Die Deutsche Bundesbank feiert Anfang August d. J. ihr 60-jähriges Jubiläum! Das Motto: Seit 1957 sorgt die Notenbank für stabiles Geld in Deutschland und Europa.

www.geldanlagen-nachrichten.de liefert in den kommenden Monaten eine ausgedehnte Serie zum Thema deutsches Geld und Geldpolitik von der Nachkriegszeit über die Währungsreform mit der Einführung der D-Mark 1948 bis zum Euro von Heute.

Von Christoph Wehnelt

 Nr. 11

Mit der Währungsunion auf Europa warten?

 

21.3.1990: Politiker und Wissenschaftler reden sich immer noch die Köpfe heiß, ob die schnelle deutsch-deutsche Währungsunion denn wirklich notwendig und nützlich sei, ob man nicht besser abwarten und Stufenpläne entwickeln sollte. Am besten, so einige Sprecher, man warte gleich auf Europa. Die sofortige Einführung der D-Mark als Währung der DDR könne die dortigen realwirtschaftlichen Entwicklungsprobleme nicht lösen, meint der dezidiert links gerichtete Bremer Professor Rudolf Hickel.

 

Die drei CDU-Abgeordneten Werner Münch/Niedersachsen, Hartmut Perschau/Hamburg und Friedrich Merz/Nordrhein-Westfalen meinen, dass zum Schutz der inneren Stabilität des Europäischen Währungssystems  die Ausdehnung des Währungsgebietes der D-Mark vorrangig unter dem Aspekt der Währungsstabilität vorgenommen werden müsse. Das zeitgleiche Inkrafttreten der ersten Stufe der europäischen Währungsunion mit der deutschen Währungseinheit am 1. Juli 1990 könnte die Integration der deutschen Einheit in den europäischen Einigungsprozeß zu einem frühen Zeitpunkt symbolisch verdeutlichen.

 

Der Staatsminister im Bundeskanzleramt, Lutz Stavenhagen, ist in München heute dem Eindruck entgegengetreten, die Bundesregierung messe bei der Herstellung der deutschen und der europäischen Währungsunion mit zweierlei Maß. Nach Stavenhagen muß in beiden Fällen die Stabilität der Wirtschaft oberster Grundsatz sein. Es liege aber auf der Hand, dass sich die währungspolitische Vereinigung in Deutschland schneller vollziehen könne als in Europa, weil die D-Mark bereits heute in der DDR zur Parallelwährung geworden sei.

 

Die Bundesregierung hoffe, sich mit der DDR rasch auf die notwendigen Formen und Stabilitätsverpflichtungen einigen zu können. In  Europa handele es sich dagegen um einen Prozeß des Zusammengehens sehr unterschiedlicher Volkswirtschaften und Wirtschaftspolitiken, der sich naturgemäß nur in Stufen vollziehen könne und Zeit brauche.

 

Für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, DIW Berlin, ist es bereits ausgemachte Sache, dass die Sanierung der zerrütteten DDR-Wirtschaft für steigende Zinsen und eine schwächer werdende D-Mark mitverantwortlich sei. Nach den Worten von Sparkassenpräsident Helmut Geiger hält die Wirtschaft der DDR den jetzigen Schwebezustand zwischen Ost-Mark und West-Mark nicht mehr lange aus.

 

Hans Tietmeyer, Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bundesbank stellt schon wieder eine gewisse Beruhigung beim Zinstrend fest. „Von einer D-Mark-Abwertung, wie das DIW meint, kann auch nicht gesprochen werden.“

 

                                                                                                    28.4.1990

 

Schon schmieden die Nachbarn ganz kräftig an dem Aufbau der Europäischen Währungsunion. Der Gouverneur der Banque de France, Jacques de Larosière, hat sich in Paris für eine Zweistufen-Direktion der geplanten Europäischen Zentralbank ausgesprochen. Er schlägt einen Rat  aus den Notenbankgouverneuren der Mitgliedsländer vor, der die Orientierung in Währungsfragen formulieren und beschließen soll. Die Durchführung der Rats-Entscheidungen wäre nach seinen Vorstellungen Sache eines Direktoriumkomitees aus Persönlichkeiten, die der Europarat bestimmen würde. Die Ratsmitglieder des mit möglichst eng gefassten Kompetenzen ausgestatteten Entscheidungsgremiums sollen de Larosière zufolge über längerfristige Mandate verfügen, um sie von Pressionen freizuhalten und die Autonomie der Zentralbank zu bewahren. Die Bank müsse das Statut einer autonomen Gemeinschaftsinstitution erhalten.

Die Diskussion beginnt jetzt erst richtig und wird zwischenzeitlich von der CSU fortgesetzt. Der mir aus Studentenzeiten wohl bekannte Wolfgang Bötsch (ich habe ihn als fromm und sehr witzig in Erinnerung. Als ich ihm das später mal sagte, meinte er: weniger fromm als witzig), seines Zeichens Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag, hat sich gegen eine überhastete Gangart bei der Schaffung der europäischen Währungsunion gewandt. „Die aus gutem Grund durch den Delors-Ausschuß befürwortete Krönungstheorie darf nicht vernachlässigt werden, wenn Ende dieses Jahres die Verhandlungen über die Schaffung einer europäischen Währungsunion beginnen.“ Bundesbankpräsident Pöhl ist ebenfalls Verfechter der Krönungstheorie, die besagt, dass eine Europäische Zentralbank die Krönung der europäischen Wirtschafts- Währungsintegration sei.

 

Heute Morgen hat nun Prof. Claus Köhler, Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bundesbank in Frankfurt ganz eindeutig erklärt: „Solange das Pfund-Sterling außerhalb des EWS-Festkurssystems bleibt, wird man kaum auf dem Weg zu einer europäischen Wirtschafts- und Währungsunion vorankommen.“ Sein Kollege Wilhelm Gaddum geht auf andere Vorwürfe aus dem europäischen Ausland ein, nämlich dass die deutsche Währungsunion im Widerspruch zur europäischen Integration stünde. Gaddum sagte in Wien: „Die unterschiedliche Haltung der Bundesbank  zur Währungsunion mit der DDR einerseits und mit europäischen Partnern andererseits ist kein Widerspruch. Im deutsch-deutschen Falle bleibt die Autorität der Notenbank bestehen, während sie im anderen Fall in Zweifel gezogen werde.“ In Europa sei die Souveränität einer unabhängigen europäischen Zentralbank bei den Partnerländern immer wieder umstritten. Die Bundesbank halte die Unabhängigkeit wie im deutsch-deutschen Falle auch in Europa für unverzichtbar.

 

Eine unabhängige Notenbank ist die beste Waffe gegen die Teuerung in Deutschland und in Europa. Und wenn die Bundesbank sich dafür einsetzt, tut sie dies nicht nur, um die deutschen Interessen durchzusetzen, sondern speziell um dem europäischen Bürger zu dienen, dessen Geld so am ehesten werthaltig bleibt.

 

                                                                                                              24.4.1990

 

Von der Wiege bis zu Bahre: Kommentare, Kommentare. – Wer die Teilung überwinden will, muß teilen, ist gesagt worden. Und: Ein Umtauschkurs von 21 wäre Betrug am Wähler in der DDR. Oder: Die Einheit gibt es nicht zum Nulltarif.

Gutachter und Finanztechnokraten sind bei den Berechnungen über die Höhe der Belastungen, die auf die Bundesrepublik zukommen, in den vergangenen Monaten durchaus nicht kleinlich gewesen. Tausende von Milliarden haben sie nach Lust und Laune aufaddiert. Es wird ein Billionenspiel, die heutige DDR in ein ähnliches Schmuckkästchen zu verwandeln wie Westdeutschland. Für das erste Jahr der Währungsunion ist der bundesdeutsche Steuerzahler, und zwar jeder einzelne mit 1000 Mark dabei, d. h. etwa 60 Milliarden Mark gehen von unsere Staatskassen aufs Konto DDR.

 

Dabei hieß es anfangs doch, dass die Industrie – national und international – durch ihre Investitionen das Meiste für Deutschlands Einheit trage. Stimmt auch. Trotzdem wird die Vereinigung für die Bundesrepublik, also die öffentlichen Haushalte und damit für den Steuerzahler viel teurer als zunächst erwartet. Die Bundesbürger haben sich bereits daran gewöhnt, für die Einheit kräftig blechen zu müssen. Daran gewöhnen kann er sich allerdings nur schlecht an stets neue und wachsende Forderungen, die von Regierungsmitgliedern in der DDR und Oppositionspolitikern im Westen in immer schnellerer Folge erhoben und so wenig kraftvoll von der Bonner Regierung pariert werden. Die jetzt vereinbarte Wirtschafts- und Währungsunion ist ein recht teures Geschäft. Überteuert wäre der Polit-Deal, wenn sich daraus langwierige ökonomische Fehltrends entwickelten, die zu reparieren einer seriösen Finanzpolitik und einer zielstrebigen Geldpolitik kaum noch möglich wären.

 

Die Bundesbank hat im politischen Gezerre um die Währungsunion eine Schlacht verloren. Sie wird die jetzigen Regierungsvereinbarungen mittragen (müssen). Das kann aber sicherlich nicht heißen, dass sie nun von ihrem Stabilitätsweg abweicht. Die Bundesbank wird den Wert der D-Mark weder außenwirtschaftlich noch im Lande selbst verrotten lassen. Sie legt damit eine größere Verantwortung für den Gesamtstaat und dem Wohlergehen des Gemeinwesens an den Tag als viele Bonner Politiker, die sich im Wahljahr profilieren wollen. Rigorose Zinssteigerungen sind angesagt, wenn der Geldstrom in Richtung DDR aus dem Ruder läuft und dies auch noch mit überhöhten Tarifabschlüssen im Westen zusammenfällt.

 

Unter diesen Umständen wird der harten D-Mark ein Stück Konjunktur geopfert, obwohl es doch darum gehen sollte und gehen könnte, durch die Vereinigung neue Wirtschaftsimpulse zu entfachen. War aber am Anfang alles verfrühstückt, hat später nichts mehr zu verteilen. Die Beschäftigten in der DDR werden dies besonders zu spüren bekommen. Dann folgen der Euphorie Frust und böse Auseinandersetzungen.

Geld mit uns

Währungen machen Geschichte. Schlechte Währungen reiten die Staaten in den Abgrund, wie es in Südamerika wiederholt zu beobachten war. Stabile Währungen bauen auf, bringen Zuwachs an Wohlstand und Macht. Die bundesdeutsche Geschichte ist bestes Beispiel dafür. Das führte auch schon zu der bissigen Frotzelei der Franzosen: Früher hieß es bei den Deutschen „Gott mit uns,“ (weil dieser Spruch auf den Uniformkoppeln der Soldaten stand), jetzt heißt es: „Geld mit uns“ (weil die romanischen Europäer unfähig sind, stabiles Geld zu produzieren).

 

Deutschland wurde durch die Einführung der D-Mark in West- und Ostzonen geteilt. Insofern stand an der Wiege der Bundesrepublik das Geld. Und Deutschland wird nun über das Geld, über die Währungsunion vereinigt. Die Entwicklung hat ein atemberaubendes Tempo angenommen. Schließlich geht es darum, die Fluchtwelle aus der DDR aufzuhalten. Inbegriff des bundesdeutschen Wohlstands wurde die D-Mark. Die DDR-Bürger wollen möglichst schnell an diesen westlichen Wohlstand heran. Da ist es wohl das Beste, der DDR  umgehend unsere Währung zuzuteilen und die Wirtschaft dort damit werkeln zu lassen. Das hört sich sehr vernünftig an, ist wohl auch vernünftig, aber tatsächlich nur mit äußerster Kraftanstrengung beider deutscher Staaten zu verwirklichen.

 

Schließlich hat die Bundesbank nicht über 40 Jahre an der stabilen Deutschen Mark gebosselt, damit sie nun durch ein marodes Wirtschaftssystem ruiniert wird. Deshalb steht zu Recht die Forderung im  Vordergrund: Erst die volle Einführung des marktwirtschaftlichen Systems in der DDR, dann kommt das gute Geld aus dem Westen. Doch die Systemveränderung kommt nicht schnell genug voran. Die Werktätigen der DDR laufen schneller in Richtung Westen. Sie stimmen, wie schon so manches Mal in ihrer Geschichte mit den Füßen ab, obwohl die nun erstmals die Chance haben, in freiheitlichen, demokratischen Wahlen ihre Stimmen abzugeben und das schon am 18. März. Dass dann alles besser wird, glauben die meisten DDR-Bürger nicht so recht. Es muss ihnen glaubhaft gemacht werden. Sie sollen wissen, dass es spätestens am 1. April  – und genau mit einer solchen Terminbenennung – alles besser wird, zum Beispiel mit der Einführung der D-Mark als offizieller Parallelwährung in der DDR.

 

Ein Überraschungseffekt darf zur Abwehr möglicher Spekulationen nur noch darin liegen, dass der Termin insgeheim nach vorne gezogen wird. Morgen (6.2.) wird Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl zur Staatsbank der DDR reisen und dort die Präsidenten Horst Kaminski treffen. Pöhl trifft aber nicht nur diesen Geldfachmann, der vor einem Jahr noch die Meinung geäußert hatte, dass an dem Geldsystem der DDR nichts zu ändern sei.  Jetzt aber ist Kaminski wesentlich flexibler geworden. Pöhl trifft auch Wirtschaftsministerin Christa Lutz und bei dieser Professorin wird für den Bundesbankpräsidenten die härtere Nuß zu knacken sein.  Kaminski hat sich weitgehend schon den modernen Interpretationen seines Staatsbankgeneraldirektors Krebs angeschlossen, der kürzlich in Berlin gesagt hatte: Die DDR-Staatsbank ist bereit, die Geldkontrolle an die Deutsche Bundesbank abzutreten.

 

Heute Morgen tönte die Wirtschaftsministerin, Luft, vor dem runden Tisch in Ostberlin: eine deutsch- deutsche Währungsunion könne nur durch einen Volksentscheid zur deutschen Einheit geschaffen werden. Eine Währungsunion habe so tief greifende Auswirkungen, dass darüber in einer Volksabstimmung befunden werden müsse. Bis dahin sollte die Bundesrepublik die DDR über einen Lastenausgleich von 10 bis 15 Milliarden West-Mark wirtschaftlich unterstützen. Ferner könne eine Teilumtauschbarkeit der DDR-Mark gegenüber der D-Mark mit einem Kurs von 1:1 oder 1:2 mit Unterstützung der Bundesbank eingeführt werden, sagte die Ministerin. Christa Luft hat offenbar noch nicht verinnerlicht, dass das Volk der DDR schon seit Jahren für die D-Mark votiert, und genau diese Leute seit Monaten verstärkt mit den Füßen in Richtung Westen abstimmen, um in das  Währungsgebiet der D-Mark zu kommen.

 

Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl wird dies wohl klar machen müssen. Er kann dabei auch auf die Ausführungen des Vorsitzenden des Wirtschaftskomitees beim Ministerrat , Karl Grünheid, verweisen, der heute – ebenfalls am runden Tisch – sagte, das Produktionsniveau in der DDR wird 1990 voraussichtlich um vier bis fünf Prozent unter dem des vergangenen Jahres liegen. Die Hauptgründe dafür seien Streiks, der Weggang der Menschen in den Westen und Fehler bei der Leitung der Betriebe. Grünheid verwies zugleich darauf, dass die DDR in diesem Jahr wesentlich mehr Mittel für die Sicherung der Versorgung aufbringen müsse. Er sagte, zur Bereitstellung von ‚Waren für den Inlandmarkt seien 1990 insgesamt etwa acht Milliarden Ost-Mark mehr aufzuwenden. – Es steht wirklich nicht zum Besten um die Wirtschaft der DDR und zum Taktieren, wie Christa Luft sich anschickt zu tun, ist keine Zeit mehr.

 

 

 

  1. April 1990

 

Regierungsexperten beider deutscher Staaten sind heute in Bonn zur 3. Gesprächsrund über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion zusammengekommen. Verhandlungsgrundlage bietet weiterhin der 25 Seiten umfassende Vertragsentwurf der Bundesregierung. Darüber hinaus hat die Bonner Regierung den Ostberliner Verhandlungspartnern ein Leitsätze-Papier von elf Seiten über die künftige Rechtsordnung der DDR vorgelegt.

 

Schon am 18. März hatte Hans Tietmeyer in (meinem) Frankfurter Gespräch des Hessischen Rundfunks die Notwendigkeit eines Leitsätze-Gesetzes für die DDR betont. Der frühere Staatssekretär im Bonner Finanzministerium, Tietmeyer, ist seit Januar dieses Jahres Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bundesbank. Anfang April hat ihn Bundeskanzler Kohl als persönlichen Beauftragten für die Verhandlungen über die Währungsunion wieder nach Bonn geholt. Damit wurde Tietmeyer zur zentralen Figur im Vereinigungsprozess. Grund genug sich einmal den Werdegang des klugen Mannes einmal etwas näher anzusehen.

 

Sein wirtschaftswissenschaftliches Studium hat der gebürtige Westfale mit der Promotion abgeschlossen. Auf seinen Lehrer Müller-Armack ist Tietmeyer immer noch stolz. Dennoch trat der damalige Hochschulabsolvent – er hatte in Münster, Bonn und Köln studiert – nicht sofort in die Staatsdienste ein, sondern wurde Geschäftsführer des Bischöflichen Cusanuswerkes. Der Katholik wollte dort etwas Kirche mit gediegenem Broterwerb verbinden. Offenbar hatte er damals seine eigene Dynamik unterschätzt. Bei aller kirchlichen Bindung war er doch zu Höherem geboren.

1962 trat Tietmeyer in das Bonner Wirtschaftsministerium ein. Dort diente er nacheinander Ludwig Erhard, Karl Schiller, Helmut Schmidt, Hans Friderichs und Ott Graf Lambsdorff, zuletzt als Abteilungsleiter „Wirtschaftspolitik.“ Das so genannte Lambsdorff-Papier, mit dem der Sturz der sozialliberalen Koalition 1982 eingeleitet wurde, wird zum Teil ihm zugeschrieben. Da hat der CDU-Abteilungsleiter kräftig mitgewerkelt, dass es zur großen Wende in Bonn kam.

 

Er gilt als workaholic, als besessener Arbeiter. Er liebt Beethoven, hat Thomas Morus zu seiner Lieblingsgestalt in der Geschichte erkoren. Den Widerstandskämpfer Maximilian Kolbe sieht er als Held der Wirklichkeit. Er hat eine ausgeprägte Mutterbindung. Wie ein roter Faden zieht sich starke Religiosität durch sein Leben. Er ist ein frommer Mann und dies nicht erst, seitdem das 1988 auf ihn geplante Attentat in unbegreiflich wunderbarer Weise fehlgeschlagen war. Als Motto fürs Leben hat er sich gesetzt: Tue recht und scheue niemand. Damit ist der heute 58-jährige auch immer gut gefahren, seine Karriere inbegriffen.

 

Finanzminister Gerhard Stoltenberg holte Tietmeyer 1982 als Staatssekretär in sein Ministerium. Damals wurde internationales Finanzmanagement seine Profession, die ihn bis heute nicht mehr losgelassen hat. 1989 diente er noch ein Dreivierteljahr Finanzminister Theo Waigel, dann schaffte er den Sprung in die Bundesbank bis Kohl ihn rief. Wie der Koloss von Rhodos überbrückt er von Stund an zwei Uferseiten. Denn Tietmeyer operiert jetzt nicht nur im Auftrag Bonns in Richtung Ostberlin sondern nimmt als persönlicher Beauftragter des Bundeskanzlers weiterhin an den Sitzungen des Zentralbankrates teil. Sein (Zins-) Stimmrecht muß er allerdings für die Zeit seiner Sondermission als deutsch-deutscher Unterhändler ruhen lassen.

 

Zwischenzeitlich wurde sein Dezernat bei der Bundesbank zwischen dem Präsidenten und dem Vizepräsidenten, also unter Pöhl und Schlesinger aufgeteilt. Somit ist der als „Außenminister“ der Bundesbank Ende 1989 nach Frankfurt berufene Währungshüter ein „Johann Ohneland“. In Bonn übt er dagegen abermals die Funktion eines Sherpas für den Bundeskanzler aus. Er ist Kohls rechte Hand bei der Verwirklichung der deutschen Währungsunion.

 

Sherpas werden Träger und Bergführer im Himalaja genannt. Sie tragen die Verantwortung für das Gelingen der Expedition. Kohl selbst hat diese Bezeichnung für Tietmeyer erdacht, denn der Bundeskanzler hatte den Finanzmann schon in früheren Jahren als persönlichen Beauftragten für Vorbereitung und Management der jährlichen Weltwirtschaftsgipfel engagiert. – Sherpa damals wie heute.

 

Schon wird spekuliert, ob Tietmeyer eines Tages nicht ganz an die Seite des Vereinigungskanzlers tritt, als Minister. Genauer betrachtet, dürfte eine solche Karriere aber eher einen Rückschritt bedeuten. Außenminister bei der Bundesbank kann allenfalls durch die Präsidentschaft bei der Zentralbank überboten werden. Diese Position ist allerdings für eine Reihe von Jahren vergeben, doch nicht für immer. Das Beste, was Tietmeyer derzeit passieren kann, ist ein guter und für alle Seiten tragbarer Abschluss der Währungsverhandlungen und die Rückkehr in die Metropole Frankfurt nach seinem Motto: Tue recht und scheue niemand.

 

 

 

 

 

 

Stabiles Gerüst für die Währungsunion

                                                                                                           28.Mai 1990

 

Für die Einführung der deutsch-deutschen Währungsunion bedarf des politischen Willens auf beiden Seiten, eines Staatsvertrages zwischen den beiden deutschen Staaten, eines neuen Gesetzeswerkes für die DDR, und eines ganzen Korbs  Verordnungen und Verwaltungsmaßnahmen in Westdeutschland, aber auch eine Bankorganisation, die die Währungsunion in der DDR umsetzt. Das Wichtigste dürfte die politische Absicherung sein, die hier nur erreicht werden kann, wenn die Bundesbank auf dem Altar Europas geopfert wird, und zwar nicht erst nach Erreichen der politischen Union in Europa (Krönungstheorie) sondern als Motor für die Entwicklung dorthin durch frühzeitige Einbringung der Bundesbank in eine europäische Zentralbank.

 

Die Bundesbank arbeitet derzeit daran, die Währungsunion mit Leben zu erfüllen. Es müssen die Voraussetzungen für den Geldumtausch zwischen Elbe und Oder und die künftige Geld- und Kreditpolitik in der DDR zu schaffen. Am 1. Juli geht es richtig los. An diesem Sonntag öffnen in der DDR etwa 10 000 Auszahlungsstellen, die  Ost-Mark und auf Ost-Mark lautende Guthaben entgegennehmen und nach den vereinbarten Grundsätzen – bis zu 2000 Mark  1:1 – umtauschen.

 

Behörden und Polizeiämter, Sparkassenfilialen und Bankstellen sind in die Großaktion eingebunden, bei der über 20 Milliarden D-Mark Bargeld in die DDR-Wirtschaft gepumpt werden. Die Umstellung der Bankkonten übernehmen die Kreditinstitute in den folgenden Tagen selbst. Parallel dazu baut die Bundesbank in der DDR ein Filialnetz mit 15 Kopfstellen auf, denn die Staatsbank der DDR ist vom 1. Juli an nicht mehr Notenbank. Diese Funktion geht voll auf die Bundesbank über. Sie arbeitet dabei eng mit den Landeszentralbanken zusammen. Dazu kommen jeweils 15 bis 20 Bundesbanker, die als Kerntruppe in den einzelnen Filialen Dienst tun werden. In intensiver Schulungsarbeit sollen pro Filiale sehr schnell auch 60 bis 80 Mann aus bisherigen Staatsbankdiensten mit Zeitverträgen in das DDR-Filialsystem der Bundesbank integriert werden, zusammen 800 Mann.

 

Als Kopf der Organisation fungiert eine Verwaltungsstelle der Bundesbank in Ostberlin, und zwar in der alten Reichsbank, dort sind nämlich noch aus früheren Zeiten gut verwendbare Tresorräume vorhanden. Die ebenfalls in diesen Mauern untergebrachte Volkskammer muss etwas zusammenrücken. Zusammenrücken muss auch die Bundesrepublik mit den europäischen Nachbarn.

 

Wichtige Schlüsselrolle der BIZ in Basel

                                                                                                     Basel, 11.6.1990

 

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich – BIZ – in Basel hat seit ihrer Gründung vor 60 Jahren für die Finanzwelt in Europa, Amerika und Japan immer eine bedeutende Rolle gespielt und tut dies weiterhin. Anfangs ging es um das Finanzmanagement der deutschen Reparationen nach dem 1. Weltkrieg. Nach dem 2. Weltkrieg kamen bedeutende Aufgaben im Management der Weltschuldenkrise hinzu. Die BIZ kümmert sich nun um die Zusammenarbeit zwischen den Zentralbanken weltweit, hat immer größere Aufgaben im Zahlungsverkehr zwischen den Notenbanken übernommen und fungiert auch als Agent und Treuhänder der fürs Geld verantwortlichen Finanzaristokratie dieser Welt.

 

Die BIZ wuchs nach und nach fast schon in die Schuhe einer europäischen Zentralbank hinein. Monat für Monat treffen sich hier  – wie gestern und heute – die Notenbankgouverneure der Zehner-Gruppe, also der zehn wichtigsten Staaten der Welt (ohne den kommunistischen Block) einschließlich der Schweiz. Dabei wurden und werden alle wichtigen Probleme der internationalen Währungspolitik besprochen und wenn möglich auch geregelt, zumindest diskrete Ansätze für notwendige Regulierungen erarbeitet. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich ist der regelmäßige Treffpunkt der Geldregierungen der westlichen Welt.

 

Heute setzte sich in Basel BIZ-Präsident W. F. Duisenberg mit Nachdruck für eine unabhängige Europäische Notenbank ein, denn nur so könne auch in Zukunft ein Europa Preisstabilität erreicht werden. Duisenberg wörtlich: „eine solche Zentralbank kann das Ziel der Preisstabilität am besten erreichen, wenn sie keinen politischen Weisungen unterliegt.“ Dann formulierte der Niederländer aber eine wichtige Einschränkung, wenn er sagte: „Selbstverständlich kann eine Zentralbank kein Staat innerhalb des Staates sein.“ Sie müsse eine demokratische Legitimation haben und bedarf auch der Unterstützung durch die Öffentlichkeit.

 

Am 1. Juli wird nicht nur die deutsch-deutsche Währungsunion verwirklicht, sondern es geht auch der Delors-Plan in die erste Runde und damit die europäische Währungsunion. Im Hinblick auf die Währungspolitik wird damit das Mandat des Baseler Ausschusses der Präsidenten der EG-Zentralbanken erweitert. In Zukunft muß er bei Entscheidungen beispielsweise über die jährliche Festsetzung des Geldmengenzieles der einzelnen Länder gehört werden.

 

Im vorliegenden BIZ-Geschäftsbericht wird ganz unvermittelt die Frage gestellt: Wer oder was eigentlich die Funktion der D-Mark als Anker im europäischen System übernehmen soll? Diese wichtige Frage bleibt unbeantwortet, schließlich könne eine wirksame Geldpolitik durch destabilisierende Haushaltsentwicklungen in den einzelnen Mitgliedsländern durchkreuzt werden. Es bestehe offenbar, so die BIZ, eine große Abneigung, die europäische Währungsunion durch eine Abtretung gewisser Souveränitätsrechte auf diesem Gebiet zu vervollständigen.

 

In der Beurteilung der deutsch-deutschen Währungsunion halten sich die Schreiber des BIZ-Berichtes einigermaßen zurück: Es werde schwierig werden, aber nicht untragbar.

 

Tietmeyer zurück in Frankfurt

                                                                                                           13.6.1990

 

Bedacht mit viel Lob kehrte heute Hans Tietmeyer an seinen Schreibtisch bei der Bundesbank zurück und nahm erstmals wieder als Direktoriumsmitglied an der routinemäßigen Zentralbankratssitzung teil. Auf Wunsch des Bundeskanzlers und mit Zustimmung des Zentralbankrates hatte Tietmeyer als Chefunterhändler die Bundesrepublik in den Verhandlungen mit der DDR vertreten. Helmut Kohl und Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl sprachen Tietmeyer, so hat es Regierungssprecher Hans Klein ausgedrückt, ihren Dank für seine Arbeit und sein großes persönliches Engagement aus. Tietmeyer habe wesentlich dazu beigetragen, dass die Verhandlungen über den Staatsvertrag in ungewöhnlich kurzer Zeit erfolgreich abgeschlossen werden konnten.

 

Am großen, ovalen Tisch im Sitzungszimmer der Deutschen Bundesbank traf Tietmeyer heute auch seinen wichtigsten Gesprächs- und Vertragspartner aus den DDR-Verhandlungen wieder, nämlich den DDR-Finanzminister Walter Romberg, der erstmals an einer Sitzung des Zentralbankrates teilnehmen durfte. Auch dies ein Ergebnis des deutsch-deutschen Währungsvertrages.

 

Klar, dass im Mittelpunkt der Sitzung die deutsche Währungsunion stand, deren Vorbereitung bei der Bundesbank auf Hochtouren laufen.  Am 1. Juli übernimmt die Bundesbank die Währungshoheit auf dem Gebiet der DDR, obwohl es weiterhin eine

Ostberliner Regierung gibt. Damit wird die Währungsspaltung aus dem Jahr 1948 – Einführung der D-Mark im Westen, die die harte Phase der deutschen Teilung einleitete, nach 40 Jahren und zehn Tagen beendet.

 

Für den Umtauschkurs hatte die Bundesregierung ein Verhältnis von 1:1 festgelegt. Die Bundesbank war da zurückhaltender. Sie schlug hinsichtlich der Bestandsgrößen ein Verhältnis von 1:2 vor. Hinsichtlich der Stromgrößen machte sie keinen eigenen

Vorschlag. Präsident Tietmeyer und Vizepräsident Schlesinger erklärten sich schließlich mit einem Umtauschkurs von 1:1,81 einverstanden.

                                                                                                         18.6.1990

 

Die belgische Regierung hat ihre Währung, den belg. Franc, jetzt fest an die Deutsche Mark gekettet, als ob es eine Währung wäre. So hat es Premierminister Wilfried Martens im belgischen Fernsehen ausgedrückt. Diese formelle Anbindung hat eine hohe politische Bedeutung. Bisher hatten sich nur die Niederlande und Österreich zu so einem geldpolitisch weit reichenden Beschluß durchringen können. Sie haben seit Jahren schon ihre Währungen parallel zur D-Mark gesteuert. Seit Jahrzehnten gilt zum Beispiel für den österreichischen Schilling ein Umtauschkurs von 7:1 zur Mark. Auch die Schweiz orientiert sich an der D-Mark. Sogar das kommunistische Jugoslawien hat dahingehende Anstrengungen unternommen und natürlich sind die meisten Währungen der EG-Länder über das Europäische Währungssystem – EWS – mit der Leitwährung D-Mark verwoben.

 

Zwischen den EWS-Währungen gibt es jedoch üblicherweise Kursbandbreiten von 2,25 Prozent nach oben und nach unten, so dass also Schwankungen von 4,5 Prozent möglich sind. Alle drei Benelux-Länder wollen aber künftig darauf verzichten, ebenso wie Österreich. Sie tun so, als ob es eine einzige Währung wäre mit der D-Mark. Zwar haben die anderen unverändert ihr angestammtes Geld in der Tasche, aber der Außenwert zur D-Mark soll sich nicht ändern. Zum erweiterten D-Mark-Block können aber durchaus auch die Schweiz und alle übrigen EWS-Währungen, letztlich alle Währungen Europas gezählt werden, denn wenn die Bundesbank wichtige geldpolitische Entscheidungen trifft, z. B. die Zinsen erhöht, müssen alle reagieren, wenn dies auch manchmal unter Stöhnen geschieht. Das Stöhnen kann dann auch in einer Neufestsetzung der Umtauschkurse ausarten, wenn die 4,5 prozentige Bandbreite nicht mehr ausreichen sollte.

 

Die D-Mark ist der Anker für das europäische Geldsystem. Das wird auch noch viele Jahre so bleiben müssen. Die EG-Staaten sind noch längst nicht soweit, echte Souveränitätsrechte an eine Zentralregierung abzugeben, die sich wiederum eine unabhängige und effektiv arbeitende Notenbank leisten könnte. Solange aber diese Institution fehlt, kann es nur mit der Bundesbank an der Spitze ein gut funktionierendes anti-inflationär wirkendes europäisches Geldsystem geben. Die Bundesbank hat das Zeug dazu, sie ist dafür gerüstet.

 

                                                                                    Ostberlin, 27.6.90

 

Die bundesdeutschen Großbanken setzen in der DDR zum Endspurt für die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion an. Heute stellte die Deutsche Bank im Ostberliner Palasthotel ihre Aktivitäten in der DDR vor. Die Dresdner Bank wird am Freitag in Halle an der Saale mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit abermals aktiv und die Commerzbank am Samstag am selben Ort.

 

Kleine Eifersüchteleien werden dabei zwischen den beiden Großbanken deutlich. Commerzbankchef Walter Seipp hatte für seinen Empfang in Halle, den Hallenser Hans-Dietrich Genscher eingeladen. Das wiederum konnte der Dresdner Bank-Chef, Wolfgang Röller, so nicht im Raume stehen lassen, schließlich war Röller vor Jahrzehnten in dieselbe Schule wie Bundesaußenminister Genscher. Röller musste also Genscher zum gemeinsamen Schulbesuch und zum Empfang zeitlich vor der Commerzbank haben mit dem Ergebnis, dass am Freitag in Halle Genscher mit Röller und am Samstag Genscher mit Seipp auftritt. (Die FDP-Parteikasse freut sich schon über die Zuwendungen von beiden Bankbossen.)

 

Die Deutsche Bank steht selbstredend haushoch über solchem Prestige-Kram. Der quirlige Röller, wollte aber auch der großen Konkurrenz ein Schnippchen schlagen. Schon gestern ließ er bekannt geben, mit welchem Filialaufgebot sein  Haus, die Dresdner, in der DDR auftritt. Der Start war – konkurrenzlos früh – schon am 2. Januar 1990 in der Gründungsstadt Dresden. Insgesamt verfügt die Röller-Bank über 72 Filialen gemeinsam mit der DDR-Kreditbank und 35 eigene Niederlassungen, zusammen 107 Filialen. Diese 107 sind ganz offensichtlich weniger als die 140 Filialen der Deutschen Bank. So kann man aber mit einem Wolfgang Röller nicht umspringen. Was die Dresdner Bank heute nicht hat, will sie innerhalb von  anderthalb Jahren vereinnahmen. So ließ Röller schon gestern verkünden, dass sein Haus bis Ende 1991 über 150 Filialen auf dem Gebiet der DDR verfügen werde.

 

Das für die DDR zuständige Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Georg Krupp, sah sich schließlich auf der heutigen Pressekonferenz in Ostberlin veranlasst, noch eins draufzusetzen: „Unsere Absicht ist es, in den nächsten zwei bis drei Jahren das Filialnetz auf dem Gebiet der DDR durch Neugründung von zusätzlichen 100 Geschäftsstellen zu komplettieren, zusammen sind es dann 250. Die Deutsche Bank kann es nicht lassen, überall die Grüßte zu sein.

 

Daneben machen sich die 50 Filialen der Commerzbank recht bescheiden aus. Aber Commerzbank-Chef, Walter Seipp, ist es zufrieden. Er hat vor Monaten schon erklärt, dass sein Haus eines Tages wieder ihre alte Position auf den Kreditmärkten zwischen Elbe und Oder einnehmen werde. Sie war zu Reichszeiten das weitest verbreitete Bankinstitut in Mitteldeutschland. Wenn das beim Start in die Währungsunion nicht sofort wieder klappt, muß das kein Beinbruch sein. Dann braucht man eben etwas länger, um die alte Marktstellung zurückzuerobern. Eines ist aber heute schon sicher: Vom Bahnhof Friedrichstraße, von der S-Bahnbrücke, die sich über den Vereinigungsverkehr wölbt, grüßen bereits die überdimensionalen Lettern der Commerzbank auf den durchströmenden Weltstadtverkehr.

 

Umstellungssätze – Mark der DDR : Deutsche Mark

Forderungen und Verbindlichkeiten                                               2 : 1

Aber: Löhne, Gehälter, Renten, Mieten, Pachtkosten                    1 : 1

 

Bankguthaben natürlicher und juristischer Personen                      2 : 1

Aber: Bankguthaben natürlicher Personen mit ständigem

Wohnsitz in der DDR

  • bis zum vollendeten 14. Lebensjahr

in Höhe von 2.000 Mark                                         1 : 1

 

bis zum vollendeten 59. Lebensjahr

in Höhe von 4.000 Mark                                          1 : 1

 

ab dem 60. Lebensjahr   6.000 Mark                        1 : 1

 

Bankguthaben von natürlichen und juristischen Personen

mit Wohnsitz außerhalb der DDR

vor 31. Dezember 1989                                                                      2 : 1

nach 31. Dezember 1989                                                                    3 : 1

 

 

Die Banken starten in die Währungsunion von der ersten Stunde an. Sie öffnen die Schalter am Sonntag, 1. Juli, um 9 h und halten den Publikumsverkehr bis um 21 h aufrecht. Manche Filialen öffnen sogar schon um 0 h. Über 40 Bankinstitute, fast 200 Sparkassen und etliche Kreditgenossenschaften treten dann in der DDR in Wettbewerb. Alle verbindet ein großer Gedanke: Goldgräberstimmung für eine goldene Zukunft in der neuen Welt.

 

Die Deutsche Bank ist über ihre Tochtergesellschaft Deutsche Bank Kreditbank von Anfang an mit 8500 Mitarbeitern aus der ehemaligen Staatsbank und 300 aus Westdeutschland importierten, in der Wolle gefärbten Deutschbankern dabei. Und damit die Kundenwerbung – gerade bei den Ossis unter den Akquisiteuren – besonders geschmiert läuft, wurde ein Mitarbeiter-Wettbewerb ins Leben gerufen. „Reisen können da gewonnen werden ins Blaue bis ins tropische Hawaii“, beteuerte Vorstand Krupp heute am grünen Strand der Spree.

 

Gutes Geld ist geprägte Freiheit

1.Juli 1990

 

Zur deutsch-deutschen Zeitenwende sprach ich im „Frankfurter Gespräch“ mit dem Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank, Markus Lusser, und dem Vorsitzenden des Verbandes der deutschen Maschinen- und Anlagenbaufirmen, Hans-Jürgen Zechlin. Zwei ganz wesentliche Aussagen habe ich notiert. Lusser:

„Ich glaube, dass Deutschland und damit auch Europa auf gutem Wege sind. Ich glaube allerdings auch, dass es zunächst noch einige Probleme zu lösen gibt. Der wichtigste und entscheidende Moment ist sicher die deutsch-deutsche Währungsunion. Wir haben damit eine echte Währungsunion. Die D-Mark ist die Währung auch der DDR. Ich erinnere mich da an ein Wort eines russischen Dichters, es muss Dostojewski gewesen sein, der einmal gesagt hat: Gutes Geld ist geprägte Freiheit. Ich glaube, man muß es positiv vor allem unter diesem Blickwinkel würdigen.

Es gibt natürlich in Europa Ängste wegen eines größeren Deutschlands, die geschichtlich begründet sind. Ich glaube aber, diese Ängste sind heute nicht mehr berechtigt. Ich glaube, dass Europa wirtschaftlich von diesem größeren Deutschland profitieren wird und ich glaube, dass Europa politisch profitieren wird, weil das einige Deutschland der Normalfall ist  und das, was wir vorher hatten, war nicht das Normale und war eigentlich viel gefährlicher als die Rückkehr zur Normalität.“

 

Der Maschinenbauer Zechlin hat den Aspekt des „Unternehmertums“ in der DDR herausgegriffen: „Die erste Überraschung war eine negative. Die Betriebe, die man vorfindet, sind schlechter als man erwartet hat. Man hat vorher nur die Vorzeigebetriebe, das Beste vom Besten gesehen. Nachdem die Grenze offen ist, sieht man, dass die Struktur in den Betrieben schlechter ist. Das ist aber gar nicht so wichtig wie eigentlich die positive Überraschung. Man hatte zunächst nämlich angenommen, dass es nach 40 oder 50 Jahren Kommandowirtschaft keine echten innovativen, motivierten Unternehmer mehr gibt. Und wir stellen zu unserer großen Freude fest, dass es ganz außerordentlich gut motivierte, engagierte Arbeitskräfte gibt, aber eben auch noch echte Unternehmer. Und wenn ich das in einem Bild sagen darf, dann so: Es vollzieht sich dort das, was wir aus dem Wald kennen. Die neuen jungen Bäume, die nachwachsen, bringen mehr Wachstum als die großen alten Bäume, die nicht mehr so viel Vitalität haben. Insofern sind wir durchaus optimistisch.“

 

 

 

 

Geburt eines weißen Elefanten des Friedens

 

 

„Auf Gipfeln wurden noch nie Elefanten geboren“, tönte Bundeskanzler Helmut Kohl bei der Pressekonferenz im Anschluss an den Gipfel in Houston. Da aber hatte er eher die Themen wie Umweltschutz und Russlandhilfe im Sinn. Tatsächlich gebar der Weltwirtschaftsgipfel in Texas eine ganze neue Ära. Hier wurde die Wiedervereinigung Deutschlands unumkehrbar gemacht. Kohl verhalten beginnend: „Der jetzt zu Ende gegangene Gipfel hat sich durch seine besonders freundschaftliche Atmosphäre und Arbeitsintensität ausgezeichnet. Für uns – wie für die anderen europäischen Teilnehmer – war es die 3. Gipfelbegegnung innerhalb von zwei Wochen: Nach dem Europäischen Rat in Dublin folgte der Nato-Gipfel in London und jetzt der Wirtschaftsgipfel in  Houston.“ Dann holte der Kanzler in seiner Emotion stark auf: „Die Teilnehmer aller drei Gipfeltreffen unterstützten nachdrücklich den Prozess der Einigung Deutschlands, sprechen sich für ein geeintes und freies Europa aus und unterstützen die tief greifenden historischen  Veränderungen in Osteuropa und der Sowjetunion.“ Schließlich kam der glückliche Kanzler mit seiner Seelenlage voll zum Zuge: „ Noch in diesem Jahr wird der lange gehegte Wunsch meines Volkes in Erfüllung gehen, in Einheit und Freiheit zusammenzuleben. Ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich für die Sympathie und die nachhaltige politische Unterstützung bedanken, die wir Deutschen auf dem Weg zur Einheit von unseren Freunden und Partnern erfahren haben.“

 

 

Weltwirtschaftsgipfel Houston

Treffen der Staats- und Regierungschefs vom 9. bis 11. Juli 1990

 

Politische Erklärung: Die Demokratie festigen

 

Wir, die Staats- und Regierungschefs unserer sieben Länder (USA, Kanada, Japan, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien) und die Vertreter der Europäischen Gemeinschaft zollen den Männern und Frauen in der ganzen Welt unseren Respekt, deren Mut und Weisheit die historischen Fortschritte der Demokratie, deren Zeugen wir im letzten Jahr wurden, ausgelöst und herbeigeführt haben. Am Beginn des letzten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts, das nach unserer Vorstellung ein Jahrzehnt der Demokratie sein sollte, unterstreichen wir erneut unsere Entschlossenheit, die Stärkung der Demokratie, der Menschenrechte, des wirtschaftlichen Wiederaufbaus und der wirtschaftlichen Entwicklung durch marktorientierte Volkswirtschaften zu unterstützen. Wir unterstreichen die gute Gelegenheit, die dieses Forum Vertretern aus Europa, Japan und Nordamerika zur Erörterung der schwierigen Herausforderungen der kommenden Jahre bietet.

 

Europa steht an der Schwelle eines neuen Zeitalters und damit in einem tief greifenden und historischen Wandel, der den Kontinent erfasst hat. Die Londoner Erklärung „Das Nordatlantische Bündnis im Wandel“ schafft eine neue Grundlage für Zusammenarbeit zwischen früheren Gegnern beim Aufbau eines stabilen,  sicheren und friedlichen Europas. Wir sind entschlossen, jede sich bietende Chance zu nutzen, um ein geeintes und freies Europa zu schaffen, und wir würdigen den Beitrag der Europäischen Gemeinschaft hierzu.

 

Wir begrüßen die Vereinigung Deutschlands, die ein sichtbarer Ausdruck des unveräußerlichen Rechtes der Menschen auf Selbstbestimmung ist und einen wesentlichen Beitrag zur Stabilität in Europa leistet. Wir begrüßen ein geeintes und demokratisches Deutschland, das uneingeschränkte Souveränität besitzt und keinen diskriminierenden Beschränkungen unterliegt. Die deutsche Wirtschafts- und Währungs- und Sozialunion wird zu einem verbesserten und inflationsfreien globalen Wachstum sowie zu einem Abbau außenwirtschaftlicher ngleichgewichte beitragen. Dieser Prozess wird positive wirtschaftliche Entwicklungen in Mittel- und Osteuropa fördern.

 

Wir begrüßen die Ablösung repressiver Regime in Mittel- und Osteuropa durch vom Volk frei gewählte Regierungen. Wir begrüßen die Einführung der Rechtsstaatlichkeit und der Freiheiten, die das Fundament eines demokratischen Staates bilden. Wir fordern Rumänien angesichts der jüngsten Ereignisse mit Nachdruck auf, sich den positiven Entwicklungen anzuschließen, die sich in anderen Staaten Mittel- und Osteuropas vollziehen.

 

Wir begrüßen die Absicht der Sowjetunion, ihr politisches System zunehmend zu demokratisieren, sowie die sowjetischen Ansätze, die Wirtschaft des Landes nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen zu reformieren. Wir sind zur Zusammenarbeit mit der Sowjetunion bei ihren Bemühungen um die Schaffung einer offenen Gesellschaft, einer pluralistischen Demokratie und einer marktorientierten Volkswirtschaft bereit. Solche Veränderungen werden die Sowjetunion in die Lage versetzen, ihren Pflichten in der Völkergemeinschaft nachzukommen, die auf diesen Grundsätzen beruht. Es ermutigt uns, dass es Anzeichen für einen konstruktiven Dialog zwischen der sowjetischen Regierung und den baltischen Staaten gibt, und fordern alle Seiten nachdrücklich auf, diesen Dialog in einem demokratischen Geiste fortzuführen.

 

Habt Ihr schon gejubelt?

 

Rückflug. Als der Troß der Journalisten schon in der Regierungsmaschine Platz genommen hatte, kam Kanzler-Berater Teltschik: „Habt ihr schon gejubelt? Ist was zu trinken da. Hier ist es so warm.“ Hemdsärmelig drückten dann die Minister Klein, Waigel und Haussmann in die Kabine. Nach einiger Zeit kommt der Gewinner des Gipfels, Kohl. Applaus. Der Flugkapitän in Majorsrang gratuliert dem Kanzler, macht Meldung über die Flugroute und die voraussichtliche Ankunftszeit in Köln Wahn. Wir diskutieren mit Kohl über den Konferenzverlauf der Konferenz, 10 000 m über dem Atlantik.

Für mich ist auch der Verbleib der Europäischen Zentralbank wichtig. „Herr Bundeskanzler, wo wird die EZB domizilieren?“ „Frankfurt wird der Sitz sein. Das haben die EG-Partner verstanden. Bisher hatte Deutschland keinerlei Forderungen für irgendeine  EG-Behörde gestellt. Jetzt ist es soweit.“

 

 

 

Bundesbank entwickelt Doppelstrategie

Das Direktorium der Deutschen Bundesbank hechelte auf seiner heutigen Sitzung (22.8.90) die neuen Vorschläge der EG-Kommission zur Weiterentwicklung der Europäischen Währungsunion durch. Morgen wird sich der Zentralbankrat damit befassen und die Marschrichtung für die künftigen Gespräche und Verhandlungen festlegen. Dabei wird eine Doppelstrategie verfolgt. Erstens müssen die Interessen der Bundesbank gegenüber den Vorstellungen der Bundesregierung durchgesetzt werden, besser: gewahrt bleiben. Gemeinsam wird dann die deutsche Position für die kommenden Verhandlungen auf europäische Ebene fixiert. Zur Doppelstrategie der Nationalbank gehört aber auch ein intensiver Gedankenaustausch mit den übrigen Notenbanken Europas, nicht nur der EG sondern auch der Schweiz und Österreichs.

 

Das Erfolgsmodell Bundesbank hat längst überall auf unserem Kontinent nicht nur Bewunderer sondern auch Nachahmer gefunden. So gibt es gemeinsame Interessenlagen der europäischen Zentralbanken gegenüber den Regierungen und der EG-Kommission. Das hat sich schon sehr segensreich in der europaweiten Diskussion zur Entwicklung des gemeinsamen Währungssystems ausgewirkt. Der Konsens heißt: Stabiles Geld.

 

Bei den Brüssel Behörden, die lange schon von einer europäischen Zentralregierung träumen, natürlich nach ihrem nicht gerade demokratischen Muster, haben sich eher die Fiskalisten der romanischen Tradition breit gemacht. Sie wollen die Geldpolitik möglichst straff an die Kandare nehmen. Der ehemaligen französische Wirtschafts- und Finanzminister und heutige EG-Präsident, Jacques Delors, war einer der harten Verfechter dieser Staatsraison gewesen. Einige Läuterungen fanden bei ihm in den letzten Jahren jedoch statt. Dennoch müssen die mannigfaltigen undregen Brüsseler Vorstöße in den aktuellen Währungsangelegenheiten immer kritisch betrachtet werden, denn in den Römischen Verträgen steht kein Passus über die Übertragung von Notenbankaktivitäten auf die Brüsseler EG-Institutionen. Das hat sich erst in jüngerer Zeit geändert und leider wird man davon auch nicht mehr herunterkommen. Schließlich befinden wir uns bereits in der ersten Phase des sogenannten Delors-Plans zum Aufbau einer Wirtschafts- und Währungsunion in Europa.

 

Jetzt hat die Kommission der Europäischen Gemeinschaft eine schnellere Gangart hin zur Währungsunion empfohlen. Schon am 1. Januar 1993 soll die EG-Zentralbank ihre Arbeit aufnehmen. Damit einhergehen soll die Abtretung der geldpolitischen Souveränität von den einzelnen Staaten auf diese Institution. Immerhin soll das Verbot einer monetären Finanzierung staatlicher Defizite festgeschrieben werden. Die Notenpresse zur Staatsfinanzierung darf also weder auf der Ebene der Mitgliedsstaaten in Gang gesetzt werden noch auf der Ebene der EG. Ganz generell, so heißt es in dem jüngsten Brüsseler Papier, das Anfang September in Rom von den EG-Finanzministern abgesegnet werden soll, ganz generell soll der Grundsatz verankert werden, dass übermäßige Haushaltsdefizite zu vermeiden sind.

 

Den Brüsseler Finanzakrobaten schwebt vor, dass demnächst nicht nur das Pfund Sterling in den Wechelkursmechanismus des EWS aufgenommen wird, sondern auch der Portugal-Escudo und die Griechen-Drachme. In der zweiten Phase der Geldunion werden die Finanz- und Wirtschaftspolitiken der einzelnen Länder angepasst. Danach folgt die Aufbauphase der EG-Zentralbank. Später gibt es das einheitliche Geld, das ECU heißen soll.

 

Es ist klar, dass Europa jetzt die Dividende einfahren will, die sich die Behörden in Brüssel und die Nachbarstaaten durch die freundliche Aufnahme der DDR und die deutsche Vereinigung verdient zu haben glauben (obwohl der große europäische Umbau in diesem Punkte allein durch die USA, die Sowjetunion und Deutschland arrangiert worden ist!) Deutschland wird auch an Europa-Freundlichkeit und Entgegenkommen nichts zu wünschen übrig lassen. Bonn ist nach allen Seiten offen. Auch die in Frankfurt versammelten Zentralbankräte werden sich von ihrer konzilianten Seite zeigen. Sie dürften sich auf die Formel einigen: 1. Europa braucht stabiles Geld; 2. Stabiles Geld kann nur eine in geldpolitischen Dingen weisungsunabhänige Zentralbank darstellen – siehe Bundesbank-Gesetz. 3. Solange diese unabhängige EG-Zentralbank nicht etabliert ist, muss die Bundesbank in Verantwortung für das Europäische Währungssystem und einer harten D-Mark als Anker voll funktionsfähig bleiben. 4. Der parallele Aufbau einer EG-Zentralbank in Frankfurt steht dem nicht entgegen. 5. Um die EG-Währungsunion überhaupt voranzubringen, sollte mit jenen Staaten begonnen werden, die den Stabilitätserfordernissen von Anfang an entsprechen.

 

 

Wetterleuchten im Herbst 1990

Schlesinger: Von St. Martin das Teilen lernen

 

Auch Geldpolitiker haben zuweilen ihre besinnlichen Anwandlungen. Dabei rutscht ihnen unversehens treu katholisches Glaubensgut in die geldpolitische Predigt. Als sich der Vizepräsident der Deutschen Bundesbank, Prof. Helmut Schlesinger, im Club Frankfurter Wirtschaftsjouranalisten so richtig wohl fühlte, erinnerte er an das hochherzige Teilen des römischen Legionärs Martinus mit irgendeinem Alten an der Straße. Damals ging es immerhin um die Hälfte seines Besitzes, nämlich um den Mantel, den St. Martin zugunsten des Mitmenschen durchtrennte. Ähnlich hochherzige Gesten würde der Bundesbank-Vize gerne von den alten  Bundesländern und den Kommunen in Westdeutschland zugunsten der neuen Länder und ihrer Bevölkerung sehen.

 

Schlesinger beklagte vehement die Ausgabenfreudigkeit der westdeutschen Gebietskörperschaften und ihren mangelnden Opferwillen für das Gebiet der ehemaligen DDR. Die westdeutschen Länder dürften nicht glauben, dass sie alleine mit den vereinbarten Zinszahlungen für den Fonds der deutschen Einheit davonkämen. Es werde mehr verlangt von den Ländern und Zusätzliches von den Gemeinden meinte Schlesinger. Es könne auch mehr geleistet werden, wenn man die Ausgaben-Expansion von Ländern und Kommunen beobachte. Dann wurde Schlesinger direkt: „Ich bin noch nicht in allen Frankfurter Museen gewesen, die so in den vergangenen 10 Jahren eröffnet wurden, und dennoch plant Frankfurt einen weiteren Musen-Tempel.“ Kunstfreund Schlesinger ist nach seinen Beteuerungen auch noch nicht in allen Theatern dieser Stadt gewesen und dennoch würden weitere neben der Wiedererrichtung des Schauspielhauses geplant.

 

Schlesinger erkennt darin eklatante Akte der öffentlichen Verschwendung. Es bezog seine Kritik nicht nur auf Frankfurt. Die Freie Reichsstadt diente ihm allein als Demonstrations-Objekt. Die Ausgabenpläne der Gemeinden sehen nach Schlesinger in den Jahren 1990 und 91 Mehraufwendungen von jeweils 8 Prozent vor. Und die Länderetats wüchsen nicht sonderlich geringer.

 

Kurz bevor die Martinsgans auf die Tisch der Wessis flattert, forderte Schlesinger zur Zurückhaltung auf: Sparen, sparen, teilen, teilen. Der Bundesregierung in Bonn empfahl er ebenfalls strikte Sparsamkeit. Es müssen die Ausgaben gezügelt, Subventionen gestrichen und zusätzliche Geldquellen erschlossen werden, und zwar über Privatisierungen, damit die riesigen Kapitaltransfers zugunsten der Ostländer einigermaßen vernünftig finanziert werden können. Aus konjunkturpolitischen Gründen, aber auch aus finanzerzieherischen Erwägungen sprach sich der Bundesbank-Vize gegen Steuererhöhungen aus. Steuererhöhungen würden die Konjunktur abdrosseln und harte Sparmaßnahmeh in den Staatshaushalten vereiteln. Es dürfe in Deutschland durch eine langjährige Ausgabenflut nicht so weit kommen wie in den Vereinigten Staaten oder Italien. Dann nämlich würden Regierung und Bundesbank kaum noch über finanz- und geldpolitische Spielräume verfügen mit den entsprechend negativen Auswirkungen auf eine aktive- Finanz- und Wirtschaftspolitik.

 

Im laufenden Jahr kann die Bundesbank auch nicht sonderlich zur Entlastung des Bonner Staatshaushaltes beitragen, da der rapide abgewertete Dollar den Bundesbankgewinn zusammenschrumpfen lässt. Gegenüber der Dollarbewertun g im  vergangenen Jahr von gut 1,58 macht die Abwertung 1990 nahzu 10 Pfennig aus, so dass der Bundesbankgewinn um vier bis 5 Milliarden Mark geringer ausfällt. Das heißt, dass Bonn aus Frankfurt für 1990 bestenfalls die 7 Milliarden Mark erhalten kann, die der Finanzminister bereits in den Haushalt 1991 eingestellt hat. Für den Abbau der Verschuldung des Bundes bleibt da nichts mehr übrig.

 

Margret Thatcher packt ein

Maggie Thatcher, die jetzt als Premierministerin von Großbritannien den Rückzug antritt, gehörte nicht nur in der europäischen Politik zu den markantesten Erscheinungen der vergangenen 20 Jahre, sondern es verbindet sich mit ihrem Namen auch eine ganz bestimmte Art der Wirtschaftspolitik, aber auch der Innenpolitik: Thatcherism genannt. Das war die Methode, mit der die Eiserne Lady vor etwa einem Dutzend Jahren begonnen hat die durch Streiks und Ständewirtschaft zugrunde gerichtete britische Ökonomie wieder aufzumöbeln.

 

Margret Thatcher hat die alten Zöpfe des englischen Zunftwesens rigoros abgeschnitten und sich damit tatsächlich als Revolutionärin erwiesen. Der Europa-Politiker und deutsche Professor, der in London großen Einfluss hatte, der Life Peer Baron Ralf Dahrendorf of Clare Market stuft die Tatcher Revolution auf allen Ebenen der Verwaltung bis hinein in das ständische Anwaltssystem ähnlich gewaltig ein wie Cromwells glorreiche Revolution. Mit diesen Aufräumarbeiten hat die konservative Revolutionärin mehr geleistet als sämltiche Labour-Regierungen vor ihr.  Denn auch Labour hat sich stets mit der britischen Tradition arrangiert, wenn diese Partei erst einmal an der Macht war.

 

Margret Tatcher hat auch nicht davor Halt gemacht, die Behördenstrukturen der großen Städte zu zerschlagen. London hat seit einiger Zeit keine Zentralverwaltung mehr, sondern nur noch Bezirke. So hat die konservative Premierministerin Machtzentren der Opposition zerstört. Der Falkland-Krieg und die ausgesprochene Abneigung gegenüber der deutschen Vereinigung (Warum haben wir eigentlich den Krieg gewonnen, wenn das nun passiert?) sind wichtige Teilaspekte ihrer Außenpolitik. Insbesonder ist es aber ihre neoliberlaistische Wirtschaftspolitik gewesen, die die Ökonomie auf den britischen Inseln seit Beginn der 80er Jahre angekurbelt hat, und die damals sogar in der Bundesrepublik als vobildlich hingestellt wurde.

 

Nach der Wachstumseuphorie der mittleren und späten 80er Jahre herrscht unter den Briten jetzt aber wieder Katerstimmung. Löhne und Preise heizen sich gegenseitig auf und steigen mit jährlichen Raten von mehr als zehn Prozent, die Zinsen liegen bie 15 Prozent. Im Wettbewerb der Systeme unterlag eder Tatcherism der von Deutschen geprägten sozialen Marktwirtschaft.

 

Ihre typisch britische und damit anti-europäische Haltung und der Separatismus in der Währungs- und Geldpolitik haben Großbritannien schwer geschadet. Der kürzliche Beitritt zum Europäischen Währungssystem mit seinem Wechselkursmechanismus, dem nun auch das Pfund Sterling unterworfen ist, hat die Lage nicht bessern können. Das braucht mehr Zeit.  Margret Thatcher lehnte bis zuletzt die Gründung einer Eruopäischen Währungsunion und die Errichtung einer Europäischen Zentralbank ab. Sie wollte einen derart hohen Souveränitätsverzicht nicht leisten. Mit dem Abgang der Eisernen Lady hat die britische Innen- und Außenpolitik, insbesondere aber die Europapolitik eine Vielzahl von Chancen mehr erhalten.

 

Visionen für einen blühenden Finanzplatz Frankfurt

Die deutsche Finanzwelt werkelt ganz emsig an der Weiterentwicklung des Finanzplatzes Frankfurt, an der Verbesserung seiner internationalen Wettbewerbsfähigkeit. An vorderster Stelle tut sich das der Präsident der Landeszentralbank in Hessen, Karl Thomas, hervor. Seitdem Thomas den Chef-Sessel in der Frankfurter Taunusanlage eingenommen hat, scheint sein Ziel zu sein, den Finanzplatz Frankfurt ebenso perfekt auszustaffieren, wie es dem Bau und dem Enterieur der neuen Landeszentralbank zukommt. Goethe, Faust und die lieben kleinen Währungsgeister. An der D-Mark hängt, zur D-Mark drängt Europa, ach wir Armen.

 

Was dort die Architekten im Geiste des Frankfurter Großmeisters vorgegeben haben, wollen nun die Finanzstrategen ebenso perfekt nachempfinden. Bildlich gesprochen geht es um die komfortable Ausstaffierung der Finanzmarkthallen für das gemeinsame Europa. Thomas: „In Osteuropa suchen die Staaten marktwirtschaftliche Reformen durchzusetzen und eigene Finanzsysteme aufzubauen, während Westeuropa zu einer Wirtschafts- und Währun gsunion verschmelzen soll. Und Deutschland liegt an der Schnittstelle dieser Strömungen. Damit rückt der Frankfurter Finanzplatz, bisher eher in westeuropäischer Randlage, in das gesamteuropaische Zentrum.“

 

Abgesehen von der geographischen Beschreibung des in den Mittelpunkt Europas Rückens, weiß die Landeszentralbank noch von einem anderen unverwechselbarehn Vorteil der Mainmetropole zu berichten. „Die internationale Rolle der D-Mark ist für Auslandsbanken“, so schreibt Thomas im Finanzbericht seines Hauses, „ein maßgeblicher Beweggrund, sich in Frankfurt niederzulassen. Die Teilnahme an D-Mark-Geschäften an Ort und stelle unterscheidet Frankfurt von anderen Plätzen. Darunter auch vom Hauptkonkurrenten London, wo Auslandsbanken ihren Sitz vorwiegend zu dem Zweck genommen haben, Fremdwährungsgeschäfte, z. B. in US-Dollar, D-Mark oder Yen zu betreiben.“

 

Für die Hessische Landeszentralbank ist es unbestritten, dass die geplante Herstellung einer Währungsunion mit einer einheitlichen Währung in Zukunft zu dem letztlich entscheidenden Kriterium für die Standortwahl der großen Finanzhäuser der Welt machen wird. Die energischen Bemühungen beim Ausbau der Marktorganisation in Frankfurt tragen dem Rechnung. Um es auf den Punkt zu bringen: Durch die jetzt mit Nachdruck betriebene Ansiedlung der Europäischen Zentralbank mit dem Namen „Bank von Europa“ in Frankfurt wird die Schlacht um die Spitzenstellung der Weltfinanzmärkte entschieden. Bleiben das europäische Gemeinwesen sowie die europäischen Finanz- und Geldpolitiker auch nach der Bildung einer europäischen politischen Union einigermaßen in Takt, dann wir die Bank von Europa eine größere Bedeutung haben als das amerikanische Federal Reserve System oder die Bank von Japan. Unbestritten bleibt, dass unter diesen drei Notenbanken über viele Jahrzehnte die Geldpolitik der Welt alleine ausgemacht wird. Große Perspektiven ergeben sich also für den Wirtschaftsraum Rhein-Main, wenn die Euro-Zentralbank hier angesiedelt wird.

 

Im Zinsmanagement hat sich der Finanzplatz Frankfurt zusätzlich ein unverwechselbares und schlagkräftiges Instrument geschaffen, den den bis vor kurzem noch bestehenden Wettbewerbsvorteil Londons wettmacht. Fibor ist erfolgreich gegen Libor angetreten. Das seit dem 1. Juli 90 angewandte Verfahren zur Ermittlung der „Frankfurt Interbank Offered Rate“ (Fibor) hat sich in der Praxis bewährt, schreibt die Landeszentralbank. Der Dreimonats-Zinssatz unter Banken konnte nun an den Londoner Zinssatz „Libor“ angepasst werden. Nun findet der Frankfurter Banken-Zinssatz auch bei internationalen Investoren hohe Anerkennung.

 

 

Rom – Schlappe für Delors

 

Der Herbst 90 hat für den EG-Präsidenten, Jacques Delors, eine politische Schlappe gebracht, von der er sich so schnell kaum erholen dürfte. In Rom wurden Delors Währungspläne zerschlagen. Es war auch der falsche Weg gewesen, den Brüssel in den vergangenen Wochen verfolgt hat. Von der EG-Kommission wurde zuviel Druck in Richtung einer baldigen Einführung der Europäischen Währungsunion ausgeübt, wohl auch mit dem Hintergedanken, die Deutschen müssten als Gegenleistung für EG-Freundlichkeiten bei der Vereinigung ihre harte Haltung aufgeben, weich werden für eine weichere Geldpolitik.

 

Nach Delors Vorstellungen, die von den Romanen in der EG unterstützt wurden, sollte die Währungsunion nun in einen zeitlich festen Rahmen gepresst werden, damit möglichst bald das Europa des Geldes unabänderliche Wirklichkeit wird. Brüssel nannte den 1. Januar 1993, an dem der Einstieg in die sogenannte 2. Stufe des Delorsplans vorgenommen werden sollte. Ein Kompromissvorschlag enthielt die Jahreszahl 1994 mit der Perspektive, dass etwa zur Jahrtausendwende eine einheitliche europäische Währung mit dem Namen ECU entstehen sollte. Für die Deutschen ist die D-Mark aber auch im 3. Jahrtausend noch gutes Geld.

 

Die deutsche Seite und mit ihr die meisten Hartwährungsländer des europäischen Kontinents konnten den römischen Geldplänen nicht zustimmen. Ganz abgesehen von Großbritannien, das neuerdings wieder entschiedener als vorher eine separate eigenständige Linie fährt, ganz einfach auch deshalb, weil die Probleme auf der Insel eher größer als kleiner geworden sind. Man denke nur an die Teuerung von zen Prozent derzeit. Nach früheren Bekundungen hätte das Pfund Sterling am vergangenen Wochenende in den Wechselkursverbund des EWS eintreten sollen. Nichts ist passiert. Die Briten waren schlichtweg nicht in der Lage dazu. Nun wird auf den November verwiesen.

 

Obwohl es sich in Rom nur um ein informelles Treffen der EG-Finanzminister gehandelt hat, bei dem insbesondere Bundesbankpräsident Pöhl die Vorstellungen der übrigen EG-Zentralbankchefs den Minister erläuterte, hat die Konferenz zu einer klaren Justierung der europäischen Währungspolitik geführt. Niemand sollt jetzt noch Zweifel daran haben, dass die Bundesrepublik die Verantwortung für die europäische Leitwährung D-Mark weiter sehr ernst nimmt und dieses Instrument nicht zu opfern bereit ist, solange es keine gleichwertige europäische Institution gibt wie die Bundesbank für Deutschland. Es bleibt also bei der eindeutigen Dominanz des D-Mark-Blocks.

 

Dabei spielen die deutschen Finanz- und Geldpolitiker kein falsches Spiel nach dem Motto: Wir akzeptieren keine Europäische Zentralbank, weil sie nicht funktionsfähig wäre, und sie ist nicht funktionsfähig, weil die Deutschen sie nicht akzeptieren.

 

Machtpolitik ist die eine Seite, die sicherlich auch von deutscher Seite betrieben wird. Dennoch sollte nicht an dem ernst gemeinten Engagement der Deutschen gezweifelt werden, auch in der Währungspolitik. Das robuste Auftreten von Finanzminister Waigel in Rom ist nur daher verständlich, weil mit der Zeit zu offenkundig das Interesse anderer Mitlgiedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft und der EG-Behörden in Brüssel zutage getreten war, eher auf die alsbaldige Demolierung des D-Mark-Blocks hinzuwirken als auf den Aufbau eines stabilen Fundaments für ein europäisches Zentralbanksystem, ein Zentralbanksystem, in dem die Teuerung durch eine klar formulierte und unabhängige Geldpolitik ebenso gebändigt bleibt, wie in der Bundesrepublik. Die Bundesbank hat über Jahrzehnte gelernt, wie man der Teuerung in Deutschland am besten an den Kragen gehen kann. Sie war damit auch Zuchtmeisterin für die anderen europäischen Volkswirtschaften.

 

Es kann aber doch nicht sein, dass in wenigen Jahren irgendeine europäische Behörde für das europäische Geld verantwortlich zeichnet, die nicht mit einem ausreichenden Instrumentarium ausstaffiert istg. Wer keine Souveränitätsrechte an eine Euro-Zentralbank und eine gemeinsame Euro-Finanzpolitik abgeben will, darf nicht erwarten, dass die Bundesrepublik die Bundesbank aus dem Obligo entlässt, die D-Mark opfert für einen flauen ECU. Das muss als durchaus verantwortungsvolle Haltung gegenüber Europa gewertet werden, wenn sie den Deutschen auch eine Vormachtstellung im alten Kontinent verschafft. Die EG-Freunde mögen dies als peinliche Zwickmühle empfinden. Sie müssen aber auf die Dauer ihre Steine wirklich anders setzen, nämlich Aufgabe von einzelstaatlichen Souveränitätsrechten, damit ein souveränes Europa entstehen kann.

 

Auf dem EG-Gipfel in Rom (Dez. 1990) haben sich die Regierungschefs auf einen Einstieg in die 2. Stufe in die Währungsunion 1994 festgelegt. Dies aber mit einem Fünf-Punkte-Programm verknüpft: 1. Die Verwirklichung des Europäischen Binnenmarktes. 2. Die Ratifizierung eines EG-Vertrages, der die Bedingungen zur Schaffung der Währungsunion umreißt. 3. Die Sicherstellung, dass die Vertreter der nationalen Zentralbanken in der neuen EG-Zentralbank von der politischen Kontrolle der Mitgliedsstaaten frei sind. 4. Keine Finanzierung von Budget-Defiziten einzelner EG-Länder. Außerdem soll die Gemeinschaft sowie die einzelnen EG-Staaten das Schuldenmachen eines Mitgliedsstaates nicht mittragen. 5. sollte der Beitritt der möglichst größten Zahl der Mitgliedsstaaten in den Wechselkursmechanismus des Europäischen Währungssystems vollzogen sein.

 

Wenn man in der Politik in der Sache nicht weiter kommt, pickt man sich unliebsame Personen raus, um diese kaltzustellen. Pöhl, der Machtmensch, war für die Europäer immer mehr zur Inkarnation seines Instruments D-Mark geworden. Schon seit längerem wird er „Mister D-Mark“ bezeichnet. Und wenn die D-Mark nicht so schnell wegzuschieben ist, dann muss eben Pöhl vom Sockel gestoßen werden. In diesem Punkte war Kanzler Kohl anfällig.

 

Estampas Mexicanas

 

Einmal darf aber noch richtig gefeiert werden. Pöhl der weltbekannte und weltweit geschätzte Herr des deutschen Geldes holt mexikanische Impressionen in seinen Frankfurter Regierungssitz. Mexiko hatte nicht immer einen glänzenden Namen in der globalen Finanzszene. Der Latino-Staat musste Anfang der 80er Jahre seinen Schuldendienst an die weltweiten Gläubiger einstellen und löste damit die Weltfinanzkrise aus, die zehn Jahre beträchtliche Unruhe in die internationalen Devisen- und Kapitalmärkte gebracht hat. Nur das beherzte und schnelle Handeln des Basler BIZ-Präsidenten, Fritz Leutwiler, der sich auch ganz auf den devisenstarken Bundesbankchef Pöhl stützen konnte, hat einen unkontrollierten Flächenbrand im Weltfinanzsystem verhindern können. Mit Schuldenstreckungen und –streichungen kam Mexiko außenwirtschaftlich wieder auf die Beine.

 

Der Banco de México zeigte sich dankbar und schickte eine wunderschöne Kunstsammlung auf Reisen. So können vom 27. Februar bis zum 13. März (1991) im Hause der Bundesbank „Mexikanische Impressionen“ aufleuchten, festgehalten auf  Lithographien und Stichen des vergangenen Jahrhunderts. Zur Vernissage berichtet  Lic. Miguel Mancera Aguayo, Generaldirektor des Banco de México: „Die mexikanische Zentralbank besitzt unter ihren Kunstschätzen eine beachtenswerte Sammlung von Stichen und Lithographien, hauptsächlich aus dem 19. Jahrhundert. Sie ist eine der umfassendsten ihrer Art in unserem Lande. Erwähnen sollte man an dieser Stelle auch zwei bedeutende deutsche Namen, nämlich Karl Nebel und Johann Moritz Rugendas. Begeistert vom Werk des Naturwissenschaftlers Alexander von Humboldt bereisten sie unser Land und hinterließen großartige graphische Arbeiten, von denen hier eine Auswahl zu sehen ist.“ Karl Otto Pöhl stimmt in die traditionelle deutsche Begeisterung für den Azteken-Staat ein: „Mexiko hat wie kaum ein anderes Land der Neuen Welt die Menschen in Europa fasziniert. Seine Kultur und seine Landschaften bewegten ihre Phantasie und weckten Sehnsüchte und Begehrlichkeiten.“ Er erinnerte auch an die „wegweisenden landeskundlichen Studien des deutschen Forschers und Gelehrten Alexander von Humboldts“. Etwas fachlicher wurde die Diskussion durch den Beitrag von Elena Horz de Vía. Sie ist Kulturbeauftragte der mexikanischen Zentralbank und Kuratorin der Ausstellung.

 

„Die hier mit 64 Arbeiten vertretenen mexikanischen und europäischen Künstler schufen große graphische Kunstwerke, ganz gleich, ob sie ihre Bilder eher realistisch oder romantisch zeichneten, ob sie erzieherische, gesellschaftskritische Absichten hegten, oder ob sie lediglich ihre Erlebnisse dokumentieren wollten. Sie hinterließen der Nachwelt ein äußerst klares, vielschichtiges und aufschlussreiches Bild vom Mexiko des vergangenen Jahrhunderts.“ Die Mexiko bereisenden Maler fanden in in der alten Gravurtechnik und später in der Lithographie das geeignete Medium, um ihren Anliegen, Gefühlen, Sorgen und auch Träumen Ausdruck zu verleihen. Außerdem erwies sich die Graphik für die mexikanischen Künstler als hervorragendes Mittel, das Zusammenwachsen der Nation, auf das Mexiko nach der gerade errungenen Unabhängigkeit so sehr angewiesen war, zu fördern. Die graphische Darstellung ermöglichte eine umgehende, billige und rasche Verbreitung von Ideen.

 

 

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Wehnelts Privatbücherei:

10 Jahre Euro –Wie er wurde, was er ist

Hoechst – Untergang des deutschen Weltkonzerns

Der PreußenClan (Familiensaga)