EU: Wenn schon nicht Grexit dann wenigstens Brexit

Berlin (22.7.15) – Die Europäische Union sollte die Auswirkungen bedenken, die sich ergeben würden, wenn sie ihre zweitgrösste Volkswirtschaft und ein militärisches wie politisches Schwergewicht verliert, schreibt World Review Experte Professor Dr. Michael Wohlgemuth.

Grossbritannien spielt schon sehr viel länger als Griechenland mit dem Gedanken an ein Leben ausserhalb der EU. Nur wenige Aussenseiter scheinen sich Sorgen über einen Ausstieg Grossbritanniens zu machen, auch wenn der Überraschungswahlsieg von Premierminister David Camerons Konservativen klar macht, dass es zum ja oder nein zur EU eine Volksabstimmung noch vor 2017 geben wird. Wenn Grossbritannien für ein Ausscheiden stimmt, würde dies sowohl für das Land selbst als auch für die EU wirtschaftliche Konsequenzen haben, die schwer vorherzusagen sind.

Grossbritannien steht bereits jetzt für 15 Prozent der Wirtschaftsleistung der EU und könnte, wenn der günstige demografische Trend anhält, Deutschland als Europas grösste Volkswirtschaft innerhalb von 30 Jahren überholen.

Eine umfassende Studie des Think Tanks Open Europe sagt voraus, dass Grossbritannien bis 2030 einen ‘dauerhaften Verlust’ in einer Grössenordnung von 2,2 Prozent des BIP erleiden könnte, wenn man vom schlimmsten Fall ausgeht, dass es im Anschluss an einen ‘Brexit’ zu einer Handelsisolation kommt. Einige der Haupthandelspartner Grossbritanniens könnten einen entsprechenden Schaden erleiden, während ihre Steuerzahler gezwungen wären für den Nettobeitrag in Höhe von 10,8 Milliarden Euro, den Grossbritannien zum EU-Budget beisteuert, aufzukommen.

Ein ‘Brexit’ wäre besonders schmerzhaft für Nordirland, wo die Wiedereinführung von Grenzkontrollen und Zöllen einen überproportionalen Rückgang im Handel und bei der Beschäftigung auslösen könnte, was möglicherweise den Weg für ein Aufleben alter politischer Konflikte ebnen würde. Es sind diese politischen Kosten eines ‘Brexit’, welche viele EU Mitglieder für David Camerons Reformagenda empfänglicher machen könnten, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.