Frankfurt/Main (10.3.16) – Den Leitzins auf Null gesenkt, die Einlagenzinsen, gemeinheim als Strafzinsen bezeichnet, auf minus (rpt: minus) 0,4 Prozent gedrückt: im imaginären Kampf gegen die drohende Deflation hat die Europäische Zentralbank ihre Zinstalfahrt beschleunigt und mit ihrer Entscheidung die Bankenbranche in helle Aufregung versetzt. Sparer werden die Zeche zahlen müssen. Die herkömmliche Altersvorsorge, die auf der Verzinsung von Sparguthaben gründet, ist noch heftiger erschüttert worden. Hält die Europäische Zentralbank ihren derzeitigen Zinskurs bei, droht vielen Bundesbürgern unter den gegenwärtigen Renten-Regeln bittere Altersarmut.

Der VÖB, der Verband der Verband öffentlicher Banken kritisiert die EZB-Entscheidung und befürchtet, dass das „Finanzsystem auf lange Frist destablisiert“ werde. Weiter heißt es in der VÖB-Stellungnahme zum EZB-Zinsbeschluss: Zur heutigen Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) erklärt die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes Öffentlicher Banken Deutschlands, VÖB, Prof. Dr. Liane Buchholz:
„Die heutige Zinsentscheidung der EZB verstärkt den Abwärtsstrudel für die Sparer. Langfristige Altersvorsorgekonzepte werden ebenso entwertet wie zinsabhängige Institute in risikoreichere Geschäfte gedrängt werden.
Es ist absolut unnötig, die deutsche Kreditwirtschaft zu einer umfangreicheren Kreditvergabe zu nötigen. Unter den Banken herrscht reger Wettbewerb um Finanzierungen, und die Kreditversorgung funktioniert bestens. Für die Kreditvergabe der Banken ist die weitere Lockerung der Geldpolitik eher schädlich. Denn der Liquiditäts-Tsunami sorgt für höchst volatile Märkte, und der Handlungsspielraum
der Institute wird damit weiter eingeengt. Die Profitabilität der Institute wird zunehmend belastet und das Finanzsystem auf lange Frist destabilisiert.“

Auch der Bundesverband deutscher Banken, dem private Geschäftsbanken angehören, schlägt in die gleiche Kerbe wie der VÖB. Die Pressemitteilung des Bankenverbandes ist so betitelt: EZB-Zinsentscheid: Dosis und Dauer machen das Gift. Dann heißt es: „Es ist vollkommen unnötig, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Geldhahn heute noch weiter aufgedreht hat. Die Notenbank überzeichnet die Deflationsrisiken“, so Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes. Aktuell präge vor allem der Ölpreis die Teuerungsrate. Doch der Ölpreis ist im vergangenen Jahr nicht nur um 60 Prozent gesunken, sondern in den letzten vier Wochen auch schon wieder um 40 Prozent gestiegen.

Schlimmer noch sei, dass bereits vor der heutigen Entscheidung negative Zinsen die Ertragslage der Banken und damit deren längerfristige Kreditvergabemöglichkeiten beeinträchtigen. Zudem seien an einigen Anleihemärkten durch die EZB-Käufe Verspannungen und unrealistisch verzerrte Risikopreise zu beobachten. Auch haben Nicht-Euro-Länder reagiert und mit ihrer Geldpolitik gegengesteuert.

Kemmer bekräftigt: „Der Geldmarkt im Euro-Raum ist durch die EZB-Politik faktisch stillgelegt. Wirtschaftsreformen sowie die Sanierung von Bankbilanzen werden verschleppt. Doch auf all diesen Feldern hat die EZB heute noch einmal eine Schippe draufgelegt.“

An der Börse kam die überraschende Leitzinssenkung der EZB zunächst gut an. Der Deutsche Aktienindex schnellte vorübergehend hoch, gab zum Schluss aber deutlich nach.