Legal & General Investment Management: Warum die US-Steuerreform für eine Überhitzung der Wirtschaft sorgen könnte
London (22.1.18) – Mit der Steuerreform hat der amerikanische Kongress überraschend starke wirtschaftliche Impulse beschlossen, die die Märkte zu unterschätzen scheinen. „Das daraus folgende starke Wachstum dürfte zu Beginn bejubelt werden“, sagt Tim Drayson, Head of Economics beim Vermögensverwalters LGIM. „Außer Acht gelassen wird aber, dass die US-Wirtschaft bereits auf vollen Touren arbeitet. Es droht eine Überhitzung.“
Wirkungskraft der Reform hat viele Ursachen
„Die US-Wirtschaft ist 2017 ordentlich gewachsen, weshalb es unserer Einschätzung nach keines weiteren fiskalischen Stimulus bedarf“, so Drayson. Zudem sei der Impuls größer als es die Kosten von knapp unter 1,5 Billionen US-Dollar über 10 Jahre implizierten. Eine Vielzahl an Aspekten mache die Steuerkürzungen und das vom amerikanischen Kongress verabschiedete Reformpaket zu einem starken kurzfristigen Stimulus, der deutlich wirkungsvoller sei, als angenommen:
So greife ein Großteil der Maßnahmen bereits zu Jahresbeginn, wie etwa die Kürzung der Körperschaftssteuer von 35 Prozent auf 21 Prozent. „Nachdem sie ihre Steuererklärung abgegeben haben, dürften einige Haushalte aber wohl bis Anfang 2019 darauf warten, dass sie das Geld ihrer Steuerrückzahlung auch tatsächlich bekommen“, erklärt Drayson. „Deshalb wird ein Teil der Haushaltskosten für das Bilanzjahr 2019 ausgewiesen.“
Zweitens sei das beschlossene Paket großzügiger ausgefallen als zuvor angenommen, so Drayson. Die Steuersenkungen seien umfassend, aber zeitlich begrenzt. „Die meisten der individuellen Steuersenkungen laufen Ende 2025 aus. Für 2019 ergibt sich eine relativ gleichmäßige Entlastung für alle Einkommensgruppen. Menschen mit geringem und mittlerem Einkommen werden jedoch hart von den auslaufenden Steuersenkungen getroffen. Das ist so entworfen worden, um den Druck auf den amerikanischen Kongress zu erhöhen, die Steuersenkungen in acht Jahren auszuweiten.“
Zudem könne die Aufhebung der Versicherungspflicht der Obamacare ein weiterer wirtschaftlicher Anreiz sein. Jüngere, fittere Arbeiter könnten sich entschließen, keine Versicherung abzuschließen und somit mehr Geld zur Verfügung haben, das sie ausgeben können.
Wachstumseffekte übertreffen die Schätzungen
„Wir gehen davon aus, dass diese Impulse für ein zusätzliches Wachstum von etwa 0,5 Prozent sorgen werden“, sagt Drayson. Das prognostizierte Wachstum des Bruttoinlandsprodukts sei damit bei knapp drei Prozent. „Für 2019 sehen wir weiteren Wachstumsauftrieb. Weil wir von einem kleinen Multiplikator für Unternehmensinvestitionen ausgegangen waren, sind die diesbezüglichen Risiken wohl zum Vorteil.“ Auch bestehe eine realistische Chance einer parteiübergreifenden Einigung darüber, die Staatsausgaben im nächsten Jahr sowohl im Verteidigungsbereich als auch in anderen Bereichen zu erhöhen.
Auf den Staatshaushalt habe die Steuerreform auch langfristig Auswirkungen. Denn letztendlich habe der amerikanische Kongress ein höheres Defizit beschlossen – in der Hoffnung, dass die Steuerreform die Produktivität steigern und somit dazu beitragen werde, die Steuersenkungen zu bezahlen.
Im Dezember erhöhte die US-amerikanische Zentralbank Fed ihre Wachstumsschätzungen für 2018 und senkte ihre Prognose der Arbeitslosenquote. Die Inflations- und Zinsprognosen beließ sie hingegen weitgehend unverändert. „Das steht im Widerspruch zu den unveränderten Schätzungen für Wachstum und Arbeitslosigkeit der Fed“, sagt Drayson. Entweder müsse die Fed ihren Blick auf das mögliche Wachstum nach oben korrigieren und die gleichgewichtige Arbeitslosenquote senken oder sie müsse bestätigen, auf ein aggressiveres Überhitzen der Wirtschaft zuzusteuern, um die Inflation zu steigern.
Eine Ursache für die Zurückhaltung könnten politische Überlegungen gewesen sein, glaubt Drayson. Doch bald werde Jerome Powell den Vorsitz der Fed innehaben und es bestehe Klarheit über die fiskalischen Maßnahmen. „Nach dem nächsten Treffen im März sollte die Fed imstande sein, eine kämpferischere Botschaft zu präsentieren und ihre Zinsprognosen leicht anzuheben“, glaubt der Experte. „Eine Rezession zum Ende des Jahrzehnts ist ein wachsendes Risiko, aber wenn die Fed dem politischen Druck erliegt, die Wirtschaft weiter florieren zu lassen, könnte der Zusammenbruch weitaus spektakulärer sein.“

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