Ernst & Young EY:

EU-Neuwagenmarkt wächst weiter – Hochlauf der Elektromobilität in

Deutschland gefährdet

Stuttgart (20.12.23) – Das Wachstum auf dem EU-Neuwagenmarkt hielt auch im November an, die Dynamik ist allerdings gebremst: Der Pkw-Absatz legte laut Branchenverband ACEA um sieben Prozent zu, im bisherigen Jahresverlauf ergibt sich noch ein Wachstum von 16 Prozent. In 23 Märkten wurde ein prozentual zweistelliges Wachstum erzielt, allerdings lagen vier Länder – darunter Deutschland – im Minus. Zudem bleibt der Neuwagenabsatz deutlich unter dem Vorkrisenniveau: Im Vergleich zu November 2019 fehlten im vergangenen Monat etwa 130.000 verkaufte Neuwagen, der Absatz lag um 13 Prozent unter dem Vorkrisenniveau. Im bisherigen Jahresverlauf ergibt sich sogar eine Lücke von 19 Prozent.

Der Grund für den Absatzrückgang in Deutschland (um sechs Prozent) war das überdurchschnittlich hohe Absatzniveau im Vorjahresmonat, das aus dem damals bevorstehenden Auslaufen der staatlichen Zuschüsse für gewerbliche E-Auto-Käufe resultierte – vorgezogene Elektro-Neuzulassungen führten im November und Dezember 2022 zu rekordhohen Verkaufszahlen bei Elektroautos in Deutschland.

Die hohe Zahl an neu zugelassenen Elektroautos in Deutschland im November 2022 ist auch der Grund für das relativ geringe EU-weite Wachstum im Elektrosegment: Im November stieg der Absatz von Elektroautos in der EU nur noch um 16 Prozent, im bisherigen Jahresverlauf liegt das Plus hingegen bei immerhin 48 Prozent.

Ungewisser Ausblick – kaum noch Wachstum in 2024 erwartet

„Die Erholung auf dem europäischen Neuwagenmarkt hält zwar im laufenden Jahr noch an, von dem inzwischen erreichten Niveau aus wird es aber im kommenden Jahr wohl kaum noch aufwärts gehen“, erwartet Constantin M. Gall, Managing Partner und Leiter Mobility bei EY für die Region Europe West. „Das Absatzniveau wird auch 2024 noch substanziell unter dem Vorkrisenniveau liegen. Denn die aktuelle Konjunkturschwäche, hohe Finanzierungskosten und die erheblichen geopolitischen Spannungen führen zu Kaufzurückhaltung sowohl bei Privatleuten als auch bei Unternehmen. Für die Autobranche dürfte 2024 ein schwieriges Jahr werden – zumal auch fehlende Komponenten und Softwareprobleme immer wieder ein Thema sind und sogar zu Modellverschiebungen führen.“

Elektroautos: Rückgang in Deutschland erwartet

In vielen Ländern dürfte das Elektrosegment weiterhin als Wachstumstreiber fungieren – allerdings nicht in Deutschland, erwartet Gall: „Die Markt für Elektroautos steht noch nicht auf eigenen Beinen, sondern hängt überall an staatlichen Subventionen. Wo nicht gefördert und in eine gute Ladeinfrastruktur investiert wird, werden auch nur wenige Elektroautos verkauft.“ Das sehe man z.B. an den sehr niedrigen Marktanteilen in vielen ost- und südosteuropäischen Ländern. Das Aus für die staatliche Kaufprämie in Deutschland werde im kommenden Jahr zu einem Rückgang der Elektro-Neuzulassungen führen und die E-Mobilität in Deutschland massiv ausbremsen, so Gall: „Das Ziel, bis 2030 etwa 15 Millionen Elektroautos auf Deutschlands Straßen zu bringen, war zuletzt schon zunehmend unrealistisch geworden – nach dem Aus für die Elektro-Förderung ist es aber völlig illusorisch, dieses Ziel tatsächlich zu erreichen. Denn angesichts der neuen Rahmenbedingungen dürften viele Neuwagenkäufer nun doch noch einmal zum Verbrennermodell greifen anstatt sich für ein Elektroauto zu entscheiden. In jedem Fall ist die Mobilitätswende in Deutschland jetzt erst einmal vertagt.“

Der Marktanteil von Elektroautos lag im November bei 16,3 Prozent, und damit nur geringfügig über dem Vorjahreswert (15,0 Prozent).

Elektroautos in Skandinavien am populärsten – weiterhin sehr niedrige Marktanteile in Ost- und Südeuropa

Innerhalb der EU bestehen hinsichtlich der Marktanteile von Elektroautos weiterhin erhebliche Unterschiede: Die höchsten Marktanteile wurden im November in Dänemark und Schweden mit 44 bzw. 40 Prozent registriert. Die niedrigsten Marktanteile wiesen Kroatien und die Slowakei mit vier bzw. drei Prozent auf. Berücksichtigt man zusätzlich Plug-in-Hybride, wird der Unterschied noch deutlicher – dann reicht die Spanne von fünf Prozent (gemeinsamer Marktanteil BEV und PHEV) in Bulgarien bis 61 Prozent in Schweden.

„Wir haben innerhalb der EU sehr große Unterschiede in Bezug auf die Verbreitung von Elektroautos“, sagt Gall. „Und sie werden sogar immer größer. Die skandinavischen Länder haben frühzeitig und konsequent auf Elektromobilität gesetzt und entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen. Hier sind elektrifizierte Neuwagen bereits in der Mehrheit, in Osteuropa spielen Elektroautos hingegen auf dem Neuwagenmarkt quasi keine Rolle, sie sind nach wie vor ein absolutes Nischenprodukt. Die ambitionierten EU-Pläne für die Elektromobilität, denen zufolge ab 2035 keine Verbrenner mehr neu zugelassen werden sollen, sind in Teilen Europas so weit von der heutigen Realität entfernt, dass man sich große Sorgen um ihre Realisierbarkeit machen muss.“ Für die Industrie sei der aktuelle Schwebezustand hoch problematisch: „Kommt das Aus für den Verbrenner wirklich? Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass der politische Wille nicht mehr so stark ist wie noch vor einigen Jahren. Die Autohersteller sind allerdings auf klare Rahmenbedingungen und vor allem Planungssicherheit angewiesen.“

Immerhin: Immer mehr Hersteller haben inzwischen angekündigt, Elektromodelle im 20.000-Euro-Bereich einzuführen: „Im niedrigeren Preissegment tut sich etwas, und das ist sehr gut so. Denn bislang war E-Mobilität in erster Linie eine Mobilität für Besserverdiener und nicht für die breite Masse“, so Gall.

Plug-in-Hybride gewinnen in den meisten Ländern weiter Marktanteile

Anders als in Deutschland, wo die Förderung für Plug-in-Hybride im vergangenen Jahr ausgelaufen ist, erfreut sich diese Antriebstechnologie in vielen anderen EU-Ländern weiter steigender Beliebtheit – auch dank anhaltender Förderung. In 16 der 27 Ländern legte der Absatz von Plug-in-Hybriden zu. Aufgrund des Einbruchs in Deutschland (um 59 Prozent), ergab sich dennoch ein EU-weiter Rückgang um 22 Prozent.