AGI Marktausblick 2024:

Neue Unsicherheiten, neue Chancen?

Frankfurt/Main (6.12.23) –  Anders als der Konsens rechnen wir in den USA mit einer Rezession. Unserer Ansicht nach könnten die Märkte gleichwohl unterschätzen, wie lange die großen Zentralbanken die Zinsen noch auf einem höheren Niveau halten müssen. In einer Ära, in der Geld wieder etwas kostet, werden nicht alle Anlagen gut performen. Daher wird ein aktiver Ansatz bei Auswahl und Management von Investitionen von entscheidender Bedeutung sein. Die Ungewissheit in Bezug auf den Wachstumsausblick, die Zinsentwicklung und geopolitische Ereignisse dürfte für eine erhöhte Volatilität sorgen. Durch Verschiebungen an den Märkten können sich aber auch Gelegenheiten bieten, langfristige Positionen auf der Grundlage starker Überzeugungen aufzubauen. Unserer Ansicht nach bilden sich attraktive Anlagebedingungen für festverzinsliche Anlagen heraus. Außerdem sehen wir Einstiegschancen an den Aktienmärkten, insbesondere für Strategien mit Qualitätsfokus und thematischer Ausrichtung. Die Diversifikation wird ein Muss sein: In bestimmten Private-Market-Anlageklassen wie Private Credit und Infrastruktur könnten sich durch das Marktumfeld und die Bewertungen gute Anlagemöglichkeiten eröffnen. Die Zinsen scheinen ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Dadurch entsteht ein neues Anlageumfeld – mit Chancen, wie es sie vielleicht seit vielen Jahren nicht mehr gegeben hat. Angesichts der Performanceunterschiede zwischen Unternehmen, Anlageklassen und Volkswirtschaften sind in diesem Umfeld Portfoliodiversifikation und mutige, auf gut begründeten Überzeugungen basierende Anlageentscheidungen besonders wichtig. Die Unsicherheit ist nach wie vor groß und wird durch einen potenziellen Ölpreisschock und die US-Wahlen im November 2024 noch verstärkt. Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Aus Anlegersicht könnte es sich wieder lohnen, stärker ins Risiko zu gehen. Die Kapitalmarktexperten von Allianz Global Investors schildern in aller Kürze ihre Sicht auf das Jahr 2024. Link zum vollständigen Ausblick 2024.

Makroökonomischer Ausblick: Weniger Wachstum – mehr Ertrag?
Die Konsensmeinung zum globalen Wirtschaftswachstum – und vor allem zum Wachstum in den USA – ist weiterhin relativ optimistisch. Die meisten Ökonomen erwarten eine „weiche Landung“ der US-Wirtschaft. Internationale Institutionen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) oder die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erwarten eine weltweite Wachstumsabschwächung, gefolgt von einer Erholung im Jahr 2024. Die Wachstumsprognosen der Zentralbanken gehen in die gleiche Richtung. Die bislang robuste Wirtschaftsaktivität – vor allem in den USA – scheint diesen recht positiven Ausblick zu bestätigen. Unserer Einschätzung nach könnten sich die aktuellen Konsensprognosen allerdings als zu optimistisch erweisen – aus mehreren Gründen: Zunächst einmal sind Ökonomen notorisch schlecht darin, Rezessionen vorherzusehen. Zweitens deuten verschiedene Frühindikatoren nach wie vor darauf hin, dass die USA im ersten Halbjahr 2024 in eine Rezession abrutschen werden

Gleichzeitig bleibt die Inflationsrate hartnäckig hoch. Seit dem Höchststand im Jahr 2022 hat die Teuerung zwar deutlich nachgelassen. Vom Zielwert der Zentralbanken von 2 % ist sie aber immer noch weit entfernt. In der Vergangenheit haben wir gesehen, dass es nach einer Phase hoher Inflation mehrere Jahre dauern kann, bis sich die Teuerung wieder auf einem niedrigeren Niveau einpendelt. Grund dafür sind Zweitrundeneffekte wie Lohn-Preis-Spiralen (höhere Löhne führen zu höheren Preisen, was wiederum Lohnsteigerungen nach sich zieht usw.) oder Preiserhöhungen von Unternehmen.

Vor diesem Hintergrund bezweifeln wir, dass die Märkte richtig damit liegen, keine weiteren Zinserhöhungen der großen Zentralbanken einzupreisen und ab Mitte 2024 deutliche Zinssenkungen zu erwarten. Zusammenfassend glauben wir also im Unterschied zum Konsensszenario, dass die Zinsen noch „länger höher“ bleiben werden.

„Die letzten beiden Jahre waren auch von „Unfällen“ im Finanzsystem geprägt: 2022 geriet das britische Rentensystem unter Druck und Anfang 2023 kam es zum Zusammenbruch mehrerer Banken, vor allem in den USA. Das Schlimmste mag hinter uns liegen. Weitere Störereignisse sind aber auch nicht auszuschließen, wie das Financial Stability Board, der IWF, die Zentralbanken und andere Institutionen immer wieder mahnen. Eine hohe Verschuldung in der Weltwirtschaft und anhaltend höhere Zinsen sind ein Rezept für finanzielle Instabilität. Diesmal könnten die Risiken eher bei den Nicht-Bank-Finanzinstituten als bei den Banken liegen. Absicherungen gegenüber Extremrisiken sollten daher in Erwägung gezogen werden.“

Aktien: Qualität zählt

Die Aktienmärkte dürften im Jahr 2024 unter dem Eindruck mehrerer großer Themen stehen. Dazu gehören weltweit größere Unterschiede in der Performance von Märkten und Volkswirtschaften – aufgrund unterschiedlicher Pfade beim Wachstum und in der Geldpolitik – sowie das Zusammenwirken geopolitischer Entwicklungen mit zyklischen und strukturellen Trends wie Technologie und Klimawandel. Dies folgt auf eine Phase der Normalisierung und Anpassung an eine neue Welt, in der die Kapitaldisziplin zurückkehrt und sich eine unsichere geopolitische Ordnung herausbildet. Die hieraus resultierende Volatilität bietet langfristig orientierten Investoren jedoch auch Einstiegsmöglichkeiten. Ein aktiver Ansatz, der diesen Ungewissheiten mit einer sorgfältigen Titelauswahl und Portfoliokonstruktion begegnet – und sowohl eine gute Liquidität als auch Zugang zu Wachstumspotenzialen gewährleistet – dürfte vom Besten aus beiden Welten profitieren können.
„Anleger können sich ein gut ausgewogenes Aktienportfolio wie eine Pyramide vorstellen. Das Fundament könnten Multi-Faktor-, Low-Volatility-Strategien bilden. Die Ebene darüber könnte aus Quality Value-, Growth- und Dividenden-Aktien bestehen. In Zeiten einer restriktiven Geldpolitik und langsamerer Wachstumsraten werden eine hohe Cashflow-Generierung und starke Bilanzen von entscheidender Bedeutung sein, genauso wie die Fähigkeit der Managementteams, ihre Unternehmen nachhaltig durch volatile Umfelder zu führen, die sich zum Teil sehr schnell verändern. An der Spitze der Pyramide schließlich könnten Bereiche stehen, die weiter Potenzial für Kapitalwachstum bieten, entweder über einen Mehrthemen-Ansatz oder durch eine Fokussierung auf einzelne Themen wie Cybersicherheit, KI, Klimawende, Ernährungssicherheit oder Wasser.“

Fixed-Income: Anleihen sind zurück

Die Welle von Zinserhöhungen, durch die zehnjährige US-Staatsanleihen erstmals überhaupt drei Jahre negativer Gesamtrenditen in Folge verzeichnen könnten, scheint jetzt abzuebben. Mit den Zinspausen der Zentralbanken richtet sich die Aufmerksamkeit auf das Potenzial und den Zeitpunkt für mögliche Zinssenkungen im Jahr 2024. Unserer Ansicht nach macht die Kombination eines schwächeren Wachstums und einer nachlassenden Inflation mit einer restriktiveren Geld- und Fiskalpolitik sowie attraktiven Bewertungen Anleihen aus Anlegersicht wieder zu einem potenziell sehr interessanten Investment.

„Angesichts der bereits schwächelnden Weltwirtschaft sowie der erhöhten geopolitischen Risiken und zunehmenden Gefahren für die Finanzstabilität rechnen wir auch in den USA mit einer Eintrübung der Wachstumsaussichten. Hiervon könnten Anleihen profitieren, die im Jahr 2024 durchaus in der Lage sein dürften, höhere Renditen als Geldmarktanlagen zu erzielen. Da wir davon überzeugt sind, dass die Fed das Ende ihres Zinserhöhungszyklus erreicht hat, erscheinen die US-Anleihemärkte besonders attraktiv. In Europa sollten Anleger noch warten, bevor sie auf Zinssenkungen setzen, und eher einen Blick auf Spread-Produkte werfen. Eine große Chance für 2024 sehen wir an den asiatischen Anleihemärkten außerhalb Chinas, die einen Gegenpol zum erwarteten globalen Abschwung und der allgemeinen Marktvolatilität darstellen könnten.“

Multi-Asset: Andere Wege gehen

2024 könnte das Jahr werden, in dem Multi-Asset-Strategien ihr Können wieder unter Beweis stellen, da sich möglicherweise über alle Anlageklassen hinweg Chancen auftun werden. Alle Augen richten sich auf die Zentralbanken sowie die gegenwärtigen geopolitische Spannungen, die für ein schwieriges Umfeld sorgen. Das könnte zu einer erhöhten Marktvolatilität führen, was die Diversifikation umso wichtiger macht. Außerdem könnte eine höhere Agilität gefragt sein, um neben Aktien und Anleihen als wichtigsten Säulen im Portfolio auch Chancen in anderen Anlageklassen zu erschließen.

„Nach einem der schlechtesten Jahre aller Zeiten hatte ein 60:40-Portfolio – 60 % Aktien, 40 % Renten – im Jahr 2023 ein gewisses Comeback. Angesichts des potenziell schwierigen Ausblicks für Risikoanlagen (und vor allem Aktien) könnten Anleger künftig jeodch eine andere Vermögensaufteilung (zum Beispiel 70:30) und alternative Anlageklassen wie Rohstoffe und bestimmte Private-Market-Anlagen in Betracht ziehen. In Phasen größerer Unsicherheit ist ein dynamisches Management der Anlageklassen wichtig. Das kann etwa bedeuten, die Aktienmärkte nach Anlagemöglichkeiten durch Bewertungskorrekturen zu durchforsten oder eine zusätzliche Portfolioabsicherung durch Optionsstrategien einzubauen, die für den Fall plötzlicher Marktbewegungen das Eingehen von Short-Positionen und Investitionen in liquide Alternative ermöglichen.“

Private Markets: Neues “Chancenfenster”

Die Wirtschaft und die Finanzmärkte befinden sich in einer Übergangsphase, in der die Unsicherheit über den Zinspfad durch die Unsicherheit über die wirtschaftlichen Aussichten und die Gefahr einer Rezession abgelöst wird. Derartige Phasen können ein guter Zeitpunkt sein, um in Private Markets zu investieren. Mit der Marktanpassung und Neubewertung von Vermögenswerte, bieten Private-Market-Strategien – mit ihrem zumeist mehrjährigen Anlagehorizont – die Möglichkeit, neben einer Partizipation an längerfristigen Trends Chancen zu nutzen, die sich durch relative Bewertungsunterschiede ergeben. Immer mehr institutionelle Investoren haben erkannt, dass Private Markets eine dauerhaft wichtige Rolle in den Portfolios spielen können, wobei eine aktive Asset-Auswahl und Absicherung durch entsprechende Anlagestrukturen zu einem stabilen Portfolio über den kompletten Zyklus hinweg beitragen können.
„Mit Blick auf das Jahr 2024 sehen wir das größte Potenzial im Private-Credit-Bereich, wo das Risiko-Ertrags-Profil attraktiv erscheint. Genauso wie an den öffentlichen Kreditmärkten – also bei börsengehandelten Unternehmensanleihen – hat der Zinsanstieg die Renditen außerbörslicher Kreditanlagen auf ein Niveau gehoben, von dem Anleger seit vielen Jahren nur träumen konnten. Darüber hinaus kann auch der Infrastrukturbereich Chancen bieten, da die Anlageklasse neben einer gewissen Inflationsresilienz auch einen Beitrag zu diversifizierten Renditen und stabilen Cashflows leisten kann. Zu den Treibern der aktuell hohen Nachfrage nach Infrastruktur als Anlageklasse gehört dabei die Energiewende.“