Ernst & Young: Deutsche Autokonzerne verlieren an Schwung – japanische Konkurrenz zieht vorbei
Frankfurt/Main (21.8.18) – Für die drei deutschen Autokonzerne lief es im abgelaufenen Quartal insgesamt nicht rund: Das Absatzwachstum verlangsamte sich gegenüber dem ersten Quartal von sechs auf vier Prozent, das Umsatzwachstum sank von 1,7 auf 0,6 Prozent und der operative Gewinn der drei Konzerne schrumpfte insgesamt um 17 Prozent, nachdem er im ersten Quartal nur um sechs Prozent zurückgegangen war.
Die Gründe für die schwächere Entwicklung waren zum einen negative Währungseffekte, die zu Umsatzausfällen von 3,8 Milliarden Euro führten. Vor allem drückten Sondereffekte auf den Gewinn: So kostete die Dieselkrise – insbesondere das Bußgeld der Staatsanwaltschaft Braunschweig – den Volkswagenkonzern 1,6 Milliarden Euro, und bei Daimler reduzierte die Beilegung des Toll-Collect-Rechtsstreits den Gewinn um gut 400 Millionen Euro. Und schließlich führt der amerikanisch-chinesische Handelskonflikt zu Turbulenzen und spürbaren Einbußen: So sorgten die erhöhten Einfuhrtarife für US-Fahrzeuge in den chinesischen Markt für Absatzrückgänge. Zudem führte die Entscheidung der chinesischen Regierung, die Importzölle für Pkw ab Juli von 25 auf 15 Prozent zu verringern, dazu, dass potenzielle Käufer ihre Kaufentscheidung vertagten oder Preisabschläge forderten – mit entsprechenden Folgen für Absatz und Marge im Reich der Mitte.
Obendrein geben die Unternehmen bei den Investitionen weiter kräftig Gas: Die F&E-Ausgaben kletterten um sechs Prozent auf sieben Milliarden Euro, nachdem sie bereits im ersten Quartal um vier Prozent gestiegen waren.
Besser als die deutschen Konzerne entwickelten sich im zweiten Quartal vor allem die japanischen Wettbewerber, die ihren Gewinn insgesamt um elf Prozent steigern konnten, sowie die beiden französischen Autobauer, die zusammen sogar auf ein EBIT-Wachstum von 28 Prozent kamen. Deutlich schwächer als für die drei deutschen Konzerne verlief das zweite Quartal hingegen für die US-Konzerne General Motors, Ford und FCA, deren Gesamtgewinn um knapp ein Drittel einbrach.
Immerhin: Volkswagen konnte auch im zweiten Quartal die Position als Umsatz- und Absatzweltmeister verteidigen. Bei der Marge schob sich hingegen diesmal Suzuki vor BMW und sicherte sich die Position als margenstärkster Autokonzern. Beim Gewinn lag Toyota vorn.
Das sind Ergebnisse einer Analyse der Finanzkennzahlen der 16 größten Autokonzerne der Welt, die die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) quartalsweise erstellt.
„In der ersten Jahreshälfte gab es kräftigen Gegenwind für die deutschen Autokonzerne, der auch in der zweiten Jahreshälfte anhalten dürfte“, beobachtet Peter Fuß, Partner bei EY. „Zum einen kosten die Nachwehen der Dieselkrise weiter Milliarden. Zum anderen führen Währungseffekte zu hohen Einbußen bei Umsatz und Gewinn, und auch die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China drücken kräftig auf die Gewinne.“
Aufgrund ihres anders aufgestellten Produktionsnetzwerks und anderer Schwerpunktmärkte blieben die japanischen und französischen Wettbewerber von derartigen Schwierigkeiten weitgehend verschont und konnten kräftige Zuwächse bei Umsatz, Gewinn und Marge verbuchen. Daher wird das Ranking der margenstärksten Autokonzerne der Welt nun auch nicht mehr von deutschen sondern von einem japanischen Konzern angeführt. So belegt BMW im Margen-Ranking mit 11,4 Prozent (auf Konzernebene) nur noch den zweiten Platz und musste Suzuki (11,8 Prozent) vorbeiziehen lassen. Daimler rutschte vom dritten auf den sechsten Rang, Volkswagen vom vierten auf den siebten Rang.
„Die Zahlen zum zweiten Quartal sehen für die deutschen Autokonzerne auf den ersten Blick insgesamt relativ schwach aus“, sagt Fuß. „Allerdings handelt es sich hier um eine Momentaufnahme – zumal zum Teil Einmaleffekte die Ergebnisse zusätzlich belasteten. Die operative Situation ist insgesamt so gut, dass auch ein vermutlich ebenfalls schwieriges zweites Halbjahr gut überstanden werden kann.“ Denn kurzfristig wird es nach Fuß‘ Einschätzung turbulent bleiben: „Zum einen drohen aufgrund der Umstellung auf den WLTP Prüfzyklus teilweise kräftige Einbußen bei Absatz, Umsatz und Gewinn. Zum anderen ist der Handelskonflikt zwischen den USA und Europa nur auf Eis gelegt und nicht beigelegt.“
Ausblick: Schwieriges zweites Halbjahr zu erwarten
Im zweiten Halbjahr könnte es auf den weltweiten Automobilmärkten erneut zu größeren Ausschlägen kommen, erwartet Fuß: „Die weltweite Konjunkturentwicklung ist zwar noch immer gut. Aber wenn der amerikanisch-chinesische Handelskrieg weiter eskaliert, könnte das auf die Konjunkturentwicklung und den Pkw-Absatz in beiden Ländern durchschlagen.“
Bei einigen Unternehmen wird es aufgrund der WLTP-Umstellung zudem zu Engpässen bei der Verfügbarkeit von Fahrzeugen kommen: „Nach einem Absatzwachstum im ersten Halbjahr bestehen für das zweite Halbjahr erhebliche Risiken, die allerdings eher von der mangelnden Verfügbarkeit der Fahrzeuge als von einer sinkenden Nachfrage der Kunden ausgehen.“
„2018 wird sicher kein Rekordjahr“, erwartet Fuß, „sondern eher ein Jahr des Übergangs, gekennzeichnet durch die weitere Abarbeitung der Dieselkrise, handelspolitische Konflikte und entsprechende Herausforderungen für die Lieferketten der Unternehmen. Gleichzeitig heißt es, jetzt nicht nachzulassen bei der Vorbereitung auf den anstehenden technologischen Wandel.“
Investitionen werden steigen und die Gewinne belasten
„Wir werden in den kommenden Jahren weiter steigende Investitionen in die Digitalstrategie, in Elektromobilität und autonomes Fahren sehen – ohne dass dies direkt zu steigenden Umsätzen führen wird. Die Zukunftsinvestitionen müssen aus dem Cash-Flow bezahlt werden, den das traditionelle Geschäft generiert – daher dürften die goldenen Jahre beim Gewinn vorerst vorbei sein“, erwartet Fuß. Im ersten Halbjahr haben die drei deutschen Konzerne zusammen 14 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung ausgegeben.
Angesichts der bevorstehenden Neuordnung der Branche seien die deutschen Konzerne gut beraten, hier weiter aufs Gas zu drücken, so Fuß: „Technologieführerschaft wird in den kommenden Jahren über Wohl und Wehe der Konzerne entscheiden – denn nur Unternehmen mit zukunftsfähigen Produkten werden den bevorstehenden Ausleseprozess überstehen. Wir werden im kommenden Jahrzehnt dramatische Veränderungen am Markt sehen, angetrieben von den Megatrends Elektrifizierung, Vernetzung und autonomes Fahren. Wer hier tonangebend sein will, muss hohe Summen in die Hand nehmen und die Bereitschaft mitbringen, auch ungewöhnliche Partnerschaften einzugehen.“
So haben die deutschen Autokonzerne allein im ersten Halbjahr zehn Zukäufe und Unternehmensbeteiligungen getätigt – so viele wie im gesamten Vorjahr. Darunter waren Start-ups, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen, Produzenten von Feststoffbatterien wie auch Anbieter von Park-Apps und anderen Mobilitätsdiensten.
„In derart volatilen Zeiten muss die Devise der Unternehmen heißen: Schlanker werden – sowohl bei internen Prozessen als auch bei der Modellvielfalt. Gleichzeitig allerdings müssen sich die Unternehmen hinsichtlich ihrer Geschäftsmodelle breiter aufstellen und den Wandel zum Mobilitätsdienstleister aktiv in die Wege leiten.“
EY im Überblick
EY* ist eine der großen deutschen Prüfungs- und Beratungsorganisationen. In der Steuerberatung ist EY deutscher Marktführer. EY beschäftigt rund 10.000 Mitarbeiter an 21 Standorten und erzielte im Geschäftsjahr 2016/2017 einen Umsatz von rund 1,8 Milliarden Euro. Gemeinsam mit den 248.000 Mitarbeitern der internationalen EY-Organisation betreut EY Mandanten überall auf der Welt.
EY bietet sowohl großen als auch mittelständischen Unternehmen ein umfangreiches Portfolio von Dienstleistungen an: Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Rechtsberatung, Transaktionsberatung, Advisory Services und Immobilienberatung.

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