im September in den Top-5-Märkten nur noch um 28 Prozent zu. Im August hatte die Wachstumsrate noch bei 52 Prozent gelegen, im ersten Halbjahr bei 174 Prozent.
Dennoch stieg der Marktanteil elektrifizierter Neuwagen auf ein neues Rekordhoch: 21,5 Prozent aller in den Top-5-Märkten Westeuropas neu zugelassenen Pkw waren entweder Elektroautos (13,3 Prozent) oder Plug-in-Hybride (8,1 Prozent). Zum Vergleich: Vor einem Jahr, im September 2020, kamen Elektroautos und Plug-in-Hybride zusammen auf einen Marktanteil von 10,6 Prozent.
Deutschland wies im September erneut mit 28,7 Prozent den höchsten Marktanteil elektrifizierter Neuwagen unter den Top-5-Märkten auf, gefolgt von Frankreich und Großbritannien (jeweils 21,6 Prozent). In Spanien waren hingegen im September nur 11,5 Prozent der Neuwagen Plug-in-Hybride oder Elektroautos.
„Die Nachfrage nach Elektroautos und Plug-in-Hybriden ist anhaltend hoch – nicht zuletzt dank Kaufprämien und Steuervorteilen“, beobachtet Fuß. „Dass die Wachstumskurve derzeit abflacht, ist allein auf die Lieferschwierigkeiten zurückzuführen.“
Fuß rechnet damit, dass das Absatzwachstum bei elektrifizierten Neuwagen nochmal an Kraft gewinnt, wobei er mittelfristig deutlich bessere Perspektiven für Elektroautos sieht: „Die Hersteller erweitern derzeit zwar ihr Portfolio sowohl an Elektroautos als auch an Plug-in-Hybriden weiter, und in allen Preissegmenten kommen neue attraktive Modelle auf den Markt. Es ist aber klar, dass Plug-in-Hybride nur eine Brückentechnologie darstellen und dass die Entwicklungsressourcen eindeutig auf reine Elektroautos konzentriert werden. Wir sehen bereits eine stärkere Absatzdynamik bei Elektroautos, und die Schere dürfte weiter auseinander gehen.“
Bei reinen Elektroautos beträgt der Marktanteil derzeit in Deutschland 17,1 Prozent, in den Top-5-Märkten liegt er insgesamt bei 13,3 Prozent. Auch Plug-in-Hybride sind in Deutschland überdurchschnittlich beliebt: Ihr Marktanteil liegt in Deutschland bei 11,6 Prozent, in den Top-5-Märkten bei 8,1 Prozent.
Der Zuwachs bei elektrifizierten Neuwagen geht auf Kosten des Marktanteils reiner Verbrenner (Benzin und Diesel). Vor allem der Dieselantrieb verliert enorm an Bedeutung: Im September waren nur noch 15,2 Prozent aller Neuwagen Selbstzünder – vor einem Jahr lag der Anteil noch bei 25,6 Prozent. „Der Diesel wird zunehmend zu einer Randerscheinung auf dem Automarkt. Erstmals wurden im September sowohl in Deutschland als auch in Österreich mehr Elektroautos als Diesel-Fahrzeuge neu zugelassen, in Großbritannien hatten Elektroautos die Selbstzünder bereits im Juni überholt. Dieser Technologiewandel findet in einem enormen Tempo statt, das die Branche zusätzlich unter Druck setzt“, so Fuß.

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