Bankhaus Metzler: Boom für Erneuerbare Energien steht in Kürze bevor

Frankfurt/Main (18.6.19) – Bis 2050 will Deutschland weitestgehend ohne CO2-Emissionen auskommen. Die Stromproduktion aus Kohle, im Moment noch für knapp 40 % der Stromerzeugung zuständig, soll deshalb bis 2038 in drei Etappenzielen auf null zurückgefahren werden. „Um die Versorgung auch in Zukunft sicherzustel-len, muss die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien massiv ausgebaut werden,“ so Guido Hoymann, Analyst für Versorgerwerte bei Metzler Capital Markets. Der vollständige Ausstieg aus der Kernenergie bis zum Jahr 2022 unterstreiche die Dringlichkeit, noch stärker als bislang auf Erneuer-bare Energien zu setzen. Hoymann erwartet, dass bereits 2020 Erneuerbare Energien rund 50 % des Strombedarfs in Deutschland decken werden; für 2030 rechnet er mit einem Anteil von rund zwei Dritteln. 2038 dürften dann im Schnitt 77 % des in Deutschland benötigten Stroms aus erneuerbaren Quellen kommen, die restlichen 23 % aus Gaskraftwerken. Für die Grundversorgung mit Strom wer-den Gaskraftwerke weiterhin unerlässlich sein. Denn die gesicherte Leistung Erneuerbarer Energien, also die dauerhafte und zuverlässige Bereitstellung von Strom, sei äußerst gering. Mit dem Ausbau der emissionsfreien Technologien zur Stromerzeugung werde Deutschland daher zunehmend auf Gas-kraftwerke setzen müssen.

Das werde sich auf den Strompreis auswirken, der bestimmt sei durch die Grenzkosten des noch be-nötigten teuersten Kraftwerks. Bislang waren das zumeist die relativ billigen Kohlekraftwerke, künftig werden es immer häufiger Gaskraftwerke sein. Verschärfend komme hinzu, dass auch der Preis für CO2-Zertifikalte steigen dürfte. Mit Beginn der vierten Phase des EU-Emissionshandels ab 2021 werde die Zahl der CO2-Zertifikate von heute 1,9 Mrd. auf 1,3 Mrd. im Jahr 2030 schrumpfen. Außerdem werde der Überschuss ungenutzter Zertifikate von aktuell 1,7 Mrd. bis 2022 auf 800 Mio. reduziert. Hoymann erwartet daher einen Anstieg des Strompreises von heute rund 47 EUR pro Megawatt-stunde in Richtung 55 EUR in den kommenden Jahren.
Stetige Effizienzgewinne wie auch die steigenden Preise für konventionellen Strom lassen Hoymann erwarten, dass Onshore-Windkraftanlagen und Solaranlagen schon 2020 Netzparität erreichen. Das heißt: Erneuerbare Energien sind dann auch ohne Subventionen wettbewerbsfähig. Der Ausbau Er-neuerbarer Energien erfordere zudem verstärktes Investieren in Technologien zur Stromspeicherung und in den Ausbau der Stromnetze, um die Stromversorgung kontinuierlich sicherzustellen. Laut Netz-agentur müsse das Übertragungsnetz um 7.700 km ausgebaut werden, von denen bislang lediglich 1.800 km genehmigt seien.
Gute Perspektiven für RWE, EON, Nordex, Uniper, Energiekontor und SMA Solar Bei RWE mache die Stromgewinnung aus fossilen Brennstoffen bislang noch den Löwenanteil des Geschäfts aus. Doch die hohen Kompensationszahlungen beim Ausstieg aus der Kohle, eine relativ lange Ausstiegsphase sowie die Strompreisentwicklung sollten dazu führen, dass der Marktwert des Geschäfts mit konventioneller Stromerzeugung ins Positive dreht.

Bei der Übernahme des Geschäfts mit Erneuerbaren Energien von EON und Innogy habe RWE ein gutes Timing bewiesen. Hoymann geht davon aus, dass bis 2020 zwei Drittel der Erträge aus der Stromgewinnung mit Wind und Sonne stammen. Die starke Bilanz erlaube überdies weiteres Wachstum und eine Steigerung der Dividende.

EON hat im Rahmen der geplanten Übernahme von Innogy sein Geschäft mit Erneuerbaren Energien
an RWE abgegeben – nach Meinung Hoymanns ein wichtiger Schritt, um die Komplexität des EONGeschäfts
zu reduzieren. Damit könne das Unternehmen seine finanziellen Kapazitäten auf nur noch
zwei Geschäftsbereiche konzentrieren: auf das Vertriebs- und auf das Netzgeschäft. Beides soll mit
den entsprechenden Aktivitäten von Innogy kombiniert werden. EON selbst peile Synergieeffekte von
600 bis 800 Mio. EUR an – auch das mache die Transaktion aus Investorensicht attraktiv. „Mit der EMobilität
beispielsweise muss auch das Stromnetz in Deutschland erweitert werden. Das eröffnet
EON gute Wachstumsperspektiven“, so der Metzler-Analyst. Zudem erwartet er eine kontinuierliche
Steigerung der Dividende.
Uniper habe dank der großen Menge an verkauftem Strom aus Wasser und Atomkraft beste Voraussetzungen,
um am steigenden Strompreis zu partizipieren – ohne Kostenbelastung durch CO2-Zertifikate.
Mit dem Ausstieg aus der Kohle dürfte ferner die Nachfrage nach Unipers bislang nicht ausgelasteten
Gaskraftwerken steigen. Des Weiteren könnten sich Anleger über die ambitionierte Dividendenpolitik
des Unternehmens freuen: Für 2020 avisiere Uniper eine Dividendenrendite von fast 6 %.
Nordex zählt zu den drei weltweit größten Herstellern von Windkraftanlagen außerhalb Chinas. Nach
deutlichen Marktanteilsverlusten 2017 – hauptsächlich wegen der Schwäche des für Nordex damals
größten Marktes Deutschland – habe das Unternehmen seit 2018 erhebliche Marktanteile hinzugewonnen,
insbesondere über die Grenzen des Heimatmarktes hinaus. Die globalen Forderungen nach
einer Reduzierung des CO2-Ausstoßes und die Netzparität von Windenergie dürften für eine gute Auftragslage
sorgen. Nordex will den Umsatz 2019 deutlich steigern und die Gewinnmargen verbessern –
basierend auf einer weiteren Optimierung der Lieferkette, einem besseren Produktmix und einer höheren
Kapazitätsauslastung. Die Bewertung der Nordex-Aktie hält Hoymann aktuell für attraktiv.
Für SMA Solar, Hersteller von Wechselrichtern für Photovoltaikanlagen, ist Hoymann zuversichtlich,
dass die Unternehmensziele für 2019 erreicht werden. Der globale Markt für Photovoltaikanlagen
dürfte mittelfristig stark wachsen, sodass nach jahrelangem Preisverfall in diesem Jahr mit einer Preisstabilisierung,
vielleicht sogar mit einem Anstieg zu rechnen sei. Das sollte SMA als weltweitem
Marktführer der Branche in die Hände spielen. Schon in der Vergangenheit sei es dem Unternehmen
immer wieder gelungen, bei guter Nachfrage adäquate Margen zu erzielen – auch durch intelligentes
Kostenmanagement.
Energiekontor, Entwickler und Betreiber von Wind- und Solarparks, baue auf fast 30 Jahre Erfahrung
und habe damit sehr gute Voraussetzungen, um von der geplanten Reduzierung des CO2-Ausstoßes
und vom steigenden Strombedarf zu profitieren. Besonders die Ankündigung der Bundesregierung
Anfang 2019, den aus Windenergie gewonnenen Strom in den nächsten drei Jahren um rund 40 % zu
steigern, dürfte Energiekontor einen starken Zuwachs der Auftragseingänge bescheren. Der geplante
Ausbau der Internationalisierung des Geschäfts sollte das Wachstum noch beschleunigen. Ebenfalls
bemerkenswert: Energiekontor habe bereits bilaterale (Öko-)Stromlieferverträge (sogenannte PPAs)
mit Firmenkunden abgeschlossen – vor allem in Schottland, zuletzt aber auch in Deutschland. Die vertraglich
vereinbarten Stromlieferungen kommen schon heute ohne staatliche Subventionen aus.