Manfred Mathes 80! Er gehörte zu den  Großen der deutschen Investmentindustrie -Jahrzehnte in leitender Stellung bei deutschen Wertpapierfonds – Chef von Deka und Union Investment

 

Manfred Mathes, der am 19. Juni 80 wird, hat deutsche Investment-Geschichte geschrieben. Er steht da Ernst Bracker, der rund 40 Jahre lang die Deutsche Bank-Tochter DWS regierte kaum nach. Mathes war nicht unbedingt ein Mann der ersten Stunde wie der legendäre Wolfgang Reuter oder eben Bracker, aber er war sehr früh dabei, beginnend mit den sehr bescheidenen Anfängen der für Deutschland damals gänzlich neuen Produktlinie „Publikumfonds.“ Für sein Berufsleben hatte er einen fliegenden Start. Der frisch gebackene Diplom-Kaufmann mutete sich 1963 zwei Jobs zum Karriereauftakt zu. Über parallele Tätigkeiten bei der amerikanischen Fluggesellschaft Pan American World Airways und im sozialwissenschaftlichen Institut der Universität Frankfurt führte ihn sein Weg zur Investmentbranche. An der Uni hatte er das Investment-Thema noch mit spitzen Fingern angefaßt, freundete sich dann aber schnell mit der Materie an. Irgendwie witterte er hier für die Finanzwirtschaft die große Bonanza der Zukunft, obwohl die Anfänge der Branche nun wirklich kleinkariert waren.

1968 wechselte er – gerade 30 – zur Deka/Despa und besetzte seitdem leitende Positionen in der zur Sparkassen-Organisation gehörenden Gruppe. Schwerpunktmäßig arbeitete er stets und gerne in den Bereichen Marketing, Vertrieb und Planung. Er wollte nie ein Börsenguru sein, dazu hat er einen zu analytischen Verstand und seine persönliche Bescheidenheit würde auch nicht dazu passen. 1972 hatte er nun endgültig den Chefsessel ergattert. 16 Jahre lang war er Geschäftsführer der Deka Deutsche Kapitalanlagegesellschaft und Despa Deutsche Sparkassen-Immobilien-Anlage-Gesellschaft gewesen, natürlich in Frankfurt am Main. Zum Job gehörte eine rege Verbandstätigkeit im BVI Bundesverband Deutscher Investment- und Vermögensverwaltungs-Gesellschaften e. V. durchaus in verschiedenen Ausschüssen und immer gern in der Öffentlichkeitsarbeit. In dieser Zeit ist auf seinem Acker auch die „Initiative Wertpapier-Anlagen“ gewachsen.

Mathes hatte alles erreicht, was damals Deka/Despa und die Branche so hergaben. Er hätte nun sozialen Speck ansetzen und versuchen können, allein sich selbst zu zelebrieren. Das passte aber nicht zu seiner Wesensart. Bei allen Problemen, die das aufwerfen kann, wollte er mit 50 nochmals Flagge zeigen. Da spielte ihm eine ganz merkwürdige Konstellation bei der Konkurrenz in die Hände. Der bei der Union-Investment höchst erfolgreiche Geschäftsführer Wolfgang Reuter hatte permanenten Ärger mit seinem Aufsichtsratschef, der damals als Börsenpräsident und Geschäftsinhaber der Privatbank Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co  auf dem Finanzplatz großen Einfluss hatte. Ferdinand von Galen mäkelte solange an Wolfgang Reuter herum, bis dieser das Handtuch warf. Die so frei gewordene Position wurde mit einem in Investmentdingen eher unbedarften Manager besetzt, der sich bei der Union und in Frankfurt auch nicht lange halten konnte. Nach dem Reuter-Intermezzo hatte Graf Galen ebenfalls Pech. Er und seine Bank gingen den Weg in die Pleite. Reuter-Nachfolger Wolfgang Deml wurde das Union-Joch auch bald zu schwer. Lange wurde gerätselt, wer denn wohl dessen Nachfolger würde. Bei einer Exkursion zur Mutter aller Börsen in Brügge platzte dann der Informationsknoten. Im historischen Kaminzimmer des Hotels „Duc de Bourgogne“ wurde das Geheimnis gelüftet: Mathes verlässt zur Jahresmitte 1988 das Dreiergremium der Geschäftsführung von Deutschlands fünftgrößter Kapitalanlagegesellschaft Deka und wird Sprecher des gleichen Gremiums bei der Nr. 4, Union Investment.

Damit war Mathes von den Sparkassen zu den Kreditgenossen gewechselt, die auch schon zu Zeiten Galens Mehrheitsanteilseigner bei der Union waren. Mit der neuen Funktion verbunden kam ein Sitz im BVI-Vorstand und dann brachte die Routine von 1991 bis 1996 auch die BVI-Präsidentschaft ins Haus. Der Rahmen für die Märkte, in denen sich die Union zu bewegen hatte, stand für Mathes von Anfang an fest: Die Kreditgenossen haben in der deutschen Kreditwirtschaft einen Marktanteil von 20 Prozent. So musste die Union, die ihre Fonds über die Volks- und Raiffeisenbanken verkauft,  das  Ziel haben, ein Fünftel des Investmentmarktes auf sich zu ziehen. Einen doppelten Ansporn für die zu erbringende Leistung leiteten die Union-Manager aus der immer prekärer werdenden Lage des Spitzeninstitutes der Kreditgenossenschaften her. Die DG-Bank und ihre Nachfolgerin DZ-Bank sollte neben der Bausparkasse Schwäbisch Hall und den Raiffeisen-Versicherungen zumindest auch eine florierende Investmenttochter haben. Die Anstrengungen von Mathes und seinen Leuten zahlten sich aus. Immer wieder erreichten sie beim Neuabsatz von Publikumsfonds Marktanteile von 26 bis 28 Prozent und belegten damit stets Platz eins oder zwei.  Ein überproportionaler Absatzerfolg bescherte denn auch den für die Gruppe angemessenen 3. Platz (nach Privatbanken und Sparkassen) beim Fondsvermögen: 17,1 Prozent. Die optimalen 20 Prozent sind in Sichtweite.

Nach der seit einiger Zeit geltenden Holding-Konstruktion wurde Manfred Mathes denn auch Vorsitzender des Vorstandes der Union Asset Management Holding AG, Frankfurt. Im Bundesverband der Deutschen Volksbanken- und Raiffeisenbanken kam er 2002 zu den Ehren eines ordentlichen Mitglieds des Verbandsrates. Auf den Rat solcher Manager-Koryphäen der Finanzwirtschaft kann der Bundesfinanzminister nicht verzichten. Mathes gehörte jahrelang der Übernahmekommission der Börsensachverständigen an und wurde im vergangenen Jahr zum stellvertretenden Mitglied in den Übernahmerat bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen gewählt.

Bei seinen Erfolgen muss er der Vergangenheit durchaus nicht nachtrauern. So menschlich intakt, wie er geblieben ist, freut er sich auf höhere Marktanteile bei Frau, Familie und Freunden.

Christoph Wehnelt