Euro-Wegweiser: Für eine Weltwährung kann der Euro nur eine extrem kurze Geschichte vorweisen. Ihm wird aber eine große Zukunft vorhergesagt. Warten wir es ab. Europa hängt dran. Sein deutsches historisches Fundament hat bis zu 1000-jährige Wurzeln. – Und jetzt sollen über diesen Amboss auch noch die Etats der EU-Staaten geschmiedet werden. Einer zahle des Nachbarn Schulden. Das kann zum Untergang der EU führen. In seinem Buch „10 Jahre Euro. Wie er wurde, was er ist“ beschäftigt sich Christoph Wehnelt mit der Vergangenheit, aber immer mit Blick auf die Zukunft und warnt. – 10. Teil

 

Lyon: Europäisches Finanzzentrum der Extraklasse

Die französische ECU-Euphorie hat bereits in der Provinz merkwürdige Blüten getrieben. Wo sich die Saône mit der aus der Schweiz heran flutenden Rhône vereinigt, liegt von Paris aus betrachtet die Provinzhauptstadt Lyon. Die Nähe zur schwerreichen Schweiz mit dem starken Franken und Genf mit der langen Tradition als Finanzzentrum inspiriert offenbar die Väter der Seidenstadt. Sie wollen künftig im internationalen Finanzgeschäft mitmischen, Geldstrippen ziehen wie die Gnome aus der Zürcher Bahnhofstraße, ganz oben mitspielen. Immerhin ein interessanter Einfall, nur fehlt der Seiden betuchten Stadt die richtige Währung dafür. Der Französische Franc taugt noch lange nicht dafür und eine eigene Währung hat die Stadt vor langer Zeit das letzte Mal besessen, sie neu zu beleben wäre unmöglich. Man muss also nehmen, was zu haben ist: die europäische Pseudo-Währung ECU.

Und weil Lyon Finanzzentrum mit dem ECU werden will, wurde dort schon 1982 das sogenannte Förderungs- und Forschungszentrum CEPREM gegründet. Diese  ECU-  Lobby, die überwiegend von Lyoner und anderen französi- schen Banken, aber auch von luxemburgischen Kreditinsti- tuten und den Börsen beider Städte finanziert wird, hatte jetzt ihre Jahrestagung bei der Dresdner Bank in Frankfurt. Warum gerade dort? Weil die Dresdner in Lyon eine feine Tochtergesellschaft besitzt, die Privatbank Morin-Pons. Politische Bedeutung erhält die CEPREM durch ihren Ehrenpräsidenten, den ehemaligen Regierungschef von Luxemburg, Pierre Werner (der sich schon durch den Wer- ner Plan 1972 in Sachen Ankratzen der Bundesbank einen Namen gemacht hat), und Gaston Thorn, dem ehemaligen Präsidenten der Kommission der Europäischen Gemein- schaft, der gegenwärtig Präsident der Internationalen Bank in Luxemburg ist.

Sie und die übrigen CEPREM-Mitglieder wollen, dass die Index-Währung ECU, die 1979 einmal zur Verrechnung unter den Zentralbanken kreiert worden ist, zunächst all- seits anerkanntes und dann möglichst alleiniges Zahlungs- mittel innerhalb der Europäischen Gemeinschaft wird. ECU erst auf alle Konten und nach 1995 in die Taschen der Europäer, lautet hier die Devise.

In diesem Punkte kennt die Bundesbank, die gesetzlich für die Geldwertstabilität in Deutschland und damit auch in Europa verantwortlich ist, allerdings kein Pardon. Für sie ist die ECU nach wie vor keine Währung. Als Währungskorb oder Index sind ECU-Verbindlichkeiten nach Auffassung unserer Notenbank sogar genehmigungspflichtig. Genehmi- gungen wurden bisher nicht erteilt.

Jetzt argumentieren die Europäer aus Luxemburg, Thorn und Werner, sowie die Bankiers aus Lyon: Helft Europa wei- ter über die Runden, erkennt die ECU doch endlich an. In dieser Mission will Thorn in den nächsten Wochen auch bei Pöhl vorsprechen. Eine Währung ist aber ein hoch sensibles Ding. Da müssen sich nicht nur Notenbanken und Regie- rungen anstrengen, sie stabil zu halten, dazu sind ganze Volkswirtschaften aufgerufen. Die größten Erfolge hat hier die Bundesrepublik zu verzeichnen, vielleicht ist noch die Schweiz im selben Atemzug zu nennen.

Eine langfristig intelligent angelegte Geldpolitik hat die Inflation zu einem rostigen Nagel werden lassen und die Mark stark gemacht. Bei aller Europaliebe kann dies nicht so einfach drangegeben werden. Wer soll denn künftig für diese Währung verantwortlich zeichnen. Pierre Werner brachte den Vergleich: Die Abgabe der Landwirtschaft der EG-Staaten an Brüssel sei annähernd vergleichbar mit der Hergabe der Währungssouveränität. Das soll uns aber bitte erspart bleiben, dass bei Geld eine derartige Misswirtschaft einreißt wie in der EG-Agrarpolitik. Wer soll also für eine harte europäische Währung verantwortlich sein? „Eine Europäische Bundesbank“, gab Werner zur Antwort. Und wo soll sie stehen? Da wusste Gaston Thorn Rat: „In Luxemburg.“ Ihm fiel dabei nicht einmal Lyon ein, nicht einmal jene Bankiers, die ihn auf die Reise geschickt hatten. Wo bleibt da also der Finanzplatz Lyon? Das soll jedoch nicht unsere Frage sein.

Wo bleibt Frankfurt, wo bleibt der Finanzplatz Deutschland, ist hier eher die Frage. Da muss doch der hessische Wirt- schaftsminister, Ulrich Steger, zitiert werden: „Der Finanzplatz Deutschland findet in Frankfurt statt und die europäische Notenbank gehört an den Main.“ Zitat Ende. – Mit Verlaub, das ist kein Votum gegen Europa, sondern nur eine Wettbe- werbsfrage zwischen den europäischen Finanzzentren.

Otmar Emminger: Blücher im Kampf um die Geldwertstabilität

Auch mit seinen 75 Jahren (1986) ist Altbundesbankpräsi- dent Otmar Emminger ein streitbarer Herr geblieben. Den Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie maßregelte er vor dem sogenannten Hessischen Kreis der Arbeitgeber: „Sie meinen, die deutschen Unternehmer wis- sen nicht, worum es bei der Änderung des Paragraphen 116 Arbeitsförderungsgesetz (AFG) geht? Dieses Armutszeugnis stelle ich diesen Leuten nicht aus.“ Der große alte Mann der Bundesbank kann sich auch diese Bemerkung leisten: „Es ist nur in unserem überdrehten Rechtsstaat, wo sogar die Schulnoten anfechtbar sind, möglich, dass eine Banken- gruppe die Bundesbank vor den Richter bringt, nur weil ihr die neue Mindestreservestruktur nicht gefällt.“

Sein wacher Verstand und die hohe Sachkenntnis, mit der Emminger in Diskussionen und Vorträge hineingeht, quali- fizieren ihn bis heute zu einem begehrten Berater in Wirt- schaft und Politik, diesseits und jenseits der Grenzen.

Weltpolitische Themen diskutiert Emminger regelmäßig mit dem ehemaligen amerikanischen Außenminister Henry Kissinger, der Anfang der 70er-Jahre das kommunistische China für den Westen geöffnet hat. Beide Grandseigneurs sitzen im Beirat der hochfeinen Investmentbank Goldman, Sachs & Co. und treffen sich dort jährlich drei- bis viermal. In der Bundesrepublik hat sich die Deutsche Pfandbriefan- stalt den Rat des Geldrohflusses gesichert. Sie machte den Zentralbanker zu ihrem Präsidenten des Verwaltungsrates. Hauptamtlich schreibt der Altbundesbankpräsident aber Memoiren, und zwar in einem bescheidenen Büro unterm Henninger Turm, das ihm der ehemalige Henninger-Bräu- Besitzer, Konsul Schubert, gratis zur Verfügung stellt. Eine Grafik des spanischen Malers Joan Miró dekoriert den etwas düsteren Raum. Seine Kunstleidenschaft gilt allerdings den Expressionisten, die er von früher Jugend an mit gutem Gespür und umso geringerem Kapitaleinsatz sammelt.

Emmingers zentrales Thema in Politik und Wissenschaft ist die Inflationsbekämpfung, bei der er als langjähriger „Außenminister“ der Bundesbank meist die außenwirt- schaftliche Front abgesichert hat. „Wer mit der Inflation flir- tet, wird von ihr geheiratet“, warnt der Geldwertmoralist unablässig.

In „D-Mark, Dollar, Währungskrisen  –  Erinnerungen eines ehemaligen Bundesbankpräsidenten“ beschreibt Emminger die bundesdeutsche Geldgeschichte der Nach- kriegszeit ebenso, wie er Geschichte der Geldpolitik ge- macht hat. Um den von ihm für richtig erkannten Stabi- litätskurs durchzupauken, hetzt er seinen Chef, den ehe- maligen Präsidenten, Wilhelm Vocke, gegen Adenauer auf. Mit Helmut Schmidt legte er sich persönlich an.

Emminger hat als Bundesbankpräsident (1977–1979) mit seiner Geldpolitik den Grundstein für die Preisstabilität bis hin zur Null-Inflation in den 80er-Jahren gelegt. Er schuf die Voraussetzung dafür, dass die Teuerung, wie es Superminister Karl Schiller einmal ausgedrückt hat, so tot wie ein rosti- ger Nagel ist. „Die eigentliche Wende in der Geldpolitik begann am 14. Dezember 1978“, schreibt Emminger in sei- nen Memoiren. Dass zusammen mit dem Geldmengenziel damals Restriktionsmaßnahmen beschlossen wurden, sollte nach außen demonstrieren, dass die Bundesbank auch im (politisch erzwungenen) europäischen Währungssystem (EWS) die Stabilitätspolitik fortzusetzen gedenkt.

Zum offenen Konflikt mit der Bundesregierung wegen der straffen Geldmengensteuerung über knappes Geld kam es am 18. Januar 1979. Während der Pressekonferenz nach der Zentralbankratssitzung zog Staatssekretär Lahnstein offen gegen die Notenbanker vom Leder: Weder er noch sein Minister hätten einen Handlungszwang für die Erhöhung von Lombardsatz und Mindestreserven gesehen. Die Lahn- stein-Demarche war verglichen mit dem Auftreten Adenau- ers gegenüber Frankfurt allerdings harmlos. Kanzler Konrad Adenauer hatte im Oktober 1950 eine Erhöhung der Leit- zinsen schlicht verboten, was ihm aber wenig half: Der Zentralbankrat setzte sie um zwei Prozentpunkte herauf und ließ sich seitdem von der Regierung nicht mehr hinein- reden. Fünf Jahre später hat Adenauer nach einer Leitzinser- höhung in der berüchtigten Gürzenich-Rede nur noch geschimpft, ohne irgendetwas ausrichten zu können. Der deutschen Konjunktur sei ein schwerer Schlag versetzt wor- den. Auf der Strecke würden die Kleinen bleiben, die kleinen Industrien, die Handwerker und Landwirte. „Das Fallbeil trifft die kleinen Leute und deswegen bin ich sehr betrübt.“

Nach der Diskont- und Lombardsatzerhöhung vom 12. Juli 1979 protestierte lautstark das Ausland. In den USA sprach man vom Zinskrieg. Der Vorsitzende des Sachver- ständigen-Ausschusses des Kongresses, Schultz, wetterte:

„Die Politik der Federal Reserve wird heute wahrscheinlich mehr in Frankfurt als in Washington gemacht.“ Hinter all diesen Aktionen stand der zähe Emminger mit seinem prag- matischen Monetarismus. Vom Theoretiker Milton Fried- man hat er sich nur die Aggregate ausgeliehen. Eine Menge realistischer Wirtschafts- und Finanzpolitik kam dazu und etwas Glück. Heraus kam die härteste Währung der Welt. Eigentlich hätten die Bundesbank und Emminger ebenso wie Friedman den Nobelpreis erhalten müssen, insinuiert mir der drahtige Geldakrobat.

Die Bundesbank ist faktisch die einzige Zentralbank, die heute noch zur Inflationszügelung Geldmengensteuerung betreibt, pragmatisch und erfolgreich von Anfang an. Der Mann mit dem richtigen Kompass war stets Emminger. Selbst seine Kollegen und Vorgänger-Präsidenten musste er wiederholt vom falschen Kurs weglotsen und in die richtige Fahrrinne setzen.

Nach der Währungsreform hat Emminger jahrelang an die Kollegen im Zentralbankrat hinreden müssen, bis auch sie von der Notwendigkeit einer D-Mark-Aufwertung überzeugt waren. „Nur Ludwig Erhard und ich“, so der Altbundes- bankpräsident, „waren anfangs dafür gewesen“. Und Erhard fiel immer wieder um, wenn es darum ging, die notwendige Mark-Aufwertung in seiner Regierung durchzusetzen. „Wir brauchen sie aber“, wurde Emminger nicht müde zu argu- mentieren, „um die interne Stabilitätspolitik abzusichern.“

Das Jahr 1958 war eines der wenigen Jahre, auf das die Bundesbank mit Befriedigung zurückblickte und dem sie ausdrücklich bescheinigte, dass in ihm „die Wirtschaft dem berühmten ‚Magischen Dreieck’ währungs- und wirtschafts- politischer Zielsetzung – optimale Beschäftigung, Preisstabi- lität und Gleichgewicht der Zahlungsbilanz – näher war als in wohl jedem der vorangegangenen Jahre, erinnert sich Emminger. Als äußere Krönung der währungspolitisch erfolg- reichen Zeit trat 1958 der Übergang der D-Mark und einer Reihe anderer europäischer Währungen zur Konvertibilität hinzu. Gleichzeitig wurde die Europäische Zahlungsunion aufgelöst und damit die bisherige regionale Differenzierung zwischen Dollarraum und EZU-Raum im Zahlungsverkehr beseitigt. „Die Harmonie des binnen- und außenwirtschaft- lichen Gleichgewichts ging aber schon nach eineinhalbjähri- ger Dauer im Jahre 1959 wieder verloren.“ (Emminger)

Im Frühjahr 1961 waren schließlich der damalige Bundes- bankpräsident, Karl Blessing, sowie der Zentralbankrat überzeugt und Erhard soweit festgenagelt, dass er zur Sache stand und im Kabinett die nötigen Beschlüsse durchsetzte. Emminger hatte aber noch eine weitere Hürde zu nehmen. Als er in Washington beim Internationalen Währungsfonds die D-Mark-Aufwertung persönlich ankündigte, fuhr ihn  der damalige Präsident, Per Jacobsson, an: „Was haben Sie Schurke gemacht?“

In das Weltbild des IWF-Präsidenten passte es damals durchaus nicht, dass sich der Kriegsverlierer Deutschland klamm heimlich daran macht, das eherne Bretton-Woods- System anzusägen.

Emmingers frühe Jahre

 Schurkisches wurde Emminger schon früher einmal nachge- sagt. Als sich der junge Gerichtsreferendar und National- ökonom bei Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin bewarb, schaltete dessen Präsident, Professor Wage- mann, einen Grafologen ein. Das Ergebnis war vernichtend. Er, Emminger, sei ein aufmüpfiger, revolutionärer Geist, war aus der Schrift zu lesen. So einer könnte seinem Institut mehr schaden als nützen. Emminger war abgelehnt.

Tatsächlich hatte Wagemann Probleme mit einem Nazi- und einem liberalen Flügel unter seinen Wissenschaftlern. Der Professor, der gleichzeitig Präsident des Statistischen Reichsamtes war, wollte das mühsam erreichte Gleichge- wicht nicht durch einen jungen Revoluzzer stören lassen. Erst als Eduard Wolf, der Chefvolkswirt des Instituts, mit dem eigenen Ausscheiden drohte, wenn Emminger nicht ein- gestellt würde, wurde Wagemann weich. Die drei Wirt- schaftswissenschaftler verband bald eine persönliche Freundschaft, die für Emminger nach dem Krieg noch ein- mal sehr nützlich werden sollte, als ihn Wolf in die Bank deutscher Länder nachzog.

Im Wagemann-Institut zeigte der Revoluzzer bald seine ganz Aufmüpfigkeit. Der Adolf-Weber-Schüler gehörte in den 30er-Jahren zu den wenigen Währungsexperten des Reiches. Er hatte über das Thema „Diskontpolitik oder gleitende Währung als Mittel des Zahlungsbilanzausgleichs“ am Beis- piel Englands promoviert. Als damals alle Experten des Rei- ches den starren Wechselkurs der Mark wie ein Gralsheilig- tum hüteten, verfasste er am Institut ein Memorandum zur Abschaffung der rund drei Dutzend verschiedenen Wechsel- kurse, anhand derer der Wirtschaftsverkehr mit dem Ausland abgewickelt wurde. Seine Conclusio hieß: Die Reichsmark um 20 Prozent abwerten, dann haben wir, was wir brauchen, nämlich einen realistischen und einheitlichen Außenwert der Mark mit allen Vorzügen für Ex-und Import.

Wagemann warf das „Pamphlet“ in den Papierkorb. Den- noch hielt sich Otmar Emminger für schlau und akzeptiert genug, sich bei der Reichsbank zu bewerben. Die Herren im Hause von Hjalmar Schacht lehnten mit drei Zeilen und deutschem Gruß ab. Otmar Emminger, dessen Vater 1923/24 in Berlin Reichsjustizminister gewesen war, hatte mit der braunen Riege nie ein sonderlich gutes Verhältnis. 1933 kam er aus London, wo er studierte, in seine Heimat- stadt Augsburg eiligst angereist, um seiner Familie beizuste- hen, denn sein Vater wurde gleich nach der Machtergreifung Hitlers für ein Dutzend Monate eingesperrt.

Fünf Jahre später hatte der Jura-Absolvent Mühe, die Zulassung zum Assessor-Examen zu erhalten. Schließlich riet ihm sein Vater, doch in die NSDAP einzutreten, wie es verlangt war. Er tat’s und wurde Volljurist. Seines revolu- tionären Geistes wegen flog er bald wieder aus den braunen Reihen. „Die besten Jahre meines Lebens“, so der Altbun- desbankpräsident heute, „habe ich dann bei der Wehrmacht verbringen müssen.“ Sechs Jahre waren perdu, aber die besten sollten erst kommen. Von 1949 bis 1979 war Emminger die beherrschende Persönlichkeit der deutschen Währungsszene, als Chefvolkswirt der Notenbank, im Direktorium und dann Präsident. Neben dem Bundesbank- Management und seinen Verpflichtungen beim Internatio- nalen Währungsfonds, bei der BIZ Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, beim Zehner-Club. Er hat für „Die Ver- teidigung der D-Mark“ (Emminger-Buchtitel) gekämpft.

Otmar Emminger kontra James Tobin

Es war immer wieder eine Freude, Otmar Emminger unterm Henninger Turm bei seiner Spurensuche in der Vergangen- heit zuzuhören. Im Herbst vergangenen Jahres hat er den Oberen in Rotchina Grundkenntnisse der Geldpolitik zu vermitteln versucht. Wer freie Unternehmerschaft will, braucht eine straffe Geldpolitik, hat er im Reich der Mitte Parteikadern gepredigt, die weder das eine noch das andere kannten.

Während in Peking mehrere tausend Funktionäre mit Pomp und Palaver den neuen Fünfjahresplan verabschiede- ten, schipperte eine elitäre Schar von internationalen Wis- senschaftlern und heimischen Volkswirten den Yangtse hi- nunter. Die Gruppen hier wie dort, so unterschiedlich sie auch waren, hatten fast identische Ziele: die mittelfristige Wirtschaftslenkung in China.

In Peking wurden die Pläne verabschiedet und auf dem Luxusdampfer rund 2000 km weiter südlich intensiv über die Rahmenbedingungen dafür diskutiert. Zu beiden Veran- staltungen hatte Ministerpräsident Zhao Ziyang geladen, der selbst zu den fähigsten Wirtschaftsexperten des riesigen Staates gehört. Seine Leute, so wollte es Zhao, sollten die Kniffe der Marktwirtschaft erlernen. Also hatte er die Welt- bank aufgefordert, auch Experten aus Europa und den USA zu sich ins Reich der Mitte zu schicken, um marktwirt- schaftliche Aufklärung zu leisten.

So kamen Emminger und der amerikanische Nobel- preisträger James Tobin auf die Nobeldschunke im Yangtse. Nach Zhaos Vorstellungen sollten aber auch Experten aus osteuropäischen Ländern nicht fehlen, die ähnliche Prob- leme zu bewältigen hätten wie China selbst: raus aus der Planwirtschaft und rein in die Marktwirtschaft. Außerdem musste ein Japaner dabei sein, denn Zhao hatte erst wenige Monate vorher eine Untersuchung in Auftrag gegeben mit dem Thema: Sind japanische und deutsche Erfahrungen beim Wirtschaftsaufbau nach 1945 auf die heutige Lage in China zu übertragen? Hier könne er aus erster Hand erfah- ren, so die Überlegungen des Ministerpräsidenten, ob die Entwicklungen in Japan und Deutschland beispielhaft seien. Hier konnte Emminger einhaken: „Die beiden Kriegsver- liererstaaten“, so der Altbundesbankpräsident damals im Gespräch mit Zhao, „sind mit dem China der 80er-Jahre nicht vergleichbar.“ Deutschland habe zwar eine Zwangs- wirtschaft gehabt, kriegsbedingt, verfügte damals aber immerhin schon über ein brauchbares Bankensystem und nach der Währungsreform über eine Geldwirtschaft, auf die man schnell eine freie Marktwirtschaft aufbauen konnte. Außerdem gab es schon eine traditionsreiche Unternehmer- schaft. „Wir mussten nur die Regeln etwas ändern.“ Zhao sinnierte: „Da haben Sie recht. Wir müssen dies alles erst auf- bauen.“ Und dann vertraute Emminger dem Gastgeber seine ganze Weisheit an, die zum Kern die Inflationsbekämpfung hat: „Wer aus der Planwirtschaft heraus Unternehmern mehr Freiheit geben, die Wirtschaft liberalisieren will, muss gleich- zeitig eine straffe Geld-, Finanz- und Wirtschaftspolitik ein- führen, sonst galoppiert die Teuerung.“ „Darauf trinken wir, gampei!“ Der hat’s kapier, freute sich der Deutsche. „Zhao war einer der ganz wenigen.“

Nach den großen Erfolgen vor fünf Jahren bei der Privati- sierung in der Landwirtschaft hat China zunehmend Prob- leme bei der Liberalisierung der Industriewirtschaft in den Städten. Die Teuerung nahm stark zu und die Devisenreser- ven schmolzen dahin. Jetzt soll eine marktorientierte Wirt- schaftsreform die Industrieproduktion in 20 Jahren vervier- fachen.

Die meisten der anwesenden Chinesen hatten von Anfang an Verständnisprobleme und die Uneinigkeit der westlichen Berater machte es ihnen nicht leichter, die Grundzüge von Globalsteuerung und Geldpolitik zu begreifen.

„Gestatten, ich bin Keynesianer“, so pfuschte Nobel- preisträger Tobin dem redlich argumentierenden Altbundes- bankpräsidenten in die Diskussion: „Sie, Herr Emminger, unterstellen“, so repetiert der Deutsche die Rede Tobins, „dass aus kräftigen Lohnerhöhungen gleich Übernachfrage, also eine Lohninflation entsteht.“ Das müsse doch im Ein- zelnen erst untersucht werden, meinte der preisgekrönte Theoretiker zur unrechten Zeit. Auch für Emminger sind Keynes und seine Gefolgschaft mit ihren theoretischen Ergüssen kein Neuland. Nur passten die Tobin-Thesen nicht in den Nachmittag, wo den Chinesen die Grundfragen der Inflationsentstehung und die Bekämpfung der Teuerung bei- gebracht werden sollten.

Auch von den Osteuropäern kamen kaum nützliche Vor- schläge. Die Experten aus Jugoslawien, Ungarn und Polen entpuppten sich auf dem chinesischen Schicksalsstrom als Dissidenten ihrer heimatlichen Ideologien. Sie schimpften auf die Entwicklung zu Hause und rieten den Kompagnons im Kommunismus, sofort die marktwirtschaftlichen Schleu- sen zu öffnen und der zentralen Verwaltungswirtschaft rest- los den Garaus zu machen. Drei Viertel der ungarischen Volkswirtschaft seien noch staatskontrolliert, erst 25 Pro- zent liberalisiert. Und für dieses schwache Ergebnis hätte das ganze Land 15 Jahre gearbeitet. Schnell alles über Bord sei das Beste, war der übereilte Rat des Magyaren.

Nach Aussagen Emmingers war Brauchbares nur vom Deutschen zu erfahren. „Wer Unternehmen sich frei entfal- ten lassen will, muss eine straffe Geld-, Finanz- und Wirt- schaftpolitik verfolgend“, trommelte der Altbundesbank- präsident schon nach dem Frühstück morgens um acht und abends beim Diner mit 25 Gängen immer noch. Aber auch bei der Peking-Ente konnte der drahtige Deutsche den Chi- nesen die Chose nicht immer schmackhaft machen. Einige verstanden kein Englisch, andere war so in ihrem traditio- nellen Denken verhaftet, dass Emminger an deren Gesich- tern ablesen konnte, dass seine Lehre ihre geistige Leere nicht ausfüllen konnte.

Selbst der Notenbank-Vize, der im März 1985 schon mit ansehen musste, dass sein damaliger Che Li Peijan wegen Unfähigkeit gegen die clevere Dame Chen Muhua ausge- tauscht worden war, horchte eher nach innen als auf die Heilsbotschaft aus dem Westen. „Das Beste ist“, so fasste Emminger am Ende der Wasserfahrt zusammen, „Sie schicken einige Leute zur Bundesbank, um das nötige Rüst- zeug zu lernen.“ Gesagt getan. (Aktiv mit einem Entwick- lungshilfeprogramm befasst, ist Otmar Emminger am August 1986 überraschend in Manila gestorben.)

Ausländer im Bundesanleihekonsortium

 Für den Vorstandsvorsitzenden der gewerkschaftseigenen BfG Bank für Gemeinwirtschaft liegen die Dinge  klar auf der Hand: Mit der Öffnung des Bundesanleihekonsortiums für Ausländer ist die Bundesbank über das Ziel hinausge- schossen. „Dafür habe ich kein Verständnis“, rüffelte Tho- mas Wegscheider am 19. Juni 86 vom 36. Stockwerk seiner Konzernzentrale in der Frankfurter Kaiserstraße auf die hin- ter dem Grüneburg Park verschanzte Bundesbank.

„Wir hätten für die BfG eine Aufstockung der Quoten erwartet, jetzt ist das Gegenteil der Fall.“ Jede fünfte Anleihe-Mark der Bundes-Emissionen von Bund, Post und Bahn geht künftig sofort in die Portefeuilles von Auslands- banken, die in Frankfurt Tochtergesellschaften unterhalten. Das gute alte Anleihe-Konsortium von 1952 ist tot. Mit der sechsprozentigen Postanleihe über zwei Milliarden Mark vom 24. Juni hat es seinen Geist aufgegeben. Direkto- riumsmitglied Claus Köhler hat es nicht anders gewollt und steht damit im Einvernehmen mit dem Zentralbankrat. Nach seinen Vorstellungen kann offenbar die Restliberali- sierung des deutschen Kapitalmarktes vom Mai 1985 nur dauerhaft und überzeugend sein, wenn Auslandsbanken bis ins Allerheiligste der öffentlichen Schuldenmaschinerie he- reingelassen werden und dann noch mit diesen fetten Quoten.

Denn zu den 20 Prozent, die mit der nächsten Bundesan- leihe über vier Milliarden Mark im Juli den Ausländern zugestanden werden, kommen noch die Anteile deutscher Banken, die bisher schon mehrheitlich im Auslandsbesitz waren, wie Trinkaus in Düsseldorf oder die Deutsche Län- derbank in Frankfurt, die neuerdings Schweizerische Bank- gesellschaft Deutschland AG heißt. Bis zu 30 Prozent spielen also künftig die Ausländer beim konsortialen Schuldenma- nagement des Bundes und seiner Sondervermögen mit. Nicht genug damit. Wie bisher schon Trinkaus wird dem- nächst noch eine weitere Auslandsbank sogar im engeren Ausschuss des Bundesanleihekonsortiums sitzen, dessen Führung aber unverändert in Händen der Bundesbank liegt. Claus Köhler, der im Direktorium der Deutschen Bundes- bank das Dezernat II Geld und Kredit leitet, ist allerdings nicht aus allzu weichem Holz geschnitzt. Er will durchaus nicht vorschnell die Interessen seines Hauses oder der deut- schen Banken-Gemeinde verspielen. Er verlangt Reziprozität der Geschäftsmöglichkeiten deutscher Banken in den Part- nerländern. Außerdem hat er Sicherungen bei der neuen Quotenaufteilung eingebaut.

Köhler liegt viel an einer dauerhaften Unterbringung einer Anleihe am Markt und dafür sind seines Erachtens vier Säu- len notwendig:

Das Konsortium muss die Anleihen dauerhaft, d. h. min- destens für ein Jahr übernehmen und unterbringen. Dafür erhalten seine Mitglieder eine Bonifikation.

Sollte die Anleihe vor Jahresfrist wieder auf den Markt kommen, muss der größte Teil der Bonifikation wieder zurückgegeben werden.

Schließlich rundet das System ein Interventionsmechanis- mus ab. Die Bundesbank will den Markt wie bisher mit leichter Hand regulieren. Es soll gewährleistet sein, dass möglichst Bezahlt-Kurse zustande kommen.

Nichts überlässt Claus Köhler gerne dem Zufall. Wenn er die Ausländer mit ins Boot holt, werden ihnen nicht nur die- selben Auflagen wie den Inländern unterbreitet. Sie sollen sich darüber hinaus gemeinsam mit der Bundesbank Gedan- ken über die Reservewährung D-Mark machen, die es in Krisenzeiten auch einmal zu schützen gilt. Nicht das Schön- Wetter-Konsortium hat Köhler im Sinn. Er will sich ein all- wettertaugliches Instrument schaffen, frei nach der Bundes- bahnwerbung: alle Wetter – die Mark.

Seine Devise heißt: Nicht nur den Absatz für Bundespa- piere sichern, sondern möglichst gleichzeitig ein sicheres Auffangbecken für die D-Mark schaffen. Kanäle einziehen für die wachsenden Milliarden-Ströme, damit in turbulenten Währungszeiten die Deutsche Mark nicht wie verendete Fische vor der Bundesbank in Frankfurt abgeladen werden. Die Strategie leuchtet ein: Erst die Banken aus der Schweiz, aus den USA, Japan und dem Rest der Welt nach Deutsch- land holen. Sie hier Tochtergesellschaften nach deutschem Recht gründen lassen, damit einbinden in das Steuerungs- system der Zentralbank und ihnen zusätzliche Aufgaben für Marktregulierungen im Ausland unterschieben.

So könnte ein tragfähiges Gerüst für den D-Mark-Block geschaffen werden, der nur in Teilbereichen mit dem Europäischen Währungssystem (EWS) deckungsgleich ist. Diese Art hintergründiger Strategie ihrer Notenbank wollen die deutschen Geschäftsbanken nicht gerade mit Enthusias- mus fördern.

Ewige Rangeleien mit Frankreich

 In der ersten Woche des Januar 1987 ist die Bundesregierung unter Beschuss geraten: Sie soll die D-Mark aufwerten, am besten im Alleingang um rund fünf Prozent. Das ist die Forde- rung Frankreichs. Für die Franzosen ist dagegen eine einsei- tige Franc-Abwertung aus Prestige-Gründen kein Thema. Das war schon immer so, angefangen von de Gaulles Zeiten bis heute. Bonn aber zeigte sich noch spröde. Regierungssprecher Friedhelm Ost und Wirtschaftsminister Martin Bangemann haben das französische Ansinnen abgeblockt. Beide Politiker wissen zwar ganz genau, dass es eine Kursanpassung geben muss, weil die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte inner- halb der Europäischen Gemeinschaft zu groß geworden sind. Die Bundesrepublik platzt mit ihren Handelsbilanzüberschüs- sen von über 100 Milliarden Mark aus allen Nähten. Aber Bonn will mit sich nicht so umspringen lassen.

Gegenüber dem Dollar finden solche Anpassungen tagtäg- lich auf den Devisenmärkten statt. Im Europäischen Währungssystem mit seinen relativ festen Kursen muss bei Schwankungen von über 4,5 Prozent von den Regierungen jeweils die Neufestsetzung der Kurse beschlossen werden. Deshalb ist Bonn politisch und ökonomisch gefordert. Auch die Bundesbank erkennt diese Zwänge an. Am 12. Januar kam es zur notwendigen Ministerübereinkunft. Deutschland wertete die D-Mark um drei Prozent auf, ebenso wie die ita- lienische Lira. Der Belgien-Franc zog mit zwei Prozent nach. Seit der Gründung des EWS 1979 hat es damit schon sieben Kursanpassungen gegeben.

Obwohl die ganze Geschichte wegen des Francs notwendig wurde, blieb die französische Währung im nominalen Außen- wert unverändert. „Während die Bundesbank monierte, dass die Paritätsänderung wiederum erst unter dem Druck der Ereignisse erfolgt ist, beklagte die französische Seite eine man- gelhafte deutsche Zusammenarbeit, obwohl die Bundesbank im Dezember 1986 und bis zum 9. Januar 87 mit 36,1 Milli- arden Mark im EWS intervenierte.“ (50 Jahre Deutsche Mark/S.  808)  Die  Interventionen  waren  ganz  überwiegend zugunsten des Francs erfolgt. Frankreich nörgelte aber weiter an der dominanten Stellung der Bundesbank im EWS herum und forderte diese „Asymmetrie“ zu beseitigen. „Andererseits erlaubte es die an der D-Mark orientierte Stabilitätspolitik den französischen Politikern, sich das Verdienst der Inflati- onssenkung zuzuschreiben, während die Bundesbank für etwaige negative Beschäftigungsfolgen der Desinflation ver- antwortlich gemacht werden konnte.“ (50 Jahre Deutsche Mark) Damit war Paris voll zufrieden.

Dollar im Visier: Pariser Währungsgipfel im Louvre

Im Verlauf des vergangenen Wochenendes hätte man zeit- weise vermuten können, dass sich der Pariser Währungsgip- fel zu einer Krisensitzung zur Absicherung des Weltwährungssystems ausweitet. Grund genug dafür gab es. Schon am Freitag (20. 2. 87) hatte die Weltbank auf die ka- tastrophale Finanzlage der Dritten Welt hingewiesen, die mittlerweile mit über einer Billion Dollar bei den reichen Nationen in der Kreide steht. Und wenig später hatten dann Brasilien und Argentinien, die – wenn man einmal von den USA absieht – höchst verschuldeten Länder dieser Erde, ein- seitig ein bisher nicht limitiertes Zinsmoratorium verhängt. Verkünden noch andere Länder Moratorien dieser Art, so würden in westlichen Bankbilanzen nach und nach einige hundert Milliarden Dollar als uneinbringbar deklariert wer- den müssen. Dann kracht es im Gebälk des Weltfinanzsy- stems ganz erheblich. Nur äußerst geschicktes Schuldenma- nagement auf allerhöchster Ebene könnte dann den reihen- weisen Zusammenbruch von Bankinstituten verhindern.

Auf der Weltwährungskonferenz in Paris war von krisen- hafter Zuspitzung aber nichts zu verspüren, wenn man ein- mal von der beleidigten Reaktion der Italiener absieht, die gerne als „G 7“ und den jetzigen Großen Sechs ganz oben  im Weltfinanzgeschehen mitmischen würden, deren Finanz- politik und damit deren Währung aber durchaus nicht qua- lifiziert genug ist. Offiziell gingen die im Louvre versammel- ten Finanzminister und Notenbankchefs der sechs wichtigsten Wirtschaftsmächte – USA, Japan, Bundesrepub- lik, Frankreich, Großbritannien und Kanada – nicht auf die Weltschuldenkrise ein. Sie hatten sich schließlich auch vor- genommen, Ordnung ins Währungssystem zu bringen und hielten sich strikt an diesen Fahrplan.

Die Währungsmächte waren zusammengekommen, um die Dollarströme in geordnetere Bahnen zu bringen, den Kurs der Leitwährung zu stabilisieren, damit durch das hek- tische Auf und Ab nicht auch noch die letzten Reste eines möglichen Weltwirtschafts-Wachstums vernichtet würden. Damit war an der Seine das US-Haushaltsdefizit ebenso Thema wie die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte zwischen den USA auf der einen Seite und Kanada, Europa sowie Japan auf der anderen. Um es ganz exakt auszu- drücken, ging es in Paris um die US-Währung, um den US- Staatshaushalt und um den US-Außenhandel. Die Budget- und Handelsdefizite der USA produzieren logischerweise den Dollar wie er ist: iIn der Menge zuviel und im Kurs außer Rand und Band. Dies um so mehr als in jüngster Zeit amerikanische Wissenschaftler und Politiker immer dran waren, den Dollarkurs herunter zu reden, um auf einfachste wenn auch weltwirtschaftlich nicht bekömmlichste Weise die Handelsgleichgewichte wieder herzustellen.

Das beste Ergebnis von Paris dürfte sein, dass die US-Poli- tiker nun davon ablassen wollen, ihre Währung in den Kel- ler zu reden. Man hat sich auf die Stabilisierung des Dollar- kurses auf dem jetzigen Niveau geeinigt. Für die Ziellinie könnte also 1,80 D-Mark gelten. Aber so präzise sind die Aussagen auch wieder nicht. Plus/minus zehn Prozent ist wahrscheinlich richtiger. Die Währungsmächte könnten also eine Bandbreite von 1,60 bis zwei Mark im Auge haben und durch konzertierte Interventionen versuchen, diese Band breite längerfristig zu halten. Das mag sich sehr bescheiden anhören, ist aber durchaus ein großer Fortschritt, weil alle Beteiligten für das Gelingen Verantwortung übernommen haben. Die Amerikaner haben sogar eine Verringerung des Haushaltsdefizits zugesagt.

Japaner und Deutsche wurden ermahnt, die Inlandsnach- frage anzukurbeln, damit Wachstum mit Importen stattfin- det. Die Exporte sollten nicht mehr so robust laufen. Diplo- matisch geschickt hat Finanzminister Gerhard Stoltenberg in Paris das neue deutsche Steuerpaket als Energiespender für die deutsche Konjunkturlokomotive angekündigt. Er versprach Steuererleichterungen. Alles in allem muss das Pari- ser Treffen als gelungene Veranstaltung gewertet werden. Das Louvre-Abkommen ist nützlich. Es konnte ein Mini- malkonsens hergestellt werden, der gute Voraussetzungen für weitere Kooperationen bietet auch im Hinblick auf die Bewältigung der Weltschuldenkrise.

Mit Rohstoff-Index und Festkurssystem gegen die Defizite

Die am 1. Oktober (87) in Washington beendete Welt- währungskonferenz, die gemeinsame Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank, war ein Treffen der Finanzleute unter dem guten Stern des politischen und wirtschaftlichen Konsenses. Es wurde nie- mand auf die Anklagebank gesetzt, wie es Deutschland schon einmal erleben musste. Es brachen auch keine neuen Schuldenkrisen aus, wie sie z. B. Mexiko 1982 präsentiert hat. Die Finanzstrategen des IWF glauben sich auf dem besten Wege, die Weltschuldenkrise durch geschicktes Management weiter bändigen zu können. Und die Chefs der Weltbank sind am Ende dieser Woche zuversichtlicher denn je, die von ihnen beantragte Kapitalerhöhung von rund 50 Milliarden Dollar in absehbarer Zeit unter Dach und Fach zu bekommen.

Damit wäre endlich die Finanzbasis geschaffen, die die Bank braucht, um ihren Part in den Umschuldungs-Pro- grammen und Strukturhilfen für die ärmsten Länder der Erde zu spielen. Sehr optimistisch äußerte sich Weltbank- präsident Conable über die bevorstehende und äußerst notwendige Entlastung der total verarmten Länder südlich der Sahara. „Afrika muss geholfen werden“, erklärte  er vor der internationalen Presse im Sheraton (Washington).

„Und wir können Afrika helfen.“ Die Atmosphäre  unter den Finanzministern und Notenbankgouverneuren war nicht zuletzt deshalb aufgeräumt bis freundlich, weil das weltwirtschaftliche Szenario insgesamt ein erfreulicheres Bild zeigt und positive Perspektiven für das kommende Jahr offen lässt. Nach einer kleinen Wachstumsdelle 1987 soll wieder ein Plus von rund 2,5 Prozent erreicht werden. Eine sehr optimistische Einschätzung, wenn man bedenkt, dass 1988 die Konjunktur in das 6. Jahr ihres Auf- schwungs geht.

Trotz der an den Tag gelegten guten Manieren und dem Austausch von Höflichkeiten ging auch an diesem Washing- toner Wochenende die Auseinandersetzung zwischen den Hauptschuldnern und den Reichen dieser Erde ebenso wei- ter wie unter den Überschuss- und Defizitländern, und zwar in kaum verminderter Härte. Brasilien hat immer noch kei- nen für die Banken akzeptablen Umschuldungskompromiss vorgelegt und die Finanzleute der wohlhabenden Länder denken nicht daran, den Aufrufen nach Forderungsverzich- ten nachzukommen. Wenn aber ein Mann wie Alfred Herr- hausen, Chef der Deutschen Bank, mehr versehentlich als vorsätzlich diesen Terminus in den Mund nimmt, wird auf ihm ganz öffentlich herum gehackt.

Auf ihre Art sind auch die Amerikaner dabei geblieben, sich an der deutschen Wirtschaftspolitik zu reiben. US-Prä- sident Ronald Reagan hat bei seinem Weltbank-Auftritt rundheraus gefordert, die Überschussländer sollten doch etwas mehr Mumm beweisen – er benutzte dieses Wort – in der Ankurbelung ihrer Wirtschaft zum Wohle der Weltkon- junktur und der amerikanischen Exporte. Der einzig konzi- liante Zug in der Reagan-Rede war, dass er weder die Bun- desrepublik noch Japan namentlich erwähnte. Bundesbank- präsident Pöhl hatte alle Mühe, auf diesem Glacis der Welt- finanz-Potentaten die Position Deutschlands zu erklären und zu verteidigen nicht ohne den verdeckten Hinweis, dass Bonn und Frankfurt durchaus nicht gewillt seien, sich von anderen Leuten die Marschroute vorschreiben zu lassen.

Zum Abschluss der Tagung tat sich der amerikanische Finanzminister, James Baker, mit einem besonders pfiffigen Vorschlag hervor und der britische Schatzkanzler, Nigel Lawson, unterstützte ihn dabei weidlich. Baker möchte das Gold wieder etwas mehr in die Währungspolitik hereinho- len, und zwar über einen Warenkorb der Rohstoffe, der als sogenannter Frühindikator für die weltwirtschaftliche Steue- rung mit herangezogen werden soll. Lawson schwärmte schließlich davon, die Wechselkurse einer Gruppe von Län- dern, ähnlich wie im Europäischen Währungssystem aber weit darüber hinaus, in festen Kursrelationen an einander zu binden: Dollar-Pfund-Yen, D-Mark etc. Sowohl Bakers als auch Lawsons Vorschläge können von der deutschen Posi- tion her kaum akzeptiert werden. Der Dollar ist wegen sei- ner Potenz und seines Volumens in kein Kurssystem hinein zu pressen. Der Rohstoffindex kann eine flexible und ideen- reiche Geldpolitik auch nicht ersetzen. Fazit: Der Kampf geht weiter, wenn es um die reine Lehre der Wirtschafts- und Geldpolitiken und deren Umsetzung in akzeptable Pro- gramme zur Konjunkturbelebung und der Hilfe für die Ent- wicklungsländer geht.

Ratschläge des Fed-Vettern

 Robert Heller gehörte zur jungen deutschen Elite, die gleich nach dem verlorenen Krieg ihrer Väter nach Amerika gegan- gen ist, um dort zu studieren und sich nach Möglichkeit nach oben durchzuboxen. Bob Heller hat dies großartig geschafft. Er machte Karriere bis ins Allerheiligste der ame- rikanischen   Geldpolitik.   Heller   wurde   Gouverneur   des „Fed“ Federal Reserve Board, Washington, ein Traumjob, wenn auch nicht übermäßig traumhaft bezahlt. Heller konnte ich für ein „Frankfurter Sonntags-Gespräch“ im Hessischen Rundfunk gewinnen. Da erzählte der Amerika- ner aus Köln, welchen Ansatz Deutschland für eine umfas- sende Wirtschaftsbelebung finden müsse. Er war seines Erfolges von Anfang an sicher, witzelte er doch: „Dieses Frankfurter Gespräch wird die Hessen vom Kirchgang am Sonntagmorgen abhalten.“ Es war ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar gewesen, wie sehr er durch seine Ausführun- gen die Funktionäre des deutschen Einzelhandels – Arbeit- geber und Gewerkschaften gleichermaßen – um die feiertäg- liche Frühschoppenruhe bringen würde.

Heller forderte die Deutschen auf, auch Samstag- und Sonntagnachmittag die Läden offenzuhalten. Er ging dabei von der Annahme aus, dass längere Einkaufszeiten auch bes- sere Umsätze bringen, den Konsum in der Bundesrepublik anheizen würden. Hellers Interesse an steigenden Konsum- ausgaben hierzulande hat seinen Grund nicht etwa in deut- schen Einzelhandelsbeteiligungen des amerikanischen Notenbank-Gouverneurs, sondern in einer gewissen welt- wirtschaftlichen Sorge. Hellers Gedankenkette ist diese: Wenn die Bundesbürger mehr kaufen, wird auch mehr importiert. Steigen aber die deutschen Importe, werden in der Tendenz die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte, also die deutschen Handelsüberschüsse und die Defizite der USA und der Entwicklungsländer abgebaut. Das generiert Wachstumsimpulse.

Das Anliegen Hellers ist nicht verkehrt. Die gesündesten Handels- und Leistungsbilanzen sind die ausgeglichenen. Heller hat in dem Gespräch mehrfach betont, dass er in die internen deutschen Angelegenheiten nicht hineinreden wolle. Es gehe ihm ausschließlich um weltwirtschaftliche Anliegen. Dennoch hat der Fed-Vetter aus Washington die Deutschen auf dem falschen Fuß erwischt, sie an einem der wundesten Punkte in der hierzulande sonst so liberal geführ- ten wirtschaftspolitischen Diskussion getroffen. „Mit Kano- nen auf Spatzen geschossen,“ so bewertete der Sprecher der Deutschen Angestellten Gewerkschaft, Werner Klimm, in einer Stellungnahme die Argumentation von Heller. „Hier  ist das Ladenschlussgesetz ganz sicher die falsche Waffe,“ Klimm wörtlich.

Heller hat offenbar die Spatzen ganz schön aufgescheucht. Seine Äußerungen platzten auch gerade zu dem Zeitpunkt herein, als das Frankfurter Oberlandesgericht den Einzel- händlern am Frankfurter Flughafen unter Androhung von Geldstrafen bis zu einer halben Million verboten hat, außer- halb der offiziellen Ladenschlusszeiten an Nichtreisende, also an ganz normale Bürger, ihre Waren zu verkaufen. Die Auseinandersetzungen haben viel weiter reichende Bedeu- tung. Ob mit Gerichtsurteilen oder nur in den sogenannten Diskussionen auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene wird seit Jahren das Begehren der Verbraucher nach länge- ren Ladenöffnungszeiten abgewürgt. Dahinter stehen immer die Gewerkschaften aber auch die Einzelhandelsverbände, die oftmals die Sonderinteressen von Kaufhäusern vertreten. In Bonn denkt man jetzt wenigstens über die Einführung eines Dienstleistungsabends in der Woche nach. In Ham- burg haben die Koalitionsparteien vereinbart, dass Läden und Kaufhäuser bis zu viermal im Jahr ihr Pforten über die normale Ladenschlusszeit (18.30 Uhr) offen halten können. – Wenigstens etwas. Es ist aber noch manches faul in diesem Staat.