Ernst & Young EY:

EU-Neuwagenmarkt fällt auf Rekordtief – vorerst keine Erholung in Sicht 

Frankfurt/Main (17.2.22) – Auf dem EU-Neuwagenmarkt geht es weiter abwärts: Im Januar schrumpften die Pkw-Neuzulassungen im Vergleich zum Vorjahr um 7 Prozent und erreichten damit ein neues Rekordtief. Gegenüber Januar 2020 ergibt sich sogar ein Rückgang um 29 Prozent. Die größeren Märkte entwickelten sich unterschiedlich – abhängig davon, wie groß der Rückgang im Vorjahr bereits war: Während z.B. in Deutschland, Österreich und Spanien Zuwächse verzeichnet wurden, lagen beispielsweise Italien, Frankreich und Polen zweistellig im Minus.

Die Chipkrise sei nach wie vor der alles beherrschende Faktor, der eine Erholung der Lage verhindere, so Peter Fuß, Partner bei EY: „Die Hersteller könnten sehr viel mehr Neuwagen verkaufen, wenn sie lieferfähig wären. In den vergangenen zwei Jahren hat sich ein enormer Nachholbedarf aufgestaut, die Auftragsbücher sind voll. Der Chipmangel verhindert allerdings eine Rückkehr zur Normalität. Die Auswirkungen des Halbleitermangels sind enorm, wir haben es tatsächlich mit einer historischen Krise zu tun.“

Zumindest in der ersten Jahreshälfte werde sich die Lage nicht bessern, erwartet Fuß. Und für den weiteren Jahresverlauf prognostiziert er ein im besten Fall zaghaftes Wachstum auf weiterhin niedrigem Niveau. „Diese Krise wird noch weit bis ins kommende Jahr reichen, im laufenden Jahr werden wir keine echte Trendwende sehen.“

Belastend könnten sich auch die neuen geopolitischen Spannungen, die hohe Inflation und der hohe Spritpreis auswirken, so Fuß: „Das konjunkturelle Umfeld hat sich zuletzt deutlich eingetrübt. Zwar scheint ein Ende der akuten Corona-Krise im Frühjahr absehbar, aber es ziehen dunkle Wolken am Konjunkturhimmel auf. Unterm Strich bleibt allerdings der Chipmangel der dominierende Aspekt.“

Immerhin sei die Nachfrage nach Neuwagen anhaltend groß, so Fuß: „Die Auftragsbücher der Hersteller sind voll. Und die steigenden Gebrauchtwagenpreise zeigen sehr deutlich, wie groß der Bedarf ist. Viele potenzielle Neuwageninteressenten weichen nun auf junge Gebrauchte aus – oder warten ab.“

Angesichts der akuten Lieferprobleme werden aus Fuß‘ Sicht sowohl die Neuwagenpreise als auch die Gebrauchtwagenpreise auf einem hohen Niveau verharren: „Die Preise bleiben hoch. Rabatte gibt es nur noch in Ausnahmefällen.“

Elektro-Verkäufe steigen nur noch verhalten.

Die Chipkrise bremst auch die Absatzdynamik auf dem Markt für elektrifizierte Neuwagen: Der Absatz von Elektroautos und Plug-in-Hybriden stieg in den fünf größten Märkten Westeuropas (Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien) im Januar um 32 Prozent; im gesamten Vorjahr hatte das Wachstum bei 74 Prozent gelegen.

Besonders stark abgebremst wurde die Wachstumsdynamik bei Plug-in-Hybriden. Deren Absatz kletterte im Januar in den Top-5-Märkten nur noch um 11 Prozent, während bei reinen Elektroautos ein Plus von 59 Prozent verzeichnet wurde.

„Die Chipkrise macht sich zunehmend auch im Elektrosegment bemerkbar – der Absatz elektrifizierter Neuwagen könnte deutlich höher sein, wenn die Industrie lieferfähig wäre. Hinzu kommt, dass in Elektroautos noch mehr Chips verbaut werden als in konventionellen Pkw, so dass der Elektro-Boom den Chipmangel noch zusätzlich befeuert“, beobachtet Fuß.

Der Marktanteil elektrifizierter Neuwagen (Elektro und Plug-in-Hybride zusammen) stieg im Januar im Vergleich zum Vorjahresmonat in den Top-5-Märkten von 12,8 auf 17,3 Prozent. Damit lag er allerdings deutlich unter dem Dezember-Wert. Im Dezember hatten die Hersteller im Bemühen, die ambitionierten Emissionsziele zu erreichen, verstärkt Elektroautos in den Markt gedrückt, was zu einem Rekord-Marktanteil in den Top-5-Märkten von 25,2 Prozent führte.

Deutschland wies im Januar mit 21,6 Prozent den höchsten Marktanteil elektrifizierter Neuwagen unter den Top-5-Märkten auf, gefolgt Großbritannien (20,4 Prozent) und Frankreich (17,6 Prozent).

Fuß rechnet trotz des Chipmangels mit einem weiteren Anstieg der Neuzulassungen in diesem Segment und mit einem weiter steigenden Marktanteil. „Die Nachfrage nach Elektroautos und Plug-in-Hybriden ist enorm gestiegen und wird weiter zulegen – dank hoher Kaufprämien, kräftiger Steuervorteile, neuer Modelle und immer ausgereifteren Technologien“, beobachtet Fuß. „Vor allem im Premium-Segment steigt die Reichweite und sinkt die Ladezeit. Die neuen Modelle sind durchweg alltagstauglich – das Wachstum wird anhalten, wenngleich vorerst mit angezogener Handbremse.“