Ernst & Young EY: EU-Neuwagenmarkt fällt auf Rekordtief – weitere Einbrüche zu erwarten
Frankfurt/Main (17.3.22) – Kein Ende der Krise auf dem Neuwagenmarkt in Sicht: Im Februar schrumpften die Pkw-Neuzulassungen in der EU im Vergleich zum Vorjahresmonat um sieben Prozent und erreichten damit ein neues Rekordtief. Gegenüber dem Vor-Pandemieniveau (Februar 2019) ergibt sich sogar ein Rückgang um 30 Prozent.
Die größeren Märkte entwickelten sich unterschiedlich – abhängig davon, wie groß der Rückgang im Vorjahr bereits war: Während z.B. in Deutschland und Spanien jeweils ein einstelliges Wachstum erzielt wurde, lagen beispielsweise Frankreich, Italien, Polen und auch Österreich zweistellig im Minus.
Die Chipkrise sei im Februar der entscheidende Faktor gewesen, der eine Erholung verhindert habe, so Peter Fuß, Partner bei EY: „Im Februar waren es vor allem fehlende Halbleiter, die zu erheblichen Einschränkungen in der Neuwagenproduktion führten. Seit Ende Februar hat sich die Situation nochmal massiv verschärft. Neue Engpässe bei wichtigen Zulieferprodukten führen zu Produktionsstillständen. Die Lieferfähigkeit der Autohersteller hat sich damit weiter erheblich verschlechtert; wir werden in den kommenden Monaten daher erneut sinkende Neuzulassungszahlen sehen. Die Branche arbeitet mit Hochdruck daran, fehlende Bauelemente und Rohstoffe von bisherigen Lieferanten aus der Ukraine und Russland durch andere Bezugsquellen zu ersetzen bzw. die Produktion an anderen Standorten hochzufahren – das braucht allerdings etwas Zeit. Für die Kunden heißt das: Die Verfügbarkeit von Neuwagen wird sich weiter verschlechtern, die Lieferzeiten werden noch länger, die Preise gehen vermutlich weiter in die Höhe.
Zunehmend könnten sich in den kommenden Wochen aber auch Probleme auf der Nachfrageseite ergeben, meint Fuß: „Die steigende Inflation, dementsprechend sinkende Reallöhne und rekordhohe Spritpreise dürften sich dämpfend auf die Nachfrage nach Neuwagen auswirken. Eine Konjunkturschwäche, die aufgrund der aktuellen Rahmenbedingungen durchaus möglich scheint, würde die Nachfrage ebenfalls negativ beeinflussen.“
Elektro-Verkäufe steigen nur noch verhalten.
Die Chipkrise bremst weiterhin auch die Absatzdynamik auf dem Markt für elektrifizierte Neuwagen, gerade bei Plug-in-Hybriden: Der Absatz von Elektroautos und Plug-in-Hybriden stieg in den fünf größten Märkten Westeuropas (Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien) im Februar insgesamt um 36 Prozent; im gesamten Vorjahr hatte das Wachstum bei 74 Prozent gelegen.
Besonders stark abgebremst wurde die Wachstumsdynamik bei Plug-in-Hybriden. Deren Absatz kletterte im Februar in den Top-5-Märkten nur noch um 11 Prozent, während bei reinen Elektroautos ein Plus von 67 Prozent verzeichnet wurde.
„Die Chipkrise hat längst das Elektrosegment erreicht – der Absatz elektrifizierter Neuwagen könnte deutlich höher sein, wenn die Industrie lieferfähig wäre. Hinzu kommt, dass in Elektroautos noch mehr Chips verbaut werden als in konventionellen Pkw, so dass der Elektro-Boom den Chipmangel noch verstärkt“, beobachtet Fuß.
Der Marktanteil elektrifizierter Neuwagen (Elektro und Plug-in-Hybride zusammen) stieg im Februar im Vergleich zum Vorjahresmonat in den Top-5-Märkten von 13,0 auf 18,8 Prozent. Damit lag er allerdings deutlich unter dem Dezember-Wert. Im Dezember hatten die Hersteller im Bemühen, die ambitionierten Emissionsziele zu erreichen, verstärkt Elektroautos in den Markt gedrückt, was zu einem Rekord-Marktanteil in den Top-5-Märkten von 25,2 Prozent führte.
Großbritannien wies im Februar mit 25,6 Prozent den höchsten Marktanteil elektrifizierter Neuwagen unter den Top-5-Märkten Westeuropas auf, gefolgt von Deutschland (24,9 Prozent).
Bei reinen Elektroautos lag ebenfalls Großbritannien mit einem Anteil von 17,7 Prozent im Februar vorn, während Plug-in-Hybride in Deutschland am beliebtesten waren (Marktanteil: 10,8 Prozent).
Fuß rechnet aufgrund der Ukraine-Krise und den daraus resultierenden erheblichen Produktionsausfällen mit vorübergehend eher schwachen Produktions- und Verkaufszahlen bei elektrifizierten Neuwagen – trotz einer nach wie vor hohen Nachfrage. Die immer längeren Lieferzeiten könnten nach seiner Einschätzung zudem zu Verunsicherung bei potenziellen Käufern führen, da die Elektroauto-Prämie nur noch bis Ende 2022 gilt und für die Gewährung der Prämie das Datum der Zulassung ausschlaggebend ist. „Wir kennen die Förderrichtlinien für 2023 noch nicht. Wer heute ein Elektroauto mit einer langen Lieferzeit bestellt, weiß also nicht, wie viel Förderung letztlich zu erwarten ist.“

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