EZB: Die Wirtschaft im Euro-Währungsgebiet setzt ihre Erholung fort, und die Lage am Arbeitsmarkt verbessert sich weiter.

Frakfurt/Main (17.2.22) –  Dazu tragen nach Ansicht der Europäischen Zentralbank umfangreiche Stützungsmaßnahmen bei. Jedoch dürfte das Wachstum im ersten Quartal 2022 verhalten bleiben, da die derzeitige Welle der Pandemie die Wirtschaftstätigkeit nach wie vor beeinträchtigt. In einigen Branchen wird die Produktion weiterhin durch Engpässe bei Material, Ausrüstung und Arbeitskräften gebremst. Hohe Energiekosten belasten die Einkommen der privaten Haushalte im Euroraum sowie die Erträge der Unternehmen und dürften die Ausgaben dämpfen. Allerdings wird die Wirtschaft mit jeder weiteren Pandemiewelle weniger stark in Mitleidenschaft gezogen, und die Faktoren, die die Produktion und den Konsum bremsen, dürften sich allmählich abschwächen. Dadurch kann die Konjunktur im Lauf des Jahres 2022 wieder kräftig Fahrt aufnehmen.


Die Inflation hat in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen und ist auch im
Januar höher ausgefallen als erwartet. Zurückzuführen ist dies in erster Linie auf
gestiegene Energiekosten, die in vielen Sektoren die Preise für Waren und
Dienstleistungen in die Höhe treiben, sowie auf eine Verteuerung von
Nahrungsmitteln. Die Inflationsrate dürfte länger erhöht bleiben als bislang erwartet,
im Lauf dieses Jahres aber zurückgehen.
Der EZB-Rat bestätigte daher die auf seiner geldpolitischen Sitzung im vergangenen
Dezember gefassten Beschlüsse. Demnach wird der EZB-Rat weiterhin den Umfang
der Ankäufe von Vermögenswerten in den kommenden Quartalen schrittweise
reduzieren. Die Nettoankäufe im Rahmen des Pandemie-Notfallankaufprogramms
(PEPP) werden Ende März eingestellt. In Anbetracht der gegenwärtigen
Unsicherheit muss der EZB-Rat bei der Durchführung der Geldpolitik mehr denn je
Flexibilität und Optionalität wahren. Der EZB-Rat ist bereit, alle seine Instrumente
gegebenenfalls anzupassen, um sicherzustellen, dass sich die Inflation mittelfristig
beim Zielwert der EZB von 2 % stabilisiert.

Wirtschaftstätigkeit

Die Weltwirtschaft zeigte sich im vierten Quartal des vergangenen Jahres weiterhin
widerstandsfähig. Umfrageergebnisse deuten auf ein robustes Wirtschaftswachstum
gegen Ende 2021 hin, wenngleich das Handelswachstum nach wie vor verhalten
war. Bei den Engpässen in den Lieferketten waren erste Anzeichen einer
Entspannung zu erkennen. Allerdings könnten die sich ausbreitende OmikronVariante des Coronavirus (Covid-19) und potenzielle pandemiebedingte
Personalausfälle weitere Lieferkettenstörungen mit sich bringen und auf kurze Sicht Risiken für die globale Konjunkturentwicklung bergen. Die weltweite Inflation ist
weiter angestiegen, worin höhere Energiepreise und ein über die Sektoren hinweg
breiter werdender Preisdruck zum Ausdruck kommen. Im Verlauf des Jahres 2022
wird mit einem Nachlassen des globalen Inflationsauftriebs gerechnet, da die
Energiepreise wieder etwas zurückgehen dürften.

Das vierteljährliche Wirtschaftswachstum im Euro-Währungsgebiet hat sich im
Schlussquartal 2021 auf 0,3 % verlangsamt. Gleichwohl hat die Wirtschaftsleistung
Ende des vergangenen Jahres das Niveau erreicht, das sie vor Ausbruch der
Pandemie hatte. Die Wirtschaftstätigkeit und die Nachfrage dürften auch zu Beginn
des laufenden Jahres aus mehreren Gründen gedämpft bleiben. Erstens
beeinträchtigen die pandemiebedingten Eindämmungsmaßnahmen die
verbrauchernahen Dienstleistungen, insbesondere im Reiseverkehr, Tourismus,
Gastgewerbe und Unterhaltungssektor. Trotz der nach wie vor sehr hohen
Infektionszahlen leidet das Wirtschaftsleben aber inzwischen weniger unter den
Auswirkungen der Pandemie. Zweitens schmälern die hohen Energiekosten die
Kaufkraft der privaten Haushalte und die Erträge der Unternehmen. Dies dämpft den
Konsum und die Investitionen. Und drittens bremsen die in einigen Sektoren
herrschenden Engpässe bei Ausrüstung, Material und Arbeitskräften nach wie vor
die Industrieproduktion, führen zu Bauverzögerungen und verlangsamen die
Erholung in einigen Dienstleistungsbereichen. Es gibt Anzeichen dafür, dass sich
diese Engpässe möglicherweise gerade aufzulösen beginnen. Für einige Zeit
werden sie aber noch bestehen bleiben.

Über die kurze Frist hinaus betrachtet dürfte das Wachstum im Euroraum im
Jahresverlauf 2022 von einer robusten Binnennachfrage gestützt werden und sich im
Gefolge kräftig erholen. Da sich die Lage am Arbeitsmarkt derzeit weiter
verbessert – die Zahl der Erwerbstätigen nimmt zu und die Zahl der in Programme
zur Arbeitsplatzsicherung eingebundenen Arbeitskräfte ab – dürften die Einkommen
und Konsumausgaben der privaten Haushalte steigen. Die weltweite Erholung und
die anhaltenden finanz- und geldpolitischen Stützungsmaßnahmen tragen ebenfalls
zu diesen positiven Aussichten bei. Gezielte und produktivitätssteigernde
finanzpolitische Maßnahmen sowie Strukturreformen, die auf die Bedingungen in
den verschiedenen Ländern des Euroraums abgestimmt sind, bleiben ein zentrales
Element, um die Geldpolitik effektiv zu ergänzen.

Inflation

Die Inflation im Eurogebiet stieg von 5,0 % im Dezember 2021 auf 5,1 % im
Januar 2022. Sie dürfte auf kurze Sicht hoch bleiben. Hauptgrund für die erhöhte
Teuerungsrate sind weiterhin die Energiepreise. Im Januar war mehr als die Hälfte
der Gesamtinflation auf die direkten Auswirkungen der Energiepreise
zurückzuführen. Außerdem treiben die Energiekosten die Preise von Waren und
Dienstleistungen in vielen Sektoren in die Höhe. Auch die Preise für Nahrungsmittel
haben angezogen, was saisonalen Faktoren, erhöhten Transportkosten und der
Verteuerung von Düngemitteln geschuldet ist. Zudem steigen die Preise nun auf
breiterer Front: Zahlreiche Waren und Dienstleistungen sind deutlich teurer geworden. Die meisten Messgrößen der zugrunde liegenden Inflation verzeichneten
in den vergangenen Monaten einen Anstieg. Doch aufgrund des Einflusses
temporärer Pandemiefaktoren ist weiterhin ungewiss, wie lange dieser Anstieg
anhalten wird. Marktbasierte Indikatoren lassen darauf schließen, dass sich die
Energiepreisentwicklung im Jahresverlauf 2022 verlangsamen wird. Der von
weltweiten Lieferengpässen ausgehende Preisdruck dürfte ebenfalls nachlassen.
Die Lage am Arbeitsmarkt verbessert sich weiter, wobei das Lohnwachstum
insgesamt jedoch nach wie vor gedämpft ist. Die Rückkehr der Wirtschaft zu einer
vollen Kapazitätsauslastung dürfte mit der Zeit ein schnelleres Lohnwachstum
begünstigen. Die marktbasierten Messgrößen der längerfristigen
Inflationserwartungen sind seit der vorangegangenen geldpolitischen Sitzung des
EZB-Rats im Dezember 2021 im Wesentlichen unverändert bei Werten von knapp
unter 2 % geblieben, während die jüngsten umfragebasierten Messgrößen bei rund
2 % liegen. Diese Faktoren werden sich ebenfalls weiter auf die zugrunde liegende
Inflation auswirken und dazu beitragen, dass sich die Gesamtinflation dauerhaft
beim Zielwert der EZB von 2 % einpendelt.

Risikobewertung

Der EZB-Rat bewertet die Risiken für die Konjunkturaussichten im EuroWährungsgebiet auf mittlere Sicht weiterhin als weitgehend ausgewogen. Die
Wirtschaftsleistung könnte die Erwartungen übertreffen, sofern die privaten
Haushalte an Vertrauen gewinnen und weniger sparen als angenommen. Die
pandemiebedingten Unsicherheiten haben zwar etwas nachgelassen, doch die
geopolitischen Spannungen haben zugenommen. Außerdem könnten anhaltend
hohe Energiekosten den Konsum und die Investitionstätigkeit stärker dämpfen als
erwartet. Das Tempo, in dem sich die Lieferengpässe auflösen, stellt ein weiteres
Risiko für die Wachstums- und die Inflationsaussichten dar. Verglichen mit den
Erwartungen des EZB-Rats vom Dezember 2021 sind die Risiken für die
Inflationsaussichten – vor allem auf kurze Sicht – aufwärtsgerichtet. Sollte der
Preisdruck dazu führen, dass die Löhne stärker als erwartet ansteigen, oder die
Wirtschaft rascher zur Vollauslastung zurückkehren, dann könnte die Inflation höher
ausfallen.

Finanzielle und monetäre Bedingungen

Die Marktzinsen sind seit der Sitzung des EZB-Rats vom Dezember 2021 gestiegen.
Allerdings halten sich die Refinanzierungskosten der Banken bislang weiterhin im
Rahmen. Die Zinsen für Bankkredite an Unternehmen und private Haushalte liegen
nach wie vor auf einem historisch niedrigen Niveau, und die
Finanzierungsbedingungen für die Wirtschaft bleiben günstig. Die Kreditvergabe an
Unternehmen hat sich über alle Laufzeiten hinweg erhöht. Die robuste Nachfrage
nach Immobilienkrediten stützt die Kreditvergabe an die privaten Haushalte. Die
Banken sind derzeit so profitabel wie vor der Pandemie und weisen nach wie vor
solide Bilanzen auf.

Der jüngsten Umfrage zum Kreditgeschäft im Euro-Währungsgebiet zufolge zog die
Nachfrage nach Unternehmenskrediten im Schlussquartal 2021 kräftig an.
Zurückzuführen war dies auf den höheren Betriebsmittelbedarf infolge von
Lieferengpässen sowie den gestiegenen Finanzierungsbedarf für längerfristige
Investitionen. Des Weiteren schätzen die Banken die Kreditrisiken weiterhin
insgesamt als günstig ein, vor allem, weil sie von positiven Konjunkturaussichten
ausgehen.

Geldpolitische Beschlüsse

Vor diesem Hintergrund bestätigte der EZB-Rat in seiner geldpolitischen Sitzung im
Februar 2022 die auf der vorangegangenen Sitzung im Dezember 2021 gefassten
Beschlüsse.

Der EZB-Rat wird im ersten Quartal 2022 geringere Nettoankäufe von
Vermögenswerten im Rahmen des PEPP tätigen als im vergangenen Quartal. Die
Nettoankäufe im Rahmen des PEPP werden Ende März 2022 eingestellt.
Der EZB-Rat beabsichtigt, die Tilgungsbeträge der im Rahmen des PEPP
erworbenen Wertpapiere mindestens bis Ende 2024 bei Fälligkeit wieder anzulegen.
Das künftige Auslaufen des PEPP-Portfolios wird in jedem Fall so gesteuert, dass
eine Beeinträchtigung des angemessenen geldpolitischen Kurses vermieden wird.
Die Pandemie hat gezeigt, dass – unter Stressbedingungen – Flexibilität bei der
Gestaltung und Durchführung der Ankäufe von Vermögenswerten dazu beigetragen
hat, der Beeinträchtigung der Transmission der Geldpolitik entgegenzuwirken.
Zudem hat sie die Effektivität der Bemühungen beim Erreichen des Ziels des EZBRats erhöht. Unter Stressbedingungen wird Flexibilität im Rahmen des Mandats des
EZB-Rats auch in Zukunft ein Bestandteil der Geldpolitik bleiben, wann immer das
Erreichen von Preisstabilität durch Gefahren für die geldpolitische Transmission
bedroht ist. So lassen sich insbesondere Wiederanlagen im Rahmen des PEPP
jederzeit flexibel über Zeitverlauf, Anlageklassen und Länder hinweg anpassen,
wenn es im Zusammenhang mit der Pandemie zu einer neuerlichen
Marktfragmentierung kommt. Dies könnte den Ankauf von durch die Hellenische
Republik begebenen Anleihen umfassen, der über die Wiederanlage von
Tilgungsbeträgen hinausgeht, um eine Unterbrechung von Ankäufen in diesem Land
zu vermeiden. Eine solche Unterbrechung könnte die Transmission der Geldpolitik
auf die griechische Wirtschaft beeinträchtigen, während diese sich noch von den
Folgen der Pandemie erholt. Nettoankäufe im Rahmen des PEPP könnten
erforderlichenfalls wieder aufgenommen werden, um negativen Schocks im
Zusammenhang mit der Pandemie entgegenzuwirken.

Der Umfang der monatlichen Nettoankäufe im Rahmen des Programms zum Ankauf
von Vermögenswerten (APP) wird sich im zweiten Quartal 2022 auf 40 Mrd € und im
dritten Quartal auf 30 Mrd € belaufen. Dies steht im Einklang mit der im
Dezember 2021 beschlossenen schrittweisen Reduzierung der Ankäufe von
Vermögenswerten und stellt sicher, dass der geldpolitische Kurs weiterhin mit einer
mittelfristigen Stabilisierung der Inflation beim Zielwert des EZB-Rats vereinbar ist.