Ernst & Young EY:
EU-Neuwagenmarkt wächst weiter, bleibt aber unter Vorkrisenniveau
Stuttgart (21.11.23) – Das Wachstum auf dem EU-Neuwagenmarkt gewinnt zum Jahresende hin an Fahrt: Im Oktober legte der Pkw-Absatz laut dem Branchenverband ACEA um 15 Prozent zu, nachdem im September nur ein Wachstum von neun Prozent registriert worden war. Alle großen Märkte bis auf Deutschland lagen zweistellig im Plus. In Deutschland hatte das Auslaufen der staatlichen Zuschüsse für gewerbliche E-Auto-Käufe zu einem Einbruch bei den Elektro-Neuzulassungen geführt, der auch den Gesamtmarkt stark bremste.
EU-weit wurde im Oktober nur in zwei Ländern ein Rückgang der Neuzulassungen gemeldet – die große Mehrheit der EU-Länder verzeichnete also ein Marktwachstum. Allerdings bleibt der Neuwagenabsatz weiterhin unter dem Vorkrisenniveau: Im Vergleich zu Oktober 2019 fehlten im vergangenen Monat etwa 50.000 verkaufte Neuwagen, der Absatz lag damit um fünf Prozent unter dem Vorkrisenniveau. Im bisherigen Jahresverlauf ergibt sich sogar eine Lücke von 20 Prozent.
„Das Marktwachstum in der EU hält zwar an, aber zum einen liegen wir weiter deutlich unter dem Vorkrisenniveau, zum anderen sind die Aussichten alles andere als rosig“, sagt Constantin M. Gall, Managing Partner und Leiter Mobility bei EY für die Region Europe West. „Während der Neuwagenabsatz im laufenden Jahr um etwa 16 Prozent wachsen dürfte, wird es im kommenden Jahr wohl kaum noch aufwärts gehen. Dann werden sich zunehmen die Auswirkungen der aktuellen Konjunkturschwäche zeigen. Hohe Finanzierungskosten und die erheblichen geopolitischen Spannungen tragen ebenfalls dazu bei, dass sowohl Privatleute als auch Unternehmen beim Autokauf zurückhaltend sind. Für die Autobranche dürfte 2024 ein schwieriges Jahr werden – zumal auch fehlende Komponenten und Softwareprobleme immer wieder ein Thema sind und sogar zu Modellverschiebungen führen.“
Gall rechnet damit, dass immer mehr Hersteller an der Preisschraube drehen werden: „Um den Absatz anzukurbeln, haben bereits einige Hersteller begonnen, Sonderfinanzierungen, Aktionen und günstigen Sondermodellen anzubieten. Weitere werden folgen. Die Kunden können sich freuen: Es gibt wieder Rabatte.“
Wachstum bei Elektroautos in den meisten Ländern weiterhin stark
Im September legte das Elektrosegment EU-weit aufgrund der sehr schwachen Entwicklung in Deutschland nur um 14 Prozent zu. Im Oktober ging es in Deutschland wieder stärker aufwärts und damit gewann das Wachstum auch in der gesamten EU wieder an Fahrt: Die Zahl der neu zugelassenen Elektroautos stieg im Oktober um 36 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Marktanteil von Elektroautos stieg ebenfalls: von 12,0 auf 14,2 Prozent in der EU.
Gall betont: „In den meisten Ländern gibt es nach wie vor attraktive Fördermaßnahmen für den Kauf von Elektroautos, und wir sehen: Wo viel gefördert wird, wird auch viel gekauft. Gerade im unteren und mittleren Preissegment fällt die Förderung prozentual stark ins Gewicht.“
Elektroautos in Skandinavien am populärsten – niedrige Marktanteile in Ost- und Südeuropa
Innerhalb der EU bestehen hinsichtlich der Marktanteile von Elektroautos erhebliche Unterschiede: Die höchsten Marktanteile wurden im Oktober in Schweden und Dänemark mit 38 bzw. 36 Prozent registriert. Die niedrigsten Marktanteile weisen nach wie vor die südost- und osteuropäischen Märkte auf. So betrug der BEV-Marktanteil in der Slowakei und Polen gerade mal drei Prozent, in Kroatien lag er sogar nur bei zwei Prozent. Berücksichtigt man zusätzlich Plug-in-Hybride, wird der Unterschied noch deutlicher – dann reicht die Spanne von fünf Prozent (gemeinsamer Marktanteil BEV und PHEV) in Bulgarien bis 61 Prozent in Schweden.
„Die Unterschiede innerhalb der EU sind enorm“, sagt Gall. „Und sie werden sogar immer größer. In Skandinavien sind elektrifizierte Neuwagen bereits in der Mehrheit, in Osteuropa spielen Elektroautos hingegen auf dem Neuwagenmarkt quasi keine Rolle, sie sind nach wie vor ein absolutes Nischenprodukt. Die ambitionierten EU-Pläne für die Elektromobilität, denen zufolge ab 2035 keine Verbrenner mehr neu zugelassen werden sollen, sind in Teilen Europas so weit von der heutigen Realität entfernt, dass man sich Sorgen um ihre Realisierbarkeit machen muss. Hohe Preise und eine unzureichende Ladeinfrastruktur verhindert in vielen EU-Ländern ein stärkeres Marktwachstum.“
Positiv bewertet Gall allerdings, dass von immer mehr Herstellern inzwischen konkrete Modellankündigungen im 20.000-Euro-Bereich kommen: „Im niedrigeren Preissegment tut sich etwas, und das ist sehr gut so. Denn bislang war E-Mobilität in erster Linie eine Mobilität für Besserverdiener. Im wichtigen Klein- und Kompaktwagensegment war das Angebot bislang äußerst übersichtlich.“
Plug-in-Hybride gewinnen in den meisten Ländern weiter Marktanteile
Seit es für Plug-in-Hybride in Deutschland keine Umweltprämie mehr gibt, steht diese Antriebstechnologie in Deutschland stark unter Druck. In anderen EU-Ländern erfreuen sich Plug-in-Hybride – auch dank anhaltender Förderung – aber weiter steigender Beliebtheit. In 21 der 27 Ländern legte der Absatz von Plug-in-Hybriden zu, außerhalb Deutschlands stieg er insgesamt um 27 Prozent. Einschließlich Deutschlands ergab sich allerdings ein Rückgang um fünf Prozent.

Stay In Touch