Deutscher Mittelstand
verpasst Sanierungschancen
Neuss (3.5.18) – Unwissenheit ist immer noch das größte Hemmnis, warum Mittelständler in der Krise eine Sanierung unter Insolvenzschutz nicht nutzen. Das ist das Ergebnis der repräsentativen Mittelstandsumfrage Frühjahr 2018 von Creditreform und dem Deutschen Institut für angewandtes Insolvenzrecht (DIAI). Fast zwei Drittel der befragten Unternehmer kennen auch sechs Jahre nach Inkrafttreten des ESUG (Gesetz zur Erleichterung der Sanierung von Unternehmen) diese Sanierungsmöglichkeiten nicht. An der Umfrage nahmen 1.112 Unternehmer teil.
„Während die Weltbank und viele europäische Länder
Deutschland um die hervorragenden
Sanierungschancen beneiden, verpassen viele
Unternehmer diese Sanierungschance und damit die
Rettung vieler Arbeitsplätze“, sagt der Leitende Direktor
des DIAI Prof. Dr. Hans Haarmeyer. Besonders
bedauerlich sei es, dass die Unkenntnis seit vier Jahren
unverändert ist. „Es handelt sich um ein klares
Versagen der Wirtschaftsverbände als Mittler zwischen
Politik und Wirtschaft. Ihre Aufgabe wäre es, über die
Sanierungsinstrumente zu informieren, doch man
verweigert sich oft den Themen Krise und Insolvenz.“
Das zeigt sich insbesondere auch bei den extremen
Branchenunterschieden. Während im Kredit- und
Versicherungsgewerbe nur bei jedem vierten
Unternehmen ein Informationsdefizit besteht, fehlt es im
Bereich von Feinmechanik und Optik bei mehr als 83
Prozent schlicht an der Kenntnis über die Sanierung
unter Insolvenzschutz und der Eigenverwaltung.
Wenn die bestehenden Sanierungschancen in der Krise
nicht genutzt werden, dann entsteht nicht nur für die
Volkswirtschaft ein hoher Schaden durch
Forderungsausfälle, sondern auch tausende von
Arbeitsplätzen gehen verloren. Allein 2017 meldeten die
Gläubiger aus 20.093 beantragten
Unternehmensinsolvenzen Forderungen in Höhe von
rund 29,7 Mrd. Euro. Durch die Insolvenzfälle sind im
Vorjahr nach Schätzung von Creditreform 198.000
Arbeitsstellen bedroht oder bereits weggefallen. Bei den
„großen“ Insolvenzen beginnen inzwischen mehr als 60
Prozent der Insolvenzverfahren aufgrund
professioneller Beratung im Vorfeld in einer
Eigenverwaltung. Viele kleine und mittlere
Unternehmen nutzen diese Optionen nicht und ihnen
droht die Liquidation, obwohl sie noch über ein
marktfähiges Geschäftsmodell verfügen.
Die Unwissenheit über die neuen Möglichkeiten
korrespondiert nach Auffassung von Michael Bretz
(Creditreform) mit unzureichenden Kenntnissen über
Möglichkeiten einer Früherkennung von Krisen. Den
meisten kleineren und mittleren Unternehmen mangelt
es an einem kennzahlenbasierten
Früherkennungssystem. Krisen werden lieber
verdrängt, als die darin liegende Chance, besser zu
werden, zu nutzen. „Gerade Wirtschaftsverbände
sollten helfen, dieses Unwissen zu beseitigen“, sonst
bestehe nach Ansicht von Bretz, „keine Aussicht auf
Besserung und der deutsche Mittelstand verpasse
Sanierungs- und Zukunftschancen. Den Schaden von
rund 50 Mrd. Euro, der jedes Jahr durch die
Verschleppung von Insolvenzen entsteht, zahlen am
Ende die Lieferanten, Dienstleister und Mitarbeiter.“

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