Frankfurt/Main (21.9.15) – Die gute Konjunkturentwicklung, der Boom auf dem M&A-Markt und rückläufige Strafzahlungen haben den europäischen und US-amerikanischen Großbanken im ersten Halbjahr ein deutliches Gewinnwachstum beschert: Die zehn größten Geldinstitute der USA konnten ihren Nettogewinn um 47 Prozent von 40 auf 59 Milliarden Euro steigern. Die europäischen Top-Banken schafften – bei einem niedrigeren Ausgangsniveau – sogar einen Gewinnanstieg um 73 Prozent von 17 auf 29 Milliarden Euro.
Nach wie vor wirtschaften aber die US-Banken deutlich profitabler als ihre europäischen Wettbewerber: Die Eigenkapitalrentabilität, der sogenannte Return on Equity (RoE), lag bei den europäischen Top-Banken im ersten Halbjahr bei gerade einmal 6,7 Prozent (Vorjahreszeitraum: 4,5 Prozent). Die US-Banken schafften hingegen einen RoE von 11,3 Prozent (Vorjahr: 9,9 Prozent).
Ein Grund für die verbesserte Gewinnsituation sind rückläufige Strafzahlungen, mit denen Verstöße gegen Börsenregularien und staatliche Wirtschaftssanktionen, Goldpreismanipulationen und umstrittene Hypothekengeschäfte geahndet wurden: Im vergangenen Jahr hatten noch hohe Strafen den Großbanken in Europa und den USA den Gewinn verhagelt. Insgesamt 18,9 Milliarden Euro mussten die jeweils zehn größten Geldinstitute dies- und jenseits des Atlantiks im ersten Halbjahr 2014 an Strafen zahlen. In diesem Jahr lag die Gesamthöhe der von den 20 untersuchten Banken zu zahlenden Strafen in den ersten sechs Monaten bei 12,7 Milliarden Euro – ein Rückgang um ein Drittel. Die höchsten Belastungen mussten im ersten Halbjahr die Deutsche Bank und Morgan Stanley hinnehmen, denen jeweils 2,3 Milliarden Euro an Strafzahlungen auferlegt wurden.
Das sind Ergebnisse einer EY-Analyse der Bilanzen der jeweils nach Bilanzsumme zehn größten Banken in den Vereinigten Staaten und Europa.
Neben den insgesamt rückläufigen Strafzahlungen wirkten sich die gute Konjunkturlage und die im ersten Halbjahr sehr positive Entwicklung an den Börsen und im Transaktionsgeschäft positiv auf die Gewinnentwicklung aus. „Der Boom auf dem M&A-Markt und die Zuwächse an den Weltbörsen führten im ersten Halbjahr zu deutlich steigenden Erträgen bei den im Investment- und Transaktionsgeschäft aktiven Instituten“, sagt Dirk Müller-Tronnier, Partner und Leiter Banking & Capital Markets bei EY.
Weiterhin belastend wirkte sich hingegen das historisch niedrige Zinsniveau aus, das die Zinseinnahmen schrumpfen lässt. „Bei vielen Banken erwirtschaftet das Zinsgeschäft kaum noch oder gar keine Gewinne mehr“, stellt Müller-Tronnier fest. Und ein Ende der Niedrigzinsphase sei zumindest in Europa nicht abzusehen. Hinzu kämen die hohen regulatorischen und aufsichtsrechtlichen Anforderungen an Eigenkapital und Risikovorsorge. „Die Möglichkeiten der Banken zur Ertragssteigerung sind in den vergangenen Jahren stark eingeschränkt worden. Im aktuellen Niedrigzinsumfeld führt eine höhere Profitabilität in erster Linie über Kostensenkungen. Entsprechend hoch bleibt der Druck: Ehrgeizige Sparprogramme werden auch in den kommenden Jahren an der Tagesordnung bleiben“.
US-Banken mit höchsten Gewinnen
Mit einem Gesamt-Konzernergebnis von umgerechnet gut 59 Milliarden Euro lag der Gewinn der führenden US-Kreditinstitute nicht nur erheblich höher als bei der europäischen Konkurrenz – bei einer gleichzeitig niedrigeren Bilanzsumme –, er übertraf sogar abermals das Vorkrisenniveau von umgerechnet durchschnittlich 40 Milliarden Euro deutlich. In Europa hingegen ist das Gewinnniveau immer noch deutlich niedriger als in den Vorkrisenjahren 2006 und 2007.
Die Profitabilität hingegen liegt sowohl in Europa als auch in den USA noch immer erheblich unter dem Vorkrisenniveau: Im ersten Halbjahr 2007 hatten die europäischen Großbanken noch einen RoE von 18,6 Prozent erwirtschaftet, bei der US-Konkurrenz lag der Wert mit 17,3 Prozent nur leicht darunter.
Die mit Abstand höchsten Nettogewinne unter den US-Banken fuhren mit umgerechnet knapp 11 bzw. 10,3 Milliarden Euro JPMorgan Chase und Wells Fargo ein. In Europa führte die britische Großbank HSBC mit umgerechnet 8,6 Milliarden Euro die Rangliste der gewinnstärksten Finanzinstitute an.
„Die US-Wirtschaft entwickelt sich aktuell gut, der Immobilienmarkt gewinnt weiter an Schwung und das Investment- und Transaktionsgeschäft floriert – gleichzeitig kommen die US-Banken mit dem Abarbeiten rechtlicher Altlasten voran“, beobachtet Müller-Tronnier. „Für die europäischen Banken hingegen bleiben die Rahmenbedingungen schwierig. Sie leiden immer noch unter den Nachwirkungen der Finanzkrise und dem daraus resultierenden Restrukturierungsbedarf.“
Eigenkapitel steigt – Banken besser für Krisen gewappnet
Nicht nur die Gewinne und die Profitabilität stiegen im ersten Halbjahr auf beiden Seiten des Atlantiks, die meisten Top-Banken kamen auch beim Aufbau zusätzlicher Kapitalpuffer voran: Das kumulierte Eigenkapital der größten zehn Banken in Europa und den USA lag zur Jahresmitte jeweils auf dem mit Abstand höchsten Stand seit zehn Jahren. Die zehn größten europäischen Banken erhöhten ihr Eigenkapital im vergangenen Jahr um 16 Prozent auf rund 870 Milliarden Euro, die zehn größten US-Banken sogar um 29 Prozent auf umgerechnet knapp 1,1 Billionen Euro. Seit dem Krisenjahr 2008 haben die Banken ihr Eigenkapital somit deutlich aufgestockt – die europäischen Banken um 63 Prozent, die US-Banken sogar um 160 Prozent.
Auch die Eigenkapitalquoten sind gestiegen: Die durchschnittliche Eigenkapitalquote stieg in Europa um 0,4 Prozentpunkte auf 5,6 Prozent, in den USA ebenfalls um 0,4 Prozentpunkte auf 7,4 Prozent – die US-Banken können also im Durchschnitt eine deutlich höhere Eigenkapitalquote vorweisen.
„Strengere regulatorische Vorgaben in den USA und Europa haben in den vergangenen Jahren zu einem erheblichen Aufbau an Eigenkapital und einer Straffung der Bilanzen geführt“, sagt Müller-Tronnier. „Die Banken sind insofern auf einem guten Weg. Sie sind nun stabiler aufgestellt und für künftige Krisen besser gewappnet. Die Ertragssituation bleibt allerdings in Europa unbefriedigend – und mit der Digitalisierung, dem Auftauchen neuer Wettbewerber und weiterer Regulierung warten neue Herausforderungen auf die Institute“.

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