BMO Global AM: Nach dem Brexit stehen die Fixed-Income-Märkte vor neuen Herausforderungen

 

London (6.7.16) – Das unerwartete „Nein“ der Briten zur Europäischen Union hat auch die globalen Anleihenmärkte erschüttert. Vor allem Märkte mit höher bewerteten Anleihen bekamen die Folgen des Referendums zu spüren. Dort sind die Renditen am Freitag stark gefallen. So sank die Rendite für zehnjährige britische Gilts um ganze 0,27 Prozent von 1,35 Prozent auf 1,08 Prozent. Auch deutsche Bundesanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren mussten ein Minus von 0,15 Prozent verzeichnen: Die Rendite fiel von 0,10 Prozent auf minus 0,05 Prozent. „Sowohl die britischen als auch die deutschen Staatsanleihen befinden sich in einem historischen Tief“, sagt Steven Bell, Chef-Ökonom von BMO Global Asset Management. „Für zehnjährige Bundesanleihen liegt die Rendite sogar erstmals im negativen Bereich.“ Ein ähnliches Bild bietet sich am Markt für amerikanische Staatsanleihen. Dort sank die Rendite für US Treasuries um 0,20 Prozent auf 1,50 Prozent.

Staatsanleihen von Ländern, die stärker mit dem gesamten Marktklima korrelieren, verzeichneten eine signifikante Zunahme der Risikoaufschläge gegenüber den Kernmärkten. Der Spread zwischen zehnjährigen deutschen und italienischen Staatsanleihen etwa weitete sich um 0,30 Prozent auf 1,60 Prozent. „Das ist zwar eine deutliche Bewegung, aber nicht in dem Maß, dass Panik entstünde“, so Bell. „Da sich in den Umfragen am Donnerstag eine ‚Remain‘-Mehrheit abzeichnete, wurden vermehrt riskantere Investments getätigt“, erklärt Bell. „Nach der unerwarteten Brexit-Entscheidung haben die Märkte dann aber relativ rational auf das gestiegene Risiko reagiert.“ Welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf das Portfolio von BMO Global Asset Management haben, erklärt Bell im Folgenden.

 

Auf beide Brexit-Szenarien vorbereitet

„In unserem Hauptszenario hatten wir uns für den Fall eines positiven Ergebnisses, also einem ‚Remain‘, positioniert“, so Bell. „Trotzdem haben wir uns in den vergangenen Wochen auch auf mögliche Abwärtsrisiken des Portfolios im Falle eines Brexit vorbereitet.“ Um das Risiko der Portfolios zu minimieren, habe man auf britische Gilts fast komplett verzichtet. Aufgrund wachsender Unsicherheit nach dem Referendum-Ergebnis am Freitag, sei das Risiko dann nochmals verringert worden. Auch die Positionen in peripheren Märkten habe man reduziert. „Wir glauben, dass die Märkte auch in Zukunft erhebliche Investmentchancen bieten und suchen nach Wegen, um von Preisveränderungen zu profitieren“, erklärt Bell. Eine Option seien US-Inflationsswaps. „Die Erwartungen an die amerikanische Inflationsentwicklung sind nach dem Referendum-Ergebnis deutlich gesunken und bieten nun einen attraktiven Einstiegszeitpunkt.“

 

Weitere Zinssenkungen der Notenbanken sind möglich

Wie erwartet reagierten die Märkte zunächst mit Risikoverkäufen und einer Zins-Rally, verhielten sich dann aber größtenteils rational. „Die Behörden werden alles versuchen, um Liquidität an den Märkten zu garantieren. Allerdings ist es wahrscheinlich, dass Wachstumsprognosen vor allem in Großbritannien nach unten korrigiert werden müssen“, prognostiziert Bell. Es müsse mit einer lockereren Geldpolitik und einer Senkung der Zinsrate auf null gerechnet werden. Dass die Bank of England Negativzinsen festsetzt, werde hingegen nicht erwartet.

 

„Sollte der Druck auf die Finanzmärkte bestehen bleiben, wird die Europäische Zentralbank ihr Programm der quantitativen Lockerung ausweiten und möglicherweise die Zinsen noch weiter senken“, so Bell. In den USA werde das Federal Open Market Committee (FOMC) die geplanten Zinssteigerungen wohl weiter aufschieben. „Eine Erhöhung der Zinsen vor den Präsidentschaftswahlen im November wird aber immer unwahrscheinlicher“, sagt Bell. Die Markterwartungen für eine positive Zinsentscheidung der US-amerikanischen Zentralbank Fed sanken von 50 Prozent auf etwa 10 Prozent nach dem Brexit-Votum.

 

Zusätzliche politische Unsicherheiten sorgen für Volatilität

Diskutiert wird auch die Kreditwürdigkeit der Briten. Die Rating-Agentur S&P hat Großbritanniens Rating bereits von AAA auf AA herabgestuft. „Die Abwertung wird keine direkten Auswirkungen auf unser Staatsanleihen-Portfolio haben“, versichert Bell.  Auch Moody’s hat seine Prognose für Großbritannien nach dem EU-Referendum von „stabil“ auf „negativ“ korrigiert, Fitch wird diesem Beispiel voraussichtlich bald folgen.

 

Politische Themen werden die globalen Märkte ebenfalls weiter beherrschen. Eine erste Herausforderung stellten die Wahlen in Spanien dar, die ohne klare Mehrheit ausgingen und für weitere Unsicherheiten gesorgt haben. Das im Oktober bevorstehende Referendum zu Verfassungsänderungen in Italien und die Präsidentschaftswahlen in den USA im November sind weitere wichtige politische Ereignisse in naher Zukunft. In den Niederlanden und in Frankreich haben sich populistische Parteien bereits jetzt für ein Referendum zur EU-Mitgliedschaft ausgesprochen. Ein Erfolg ist aber unwahrscheinlich. „Der wachsende Zuspruch für Populisten wird die Märkte dennoch auf die Probe stellen und für Volatilität sorgen“, sagt Bell.