Bundesbankdirektor Joachim Würmeling: Die Zukunft des Finanzplatzes Europa (Rede-Auszüge)
Frankfurt/Main (21.6.18) – So sehr wir die britische Entscheidung, die EU zu verlassen, bedauern, so müssen wir doch nach vorne schauen und sollten uns Gedanken darüber machen, wie Finanzdienstleistungen auf dem Kontinent künftig erbracht werden können.
Einerseits müssen wir uns die Folgen des Brexit aus der Perspektive jeder einzelnen Bank anschauen. Bisher vermeiden die Banken größere Änderungen, auch weil sie damit beschäftigt sind, große akute Herausforderungen zu schultern und deren Kosten zu stemmen. Dabei geraten strategische Aspekte leicht aus dem Blick. Die Tektonik für Finanzinstitute verschiebt sich nicht nur durch den Brexit, sondern auch durch Digitalisierung und Regulatorik. Bei einem solchen Aufbruch tradierter Strukturen und Märkte wird der Kuchen neu verteilt – es gibt Verlierer, aber auch Gewinner. Es besteht durchaus die Gefahr, dass vor lauter Festhalten an traditionellen Positionen in London neue Optionen auf dem Kontinent ignoriert werden – allerdings nicht von allen; das sind dann die Gewinner. Mein Appell an Sie alle ist: Nehmen Sie mittel- und langfristige strategische Optionen in den Blick.
Andererseits müssen wir die Folgen des Brexit auch mit Blick auf den gesamten EU-Finanzmarkt betrachten. Es geht um nicht weniger als die Finanzierung der europäischen Wirtschaft, besonders in Zeiten, in denen die globale Wirtschafts- und Finanzordnung zunehmend instabil wird. Die bisherigen EU-Initiativen Finanzbinnenmarkt, Bankenunion und Kapitalmarktunion waren alle nach innen gerichtet. Einen internationalen Finanzplatz hatte Europa mit London. Das ändert sich nun. Und deshalb stellt sich die Frage, ob wir in der EU 27 den Ehrgeiz haben sollten, einen global wettbewerbsfähigen Finanzplatz zu entwickeln, der mehr ist als die Summe seiner Teile hier in Frankfurt, in Paris, Amsterdam oder Dublin. Der französische Zentralbankgouverneur Villeroy de Galhau hat kürzlich von einem polyzentrischen integrierten Netzwerk gesprochen – und dahin gehen auch meine Überlegungen, die stark das digitale Potenzial einbeziehen.
Mit der Idee eines „Digital Financial Centre of Europe“ möchte ich zu einer breiten, zukunftsgerichteten Debatte beitragen.
Das Konzept ruht auf drei Säulen:
Die erste Säule ist das Netzwerk. Bisher ist das Potenzial europäischer Finanzdienstleistungen auf mehrere Standorte verteilt. So entsteht keine kumulative Wirkung. Damit ein vollwertiges „finanzielles Ökosystem“ wirklich gedeihen kann, müssen jedoch Angebot und Nachfrage nach Finanzdienstleitungen vor Ort ausreichend vorhanden sein. Derzeit kann das kein europäisches Finanzzentrum bieten. Jedoch könnten die kontinentalen Finanzzentren ein aggregiertes Potenzial ausschöpfen, wenn sie ein Netzwerk bilden, in dem jedes Finanzprodukt zu jeder Zeit in jeder Menge gekauft und verkauft werden kann – wie es eben ein global wettbewerbsfähiger Finanzplatz können muss.
Die Digitalisierung bildet die zweite Säule. Die kontinentalen Finanzzentren brauchen eine starke digitale Marktinfrastruktur, die alle neuen digitalen Möglichkeiten vollumfänglich ausschöpft – die Distributed Ledger Technology (DLT) ist nur eine davon. Nur dann können sie die Fragmentierung wirksam überwinden und Agglomerationseffekte von örtlicher Nähe nachbilden. Hier ist auch das Eurosystem gefordert, das mit dem TARGET-System bereits eine elementare Infrastruktur für den Zahlungsverkehr zur Verfügung stellt.
Diese ersten beiden Säulen schaffen ein digitales Netzwerk europäischer Finanzzentren. Damit dieses europäische Finanz-„Amazon“ sein Potenzial aber voll entfalten kann, ist eine marktgetriebene Spezialisierung als dritte Säule notwendig. Marktorientierte Spezialisierung kann helfen, Skaleneffekte zu erzielen, Innovationspotenzial zu steigern und Exzellenz zu erreichen. In einer „Coopetition“ – eine Wortschöpfung aus den englischen Begriffen für Kooperation und Wettbewerb – könnten europäische Finanzzentren kooperieren, konkurrieren und gleichzeitig ihre eigenen Kernkompetenzen entwickeln. Aber das ist eine Zukunftsvision.
Es ist ein Zukunftsbild, das auch sehr in unserem ureigenen Interesse als Zentralbank liegt. Denn eine starke Währung, Preis- und Finanzstabilität können wir umso besser fördern, je mehr die relevanten Finanzströme dort verlaufen, wo unser Regime gilt.
Fazit
Meine Damen und Herren, „Brexit means Brexit“ – aber was das für den Finanzplatz Europa am Ende des Tages bedeutet, liegt in unserer Hand.
Das gilt für Sie als inländische und als ausländische Banken, für Sie als Gestalter von Politik auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene und für uns als Zentralbanken und Aufseher.
Jetzt kommt es auf einen Perspektivwechsel an. Lassen Sie uns den Brexit als Chance für uns verstehen, nicht durch naives Schönreden einer bedauerlichen Entwicklung, sondern durch nüchterne, aber zukunftsgewandte Gestaltung.

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