MFS: Langweilig kann auch schön sein

 

Boston / Frankfurt (8.4.16) – Es ist sicherlich einfach, sich von der aktuellen Wahlkampfsaison einnehmen zu lassen – sei es in den USA, wo die lärmenden Vorwahlen stattfinden, oder in Großbritannien inmitten der Brexit-Kampagne. Doch für sinnvolle Investmententscheidungen schaut man sich besser an, was in einigen der weltweit größten Volkswirtschaften gerade passiert.

 

Die US-Wirtschaft ebbt ab und steigt wieder an, doch die reale durchschnittliche Wachstumsrate für diesen Konjunkturzyklus liegt bei 2 Prozent (inflationsbereinigt). Und wir schleppen uns auf diesem Level weiter dahin, während das zweite Quartal beginnt , trotz wiederholter – und bislang unbegründeter – Sorgen, dass die Wirtschaft in die Rezession abgleiten wird.

 

Werfen wir einen Blick auf die Punktekarte der US-Wirtschaft:

– Arbeitsplätze: rauf

– Personalabbau: runter

– Löhne: moderat steigend

– Produktion: an Fahrt aufnehmend

– Dienstleistungsgewerbe: wachsend

– Kreditwachstum: moderat

– Inflation: unter dem Fed-Ziel, aber sich langsam hocharbeitend

 

Betrachten wir uns die Lage weltweit, so bleibt China schwach, doch die Wirtschaftdaten verschlechtern sich nicht mehr. Es gibt nach wie vor einige Überkapazitäten, aber die Gefahren einer tiefen Rezession sind etwas geschwunden.

 

In der Eurozone schwächelte die verarbeitende Industrie infolge nachlassender Exporte in die Emerging Markets. Die Inflation bleibt spärlich, was die Europäische Zentralbank dazu verleitet, die Zinsen weiter in negatives Territorium zu schicken und zusätzliche unkonventionelle geldpolitische Instrumente anzuwenden. Der Konsum ist ein Lichtblick, der die Unternehmen stärkt, die sich an Endverbraucher richten. Wir erwarten ein reales Wirtschaftswachstum von etwas mehr als 1 Prozent für 2016.

 

Das Wachstum in Japan schwebt weiterhin bei um die Null. Trotz negativer Zinssätze, steuerlicher Anreize und struktureller Reformen hat sich „Abenomics“ nicht als wirkungsvoll erwiesen, um das Wachstum wiederzubeleben.

 

Anzeichen von Exzessen

 

Wir verfolgen eine Reihe von Konjunkturindikatoren, auf der Suche nach Anzeichen, dass die US-Expansion sich entweder fortsetzt oder zum Ende kommt. Von diesen Indikatoren geben die Hälfte blinkende Signale für mögliche Exzessen, die sich in die Wirtschaft einschleichen könnten. Die andere Hälfte der Indikatoren dagegen gibt keinerlei Anzeichen von Stress. Einige Bereiche zur Sorge haben unlängst moderate Verbesserungen gezeigt. So hat sich zum Beispiel die verarbeitende Industrie in China leicht verbessert und die Ölpreise, die bis vor Kurzem noch verheerend auf die Unternehmensgewinne wirkten, haben sich zu einem gewissen Grad stabilisiert.

 

Während das US-Wachstum langweilig anmuten mag, gehen in anderen Teilen der Welt einige rätselhafte Erscheinungen vor sich. Das womöglich interessanteste – einige würden sagen verrückteste – Phänomen ist die Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank, der Bank of Japan und anderer Zentralbanken. Etwa 40 Prozent der von den Regierungen in der Eurozone ausgegebenen Staatsschulden werden heute mit negativem Zins gehandelt. Nicht nur, dass Investoren dafür zahlen, um sich Staatsgelder zu leihen, sie halten auch noch alle Kredit- und Zinsrisiken ohne Kompensation. Das ist alles andere als langweilig.

 

Wohin soll man sich wenden in einer Welt mit Negativzinspolitik?

 

Logischerweise suchen Investoren nach rationaleren Alternativen. So haben sich Dividendenaktien als äußerst verlockend gegen Negativzinsen erwiesen. Besonders US-Dividendenaktien sind attraktiv. Positive Realzinsen und eine stetig wachsende US-Wirtschaft sollte den Unternehmen helfen, Free Cash-Flow zu generieren, um Dividenden zahlen zu können und diese gegebenenfalls zu steigern. Der private Sektor in den USA hat seit der weltweiten Finanzkrise einen starken, wenn nicht sogar rekordmäßigen Free Cash-Flow entwickelt. Auch in vielen anderen Industrieländern haben sich Dividendenwerte als äußerst attraktiv erwiesen. Der entscheidende Punkt ist, nicht die Titel mit den höchsten Zinsen auszuwählen – diese können Gefahren bergen –, sondern nach Werten mit nachhaltigem Cash-Flow-Wachstum zu suchen.

 

Bei ausbleibender Rezession, die oftmals mit exzessivem Kreditwachstum einhergeht, erscheinen auch die Anleihemärkte im Investment-Grade-Bereich als attraktive Alternative zu Staatsanleihen. Im historischen Vergleich sind sie relativ günstig und bieten das Potential zur Outperformance von Treasuries in einem leicht steigenden Zinsumfeld. Trotz der aktuellen Rückschläge kann es für manche Investoren angemessen sein, Risikoassets moderat beizumischen. Betrachten wir uns das Risikospektrum, so erscheinen günstige Hochzinsanleihen aktuell attraktiv. Auch Aktien im Bereich Standardwerte sind aufgrund ihrer moderaten Bewertungen ein Feld, dass Chancen bietet.

 

Die wirtschaftliche Lage mag nicht so aufregend sein, wie die jüngsten Anschuldigungen im Wahlkampf, aber langweilig kann auch eine gute Sache sein. Besonders für langfristig ausgerichtete Portfolios.

Von James Swanson, MFS Chief Investment Strategist.