EZB und ESRB: Wie der Klimawandel den Finanzsektor trifft

Frankfurt/Main (5.7.21) – Die Europäische Zentralbank (EZB) und der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (ESRB) haben heute einen gemeinsamen Bericht veröffentlicht. Darin wird eine größere Zahl an Faktoren genauer untersucht, die den Klimawandel begünstigen, und der Frage nachgegangen, wie sich diese Faktoren auf Millionen Unternehmen weltweit und Tausende Finanzunternehmen in der Europäischen Union (EU) auswirken. In dem Bericht werden die erwarteten Risiken für die Finanzstabilität skizziert. Zudem wird die analytische Basis für gezieltere und effektivere politische Maßnahmen weiterentwickelt. Der Bericht befasst sich mit Messlücken und liefert – gestützt auf frühere Arbeiten zu diesem Thema – eine detaillierte Topologie der physischen Risiken und der Transitionsrisiken, die sich in den
verschiedenen Regionen, Sektoren und Unternehmen durch den Klimawandel ergeben. Zudem wird mit Blick auf die finanziellen Risiken eine Szenarioanalyse mit weit in die Zukunft reichenden Zeithorizonten durchgeführt, um zu erwartende finanzielle Verluste zu erfassen, die je nach Zeitpunkt und Wirksamkeit der klimapolitischen Maßnahmen und je nach Einsatz entsprechender Technologien entstehen können.


Christine Lagarde, Präsidentin der EZB und Vorsitzende des ESRB, sagte, die Ergebnisse belegten,
dass klimapolitische Maßnahmen und ein wirtschaftlicher Wandel unerlässlich und dringend
erforderlich seien. Damit würden nicht nur die Ziele des Pariser Klimaabkommens erfüllt, sondern auf
lange Sicht auch die Schädigung der Wirtschaft, der Unternehmen und der menschlichen
Existenzgrundlage eingedämmt.
In dem Bericht werden finanzielle Engagements auf granularer Ebene denjenigen Faktoren
zugeordnet, die den Klimawandel begünstigen. Dabei zeigen sich drei Formen der
Risikokonzentration. Erstens konzentriert sich die Anfälligkeit für physische Klimarisiken auf der
regionalen Ebene. Der Analyse zufolge werden Flussüberschwemmungen in der EU in den
kommenden zwei Jahrzehnten der weitverbreitete Risikofaktor mit der größten wirtschaftlichen
Relevanz sein. In einigen Regionen kommt eine starke Anfälligkeit für Flächenbrände, Hitze und Dürre
hinzu. Im Euro-Währungsgebiet entfallen rund 30 % aller Kreditforderungen von Banken gegenüber
nichtfinanziellen Unternehmen auf Firmen, die mehreren dieser physischen Risiken ausgesetzt sind.
Zweitens konzentrieren sich Kreditforderungen gegenüber emissionsintensiven Unternehmen nicht
nur auf einzelne Wirtschaftssektoren, sondern auch innerhalb der Sektoren selbst. So machen
Forderungen an Unternehmen mit hohen Treibhausgasemissionen 14 % der gesamten Bilanz des
Bankensektors im Euroraum aus. Zwar betreffen sie hauptsächlich das verarbeitende Gewerbe, den
Elektrizitätssektor sowie die Transport- und Baubranche, doch schwanken sie auch innerhalb der
Sektoren recht stark. Folglich könnte es zu Neubewertungen an den Finanzmärkten kommen, wenn
sich der große Abstand zwischen den Emissionsintensitäten verkleinert.
Drittens konzentriert sich die Anfälligkeit für Klimarisiken bei bestimmten Finanzintermediären in
Europa. Rund 70 % der Kreditforderungen des Bankensystems gegenüber Firmen, die in den
kommenden Jahrzehnten einem hohen oder steigenden physischen Risiko unterliegen, befinden sich
im Portfolio von gerade einmal 25 Banken. Gleichzeitig dürften insbesondere Investmentfonds
Neubewertungen am Finanzmarkt ausgesetzt sein, die aus Transitionsrisiken entstehen können, denn
über 55 % der Investitionen stehen in Zusammenhang mit emissionsintensiven Unternehmen.
Hingegen entsprechen Schätzungen zufolge lediglich 1 % der von Investmentfonds gehaltenen
Vermögenswerte der EU-weiten Klassifizierung für nachhaltige Anlagen („EU-Taxonomie“). Bei
Versicherungsunternehmen, die klimasensitive Anlagen in Form von Direktbeteiligungen halten, dürfte die Gefahr überschaubar sein. Bei den Investmentfonds könnten sich die Risiken jedoch
multiplizieren, da sie zu rund 30 % Instrumente anderer Investmentfonds halten.
Die langfristige Szenarioanalyse für Banken, Versicherer und Investmentfonds in der EU lässt den
Schluss zu, dass Kredit- und Marktrisiken zunehmen könnten, wenn es nicht gelingt, die
Erderwärmung wirksam einzudämmen. Dem prognostizierten Szenario zufolge, in dem modelliert
wird, was passieren würde, wenn der Übergang zu einer emissionsarmen Wirtschaft ungeordnet
verliefe, dürften Verluste aufgrund von physischen Risiken in etwa 15 Jahren im Vordergrund stehen.
Davon besonders betroffen sind Unternehmen mit hohen Emissionen. In der Folge könnte das
weltweite BIP bis Ende des Jahrhunderts um bis zu 20 % schrumpfen, sollten sich die
Gegenmaßnahmen als unzureichend oder unwirksam erweisen.
Auch wenn die Arbeiten zur genaueren Messung und Modellierung von Klimarisiken fortgeführt
werden, liefert der Bericht bereits wertvolle Ergebnisse, die in der Klimadebatte, die sowohl im
öffentlichen als auch im privaten Sektor auf immer breiterer Front geführt wird, von Nutzen sein
dürften.