SGVHT: Ukraine-Krieg und Inflation überschatten das Geschäft

Frankfurt/Main (8.3.22) – Seine Premiere als geschäftsführender Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen (SGVHT) hatte sich Stefan Reuß sicherlich in einer sorgloseren Zeit vorgestellt. Doch seit dem Überfall Rußlands auf  die Ukraine belastet dieser Krieg natürlich auch die Geschäftsaussichten der Sparkassen in Hessen und Thüringen und damit des SGVHT. Aber nicht nur der Ukraine-Krieg, sondern auch die Inflation bereiten den Sparkassen und damit auch Stefan Reuß Sorgen.  Die Inflation drohe  nach Ansicht von Reuß die soziale Spaltung in der Gesellschaft zu vertiefen. Denn sie treffe die Menschen besonders hart, die ohnehin nicht viel Geld zur Verfügung hätten. Aber auch für Sparer sei die Geldentwertung ein schwerer Schlag, drücke sie doch die Realrenditen von konservativen Anlagen tief ins Minus.

Da die Teuerungsrate auch zum Jahreswechsel 2022 praktisch unverändert geblieben sei, spreche vieles dafür, dass die Inflation ein länger anhaltendes Phänomen bleiben werde. Die Europäische Zentralbank (EZB) ziehe daraus aber noch keine konkreten Schlüsse. Mit ihrer fortgesetzten lockeren Geldpolitik bekämpfe sie weiterhin die Deflation – und das, obwohl die Arbeitslosenrate im Euroraum auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen gesunken sei und für das laufende Jahr eine Inflationsrate von 5% vorhergesagt werde.

„Bundesbankpräsident Joachim Nagel hat zurecht gefordert, dass die EZB ihre Geldpolitik anpassen müsse, wenn es das Ziel der Preisstabilität erfordere. Wenn man die Maßstäbe des EZB-Rates zugrunde legt, dann lässt sich dieses Ziel mit einer mittelfristigen Inflation von 2% am besten erreichen. Diese Grenze der Preisstabilität ist jetzt aber deutlich überschritten und wird sich nach Lage der Dinge auch nicht automatisch zurückbilden. Es ist deshalb Zeit zu handeln, auch wenn bei der anstehenden Sitzung des EZB-Rates wegen des Kriegs in der UkraineSie drohe die soziale Spaltung in der Gesellschaft zu vertiefen. Denn sie treffe die Menschen besonders hart, die ohnehin nicht viel Geld zur Verfügung hätten. Aber auch für Sparer sei die Geldentwertung ein schwerer Schlag, drücke sie doch die Realrenditen von konservativen Anlagen tief ins Minus.

Die Corona-Krise, die plötzlich wieder auf der Agenda stehende Inflation und ein Krieg mitten in Europa seien nur einige Beispiele dafür, dass der Veränderungstakt immer schneller schlage. Die Sparkassen müsstendeshalb offen für Neues sein, dabei aber auch den eigenen Wesenskern bewahren. Dieser Grundsatz gelte auch für die Filialen, die großen Anteil am Erfolg der Sparkassen hätten, weil sie deren starke Verwurzelung in der Region und den Menschen vor Ort symbolisierten und absicherten. Die Präsenz in der Fläche werde ein unverzichtbares Strukturelement der Institute bleiben, auch wenn die Zahl der Standorte weiter abnehmen werde. Es sei zu akzeptieren, dass immer mehr Kunden lieber die telefonischen und digitalen Angebote nutzten. „Die Sparkassen sind immer gut damit gefahren, nahe am Kunden zu sein. Da diese ihre Aktivitäten verstärkt ins Internet verlagern, müssen wir dort noch präsenter sein“, betonte Reuß.

Die Sparkassenorganisation sei für den Trend zur Digitalisierung gut gerüstet. Sie gebe gerade bei innovativen Themen in der deutschen Kreditwirtschaft oft das Tempo vor, auch bei der European Payments Initiative (EPI). „Man kann nicht immer darüber lamentieren, dass die Bigtechs der Kreditwirtschaft die Butter vom Brot nehmen und sich dann in die Büsche schlagen, wenn sich eine Lösung für dieses Problem abzeichnet. Manche Vertreter von anderen Bankengruppen in Deutschland und Europa scheinen das jedoch anders zu sehen. EPI muss deshalb vorerst leider als gescheitert angesehen werden. Die Sparkassen werden ihrer Kundschaft aber andere innovative Angebote unterbreiten können und sich im Verbund intensiv dafür einsetzen, ergänzende Lösungen mit europäischen Partnern zu finden“, kündigte Reuß an.

Staaten sollten Kryptowährungen an die Kette legen

Bei Kryptowährungen plädierte er für einen differenzierenden Blick. Bitcoins und Co. taugten sicherlich nicht als Anlageobjekte für die breite Sparkassenkundschaft. Technisch seien sie aber nichts anderes als ein digitales Zahlungsmittel auf Basis der Blockchain-Technologie, die auch den Banken neue Chancen eröffne. Die Digitalisierung des Geldes nehme zunehmend Fahrt auf. „Das kann negative Folgen für unsere Nahrungskette im Zahlungsverkehr haben. Deshalb muss sich die Sparkassenorganisation mit dieser Thematik beschäftigen, obwohl uns manche jetzt schon wieder vorwerfen, wir würden unseren Kunden bald das Zocken mit Kryptos ermöglichen. Diese Kritiker sind oft dieselben, die uns sonst für verstaubt und verschlafen halten. Im Übrigen dürfen die Staaten die Kryptowährungen gerne an die Kette legen und diese genauso konsequent und engmaschig durchregulieren wie den Bankensektor. Das ist auch im Interesse der Politik selbst. Denn im Kern geht es hier um den Erhalt des staatlichen Währungsmonopols“, machte er deutlich.

Nachhaltigkeit und Sustainable Finance

Ganz weit oben auf der Agenda stehe bei den Sparkassen der Themenkomplex Nachhaltigkeit und Sustainable Finance. Den Sparkassen komme bei der Begleitung der Energiewende eine Schlüsselrolle zu. „Unsere Institute wissen seit vielen Jahren, wie man Risiken managt und wie das Risikomanagement an aktuelle Erfordernisse anzupassen ist. Sie weisen außerdem die erforderliche starke Kapitalisierung auf, um den großen Umbau mitfinanzieren zu können“, stellte Reuß klar. Er warnte allerdings davor, dass die zunehmenden regulatorischen Anforderungen an die Eigenkapitalausstattung der Banken und Sparkassen nicht deren Kreditvergabefähigkeit konterkarieren dürften. Die Rückkehr des inländischen antizyklischen Kapitalpuffers und die Einführung des neuen sektoralen Systemrisikopuffers für Wohnimmobilien seien hier zu nennen, aber auch Basel IV und ein etwaiger Klima-Malus in Form von Kapitalzuschlägen, mit dem sich die europäische Aufsicht bereits beschäftige. „Die einzelnen Maßnahmen sind zu verkraften. Das Problem ist aber der kumulative Effekt. Denn man muss kein Rechenkünstler sein: Wenn der Regulator das Eigenkapital an mehreren Stellen künstlich schrumpft, dann steht dieser verschwundene Teil nicht mehr für neue Kredite zur Verfügung“, warnte Reuß.

Neue regulatorische Großfront droht

Der Sparkassenpräsident äußerte die Befürchtung, dass mit der Nachhaltigkeit eine neue regulatorische Großfront eröffnet werde, die den Geschäftsbetrieb von Banken und Sparkassen zu lähmen drohe: „Auf der einen Seite kann sich die Politik im europäischen Kontext nicht auf ein gemeinsames Grundverständnis einigen, was künftig nachhaltig sein soll und was nicht. Die EU-Taxonomie wirkt deshalb auf der politischen Metaebene ein bisschen wie das Leipziger Allerlei: Irgendwie ist dann doch fast alles erlaubt, einschließlich Atomenergie und Gas, wenn auch vorerst nur vorübergehend, aber wer weiß.“

Auf der anderen Seite schreibe die Taxonomie-Verordnung den Instituten auf der praktischen Ebene mit einer bemerkenswerten Granularität vor, was sie künftig noch finanzieren dürften. „Im Mittelalter hat sich die scholastische Philosophie mit der Frage beschäftigt, wie viele Engel auf eine Nadelspitze passen. Heute erlebt die Scholastik in der Nachhaltigkeits-Regulatorik ein ungeahntes Comeback. So wird künftig die Finanzierung einer Eigentumswohnung nur dann taxonomiekonform sein, wenn Wasserhähne und Duschköpfe einen maximalen Wasserdurchlass von 6 bzw. 8 Litern pro Minute erlauben und noch viele andere Bedingungen erfüllt sind. Wie diese aufwändige Detail-Prüfung in der Praxis bewältigt werden soll, erschließt sich mir noch nicht“, sagte Reuß.

Verbindlichkeit und Verlässlichkeit gefragt

Die große Transformation werde nicht von heute auf morgen gehen. Wenn der Strom künftig das Maß aller Dinge sein solle, dann müsse er auch fließen. Einen echten Durchbruch werde es erst mit einer flächendeckenden Infrastruktur bei den neuen Leitungen und bei den Ladesäulen geben. Dafür könnten nur Politik und Staat sorgen. Hier seien Verbindlichkeit und Verlässlichkeit gefragt. Ansonsten würden sich Private und Firmen weiterhin mit Investitionen zurückhalten. Der Wandel zu mehr Nachhaltigkeit müsse zudem sozial abgefedert werden. Wenn der Gebäudebestand wie geplant CO2-neutral saniert werden solle, bedürfe es neben einem klaren politischen Konzept vor allem massiver öffentlicher Fördermittel. Einen plötzlichen Förderstopp wie gerade bei den energieeffizienten Gebäuden dürfe es nicht nochmal geben. Denn das zerstöre Planungssicherheit und Vertrauen.

Der Umbau werde nur gelingen, wenn die breite Bevölkerung dabei mitmache und sie akzeptiere. Der Wandel müsse daher so gestaltet werden, dass vor Ort neue Perspektiven entstünden. „Unsere Sparkassen werden den notwendigen Veränderungsprozess mit ihren Angeboten flankieren. Sie sehen ihre Rolle vor allem darin, ihre Kunden auf deren Weg in Richtung Nachhaltigkeit langfristig zu begleiten, zu unterstützen und nicht fallen zu lassen. Mit diesem Ansatz werden wir unserer realwirtschaftlichen Verantwortung und unserer regionalen Verankerung am besten gerecht“, hob Reuß hervor.

Landesbankensektor

Zum Schluss äußerte er sich noch zur Konsolidierung im Landesbankensektor. Über die Sinnhaftigkeit eines zentralen Spitzeninstituts herrsche in der Sparkassenorganisation grundsätzlich Einvernehmen. Ein solches Institut könne mit deutlich weniger Risiken und wesentlich effizienter arbeiten. Über den Weg dorthin bestünden aber noch sehr unterschiedliche Vorstellungen. „In unserer Organisation gibt es Partikularinteressen, die ihre eigene rationale Logik haben mögen, wenn man sich den vermeintlichen Luxus erlaubt, nicht das Ganze zu sehen, von dem man aber nun einmal ein Teil ist. In der Summe führen diese Partikularinteressen nicht wirklich zu überzeugenden Ergebnissen. Mit dem Verkauf der Berlin Hyp an die LBBW wurde eine strategische Chance in Richtung eines Zentralinstituts mit einer möglichst weitgehenden Sparkassenträgerschaft nicht genutzt. Dennoch werde ich auch in Zukunft nicht müde, dafür zu werben, dass wir als  SparkassenFinanzgruppe den Weg zu einem Zentralinstitut weiterverfolgen und sehr klar die Rahmenbedingungen dafür definieren. Der SGVHT wird hier weiter ein Treiber sein“, kündigte Reuß an.