Ernst & Young: Europas Top-Konzerne im Rückwärtsgang – Gewinne brechen um fast zehn Prozent ein
Stuttgart (9.10.16) – Sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten gingen die Umsätze und Gewinne der jeweils 300 größten Unternehmen im ersten Halbjahr dieses Jahres zurück: Europas Top-Konzerne verzeichneten insgesamt einen Umsatzrückgang um 4,6 Prozent, der Gesamtgewinn brach sogar um 9,6 Prozent ein. In den USA fiel der Gewinnrückgang mit minus 3,5 Prozent deutlich geringer aus. Die Umsätze der Top 300 US-Konzerne sanken mit 0,4 Prozent ebenfalls weniger stark als in Europa.
Der Hauptgrund für den Umsatz- und Gewinnrückgang auf beiden Seiten des Atlantiks waren die niedrigen Öl- und Rohstoffpreise. So verzeichneten die europäischen Öl- und Gaskonzerne einen Umsatzrückgang um 23 Prozent, die Gewinne brachen sogar um die Hälfte ein (48 Prozent). Aber auch andere Branchen waren im ersten Halbjahr in Europa auf Schrumpfkurs – etwa die Energieversorger, deren Umsatz um knapp sieben Prozent sank, der Lebensmittelhandel (minus zwei Prozent), Telekommunikationsanbieter (minus 1,4 Prozent) oder Lebensmittelhersteller (minus 0,8 Prozent).
Sehr gut entwickelten sich hingegen die europäischen Unternehmen des Gesundheitssektors (plus 16,2) Prozent, der Medienwirtschaft (plus 12,2 Prozent) und der IT-Branche (plus 7,2 Prozent).
Insgesamt erwirtschafteten die Top-Unternehmen Europas einen Umsatz von 3,25 Billionen Euro bei einem operativen Gewinn von 272 Milliarden Euro, die US-Konzerne kamen auf umgerechnet 4,15 Billionen Euro Umsatz und 483 Milliarden Euro Gewinn.
Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY (Ernst & Young), für die die Bilanzzahlen der jeweils 300 umsatzstärksten börsennotierten Unternehmen in Europa und den USA (ohne Banken und Versicherungen) analysiert wurden. Die Zahlen beziehen sich jeweils auf das erste Halbjahr des aktuellen Geschäftsjahres.
Die 44 deutschen Unternehmen, die im europäischen Top-300-Ranking platziert sind, entwickelten sich mit einem Umsatzrückgang von knapp zwei Prozent und einem Gewinnanstieg von sieben Prozent deutlich besser als die europäische Konkurrenz. Unter den zehn umsatzstärksten Unternehmen Europas finden sich mit Volkswagen (1. Platz), Daimler (4.), BMW (8.) und Siemens (10.) vier deutsche Unternehmen. Beim Gewinn liegt die Deutsche Telekom mit einem operativen Gewinn von 6,1 Milliarden Euro in Europa auf dem zweiten Platz (hinter dem Schweizer Pharmakonzern Roche). Mit Daimler (Platz vier), Volkswagen (5.), BMW (8.) und Bayer (10.) gehören vier weitere deutsche Konzerne zu den gewinnstärksten europäischen Unternehmen.
Dies- und jenseits des Atlantiks bleibt allerdings Apple das Maß aller Dinge: Mit einem operativen Gewinn von 38,2 Milliarden US-Dollar (umgerechnet 34,4 Milliarden Euro) machte der iPhone-Hersteller mehr Gewinn als die fünf gewinnstärksten europäischen Unternehmen zusammen.
Mathieu Meyer, Mitglied der Geschäftsführung bei EY, kommentiert: „Die europäischen Unternehmen leiden derzeit unter dem starken Euro, der zu erheblichen Einbußen bei der Umrechnung außerhalb Europas erwirtschafteter Umsätze in die europäische Gemeinschaftswährung führt. Vor allem aber macht ihnen die nach wie vor schwierige Lage der europäischen Wirtschaft zu schaffen.“ Zwar kurble die Niedrigzinspolitik der Notenbanken den privaten Konsum an, wovon der Handel und die Konsumgüterhersteller profitieren. An der geringen Investitionsbereitschaft der Unternehmen habe sie aber nichts ändern können: „Auch billiges Geld kann fehlendes Vertrauen nicht aufwiegen.“
Dass es in konjunkturell schwierigen Zeiten auch anders geht, zeigen die US-Konzerne, die zwar auch unter der abflauenden Weltkonjunktur leiden, die aber den Umsatz- und Gewinnrückgang in Grenzen halten konnten und weiter deutlich profitabler waren als die europäische Konkurrenz: Im Durchschnitt lag die Gewinnmarge der US-Konzerne im ersten Halbjahr bei 11,6 Prozent, während die europäischen Unternehmen nur auf eine Marge von 8,4 Prozent kamen. Margen von zehn Prozent oder mehr schafften im ersten Halbjahr in den USA zehn von sechzehn Branchen – in Europa waren es nur sieben Branchen.
Deutschlands Top-Unternehmen haben sich im ersten Halbjahr – gegen den europäischen Trend – relativ gut entwickelt: Ihre Zahl im Top 300 Ranking stieg im Vergleich zum Vorjahr von 41 auf 44, drei Viertel von ihnen konnten ihren Gewinn erhöhen, so dass die durchschnittliche Gewinnmarge von 7,7 auf 8,4 Prozent stieg.
USA dominieren IT-Sektor
Die anhaltende – und sich zuletzt weiter verschärfende – Margenschwäche der europäischen Konzerne sei auch auf strukturelle Probleme zurückzuführen, sagt Meyer: „Europa leidet nach wie vor unter einem erheblichen Übergewicht der sogenannten Old Economy“. 47 Prozent der Top-300-Unternehmen entstammen den klassischen Industriebranchen wie Maschinen- und Anlagebau, Elektroindustrie, Automobilbau sowie Öl- und Rohstoffgewinnung. In den USA liegt der Anteil dieser Branchen nur bei 29 Prozent. Dafür haben in den USA der Dienstleistungs- und der IT-Sektor mit zusammen 25 Prozent ein erheblich größeres Gewicht als in Europa (12 Prozent).
Vor allem in der IT-Branche hinkt Europa hinterher: Gerade einmal 14 IT-Unternehmen können sich im europäischen Top-300-Ranking platzieren – in den USA sind es 33. Noch deutlicher ist der Abstand beim Umsatz: Die europäischen IT-Konzerne erwirtschafteten im ersten Halbjahr insgesamt 92 Milliarden Euro, die US-amerikanischen IT-Konzerne kommen hingegen auf einen Gesamtumsatz von umgerechnet 575 Milliarden Euro. „Die USA geben im IT-Sektor den Ton an, Unternehmen wie Apple, Google und Microsoft sind hoch profitabel und treiben die Digitalisierung der Wirtschaft und aller Lebensbereiche mit Macht voran. Als Gestalter dieses technologischen Wandels spielen europäische Konzerne hingegen kaum eine Rolle“, beobachtet Meyer.
Unruhige Zeiten: Kostensenkungen und Zukäufe
Nachdem in der ersten Jahreshälfte immerhin 61 Prozent der im Ranking gelisteten deutschen Konzerne sinkende Umsätze verzeichneten, dürfte die Situation auch in den kommenden Monaten schwierig bleiben, erwartet Meyer. So habe sich die weltweite konjunkturelle Lage zuletzt weiter eingetrübt, während die politischen Risiken hoch bleiben: „Die Unternehmen müssen sich weiter auf turbulente Zeiten einstellen. Die Präsidentschaftswahlen in den USA, das Auseinanderdriften der EU-Staaten und immer wieder aufkommende Sorgen über die Stabilität des europäischen Finanzsektors sorgen für Unsicherheit.“
Meyer rechnet daher damit, dass die Unternehmen einerseits weiter an ihrer Effizienz und Flexibilität arbeiten und auf Kostensenkungen setzen werden. Andererseits werden die Konzerne nach seiner Einschätzung weiter massiv in die Sicherung ihrer zukünftigen Wettbewerbsfähigkeit investieren: „Viele große deutsche Konzerne arbeiten derzeit an einer grundsätzlichen Neuausrichtung ihres Geschäfts, die bis zur radikalen Abspaltung ganzer Bereiche reichen kann. Neue Wettbewerber und ein rasanter Wandel durch neue Technologien und regulatorische Vorgaben zwingen die Unternehmen dazu, ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand zu stellen und sich neu zu formen. Dank gut gefüllter Kassen sind die Unternehmen zudem in der Lage, auch große Zukäufe zu tätigen. Die kommenden Monate dürften daher ganz im Zeichen von Kostensenkungen und Zukäufen stehen.“

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