Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer: „2019 erfolgt keine Zinserhöhung durch die EZB“ – Harter Brexit hätte „brutale“ Folgen, zumindest vorübergehend

Frankfurt/Main (30.11.18)/PK – Die Europäische Zentralbank wird im nächsten Jahr die Leitzinsen unverändert lassen und vermutlich erst im März 2020 leicht erhöhen. – Käme es zu einem „harten“ Brexit, wären die Folgen für Groß-Britannien und die EU „brutal“. Vorübergehend jedenfalls. – Und: der Dax dürfte Ende nächsten Jahres bei 12.500 Punkten, also etwa zehn Prozent höher als derzeit stehen. – Mit diesen Vorhersagen der wirtschaftlichen Entwicklung für 2019 reiht sich Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, in die Prognosen anderer Banken ein, weicht bestenfalls in Nuacen von ihnen ab. Wie etwa beim Dax, den die Volkswirte der Deutschen Bank Ende nächsten Jahres bei 12.300 Punkten sehen und damit auf dem Niveau, auf das auch der Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer tippt.

Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank – Foto:PK

Sorgen bereitet ihm ein drohender „harter“, also weitestgehend ungeregelter Brexit. In diesem Fall dürften die konjunkturellen Folgen im Frühjahr nächsten Jahres „brutal“ sein. Für Groß-Britannien gleichermaßen wie für die Rest-EU. Die „brutalen“ Folgen eines „harten“ Brexit wären Jörg Krämer zufolge freilich nur vorübergehend zu spüren. Nachhaltigeren und damit größeren Schaden – vor allem für Deutschland – befürchtet Krämer, sollte der Streit um Autozölle zwischen den USA und der EU ausufern. Ansonsten verbreitet Jörg Krämer allerdings verhaltenen Optimismus.

Die weltweit rückläufigen Konjunkturindikatoren seien kein Vorbote eines gefährlichen Wirtschaftsabschwungs. Dies sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer am Freitag in Frankfurt. „Was wir hier sehen, ist eine bloße Wachstumsverlangsamung“, so Krämer.

So habe die US-Konjunktur in diesem Jahr einen starken Schub durch die Senkung der Steuern und die Erhöhung der Staatsausgaben erhalten, der im kommenden Jahr ausbleibe. Zudem werde das Wirtschaftswachstum durch die Geldpolitik der US-Notenbank gedrückt, die den Leitzins seit Ende 2015 bereits acht Mal angehoben hat und nächstes Jahr laut den Commerzbank-Analysten – nach einem weiteren Zinsschritt im Dezember – zwei weitere Mal anheben wird. Der Leitzins läge dann bei 3,00%. Die Volkswirte der Bank gehen davon aus, dass das Wachstum der US-Wirtschaft im kommenden Jahr auf 2,5% zurückgehen wird.

Im Euroraum schwächelt die vom Außenhandel abhängige Industrie. Dies liege laut Krämer vor allem an den Exporten nach China, die mittlerweile kaum noch wachsen. „Wie es mit dem Wachstum im Euroraum weitergeht, hängt vor allem von China ab“, resümiert Krämer. Er geht allerdings davon aus, dass es der chinesischen Regierung gelingen wird, die Binnennachfrage anzufachen und die heimische Wirtschaft so zu stabilisieren. Dann sollte sich auch der Aufschwung im Euroraum fortsetzen, für den die Commerzbank-Volkswirte 2019 ein Wachstum von 1,4% erwarten.

Die Haushaltskrise in Italien stelle dabei ein Abwärtsrisiko dar. Krämer glaubt allerdings nicht, dass der Konflikt eskaliert. „Italien wird den Haushaltsstreit bis zu den Europawahlen im kommenden Mai fortsetzen“, meint Krämer. „Nach den Europawahlen wird Italien moderatere Töne anschlagen und damit die Tür für einen Formelkompromiss öffnen.“ Auch der Brexit stelle weiterhin einen Unsicherheitsfaktor dar. „Leider hat die EU dem Brexit-Abkommen ihren Stempel so deutlich aufgedrückt, dass eine Zustimmung des britischen Parlaments fraglich ist“, so Krämer.

Diese Faktoren sowie die weiterhin nicht in Fahrt kommende Kerninflation bleiben nicht ohne Eindruck auf die Europäische Zentralbank. Die Notenbank wird nach Einschätzung der Commerzbank-Experten ihren Leitzins nicht schon 2019 anheben, sondern erst im März 2020 – ohne damit einen Zinserhöhungszyklus einzuleiten. „Eine wirkliche Wende der Geldpolitik ist im Euroraum weiterhin nicht in Sicht“, so Krämer. Wenn die Konjunkturindikatoren im Frühjahr ihre Talfahrt beenden und sich die italienische Regierung nach der Europawahl kompromissbereiter zeigt, sollte sich aber zumindest der DAX wieder erholen.