Ernst & Young EY: Keine Trendwende auf dem deutschen Neuwagenmarkt
Stuttgart (3.6.22) – Die wichtigsten Entwicklungen auf dem deutschen Neuwagenmarkt im Mai 2022: Im Mai lagen die Pkw-Neuzulassungen zwar erneut deutlich – um 10 Prozent – unter dem Vorjahresniveau, im April hatte der Rückstand gegenüber dem Vorjahresmonat aber noch bei 22 Prozent gelegen. Das Minus wird also kleiner. Was auf den ersten Blick wie eine leichte Verbesserung der Situation aussieht, entpuppt sich allerdings bei genauerer Analyse keineswegs als echte Trendwende, sondern ist den unterschiedlichen Vorjahresniveaus geschuldet. Denn nach wie vor liegen die Neuzulassungen erheblich unter dem Vorkrisenniveau von 2019: Im Mai um 38 Prozent, im April um 42 Prozent.
- Mit etwa 207.000 neu zugelassenen Pkw wurde im vergangenen Monat das zweitniedrigste Absatzniveau seit der deutschen Wiedervereinigung erzielt – bezogen auf den Monat Mai. Noch niedriger war die Zahl der Neuzulassungen in Deutschland nur im Mai 2020, als ein flächendeckender Lockdown zu einem massiven Einbruch auf dem Neuwagenmarkt führte.
- In anderen wichtigen europäischen Märkten entwickelten sich die Neuzulassungen im Mai ähnlich wie in Deutschland: Frankreich, Spanien und die Schweiz verzeichneten Rückgänge um etwa ein Zehntel. In Italien betrugen die Einbußen 15 Prozent, in Österreich sogar 24 Prozent. In allen Märkten ist das Vorkrisenniveau in weiter Ferne, und ebenfalls in allen Märkten lagen die Neuzulassungen mindestens um ein Drittel niedriger als im Vorkrisenjahr 2019.
- „Die Autoindustrie steckt nach wie vor mitten in der tiefsten Produktionskrise ihrer Nachkriegsgeschichte. Die erhoffte Trendwende lässt weiter auf sich warten. Zwar lassen sich einige Lieferkettenprobleme – wie etwa fehlende Kabelbäume aus der Ukraine – in den Griff bekommen. Die Auswirkungen neuer Herausforderungen – vor allem der Lockdowns in China – erreichen Europa aber erst mit zeitlicher Verzögerung und werden zu neuen Beeinträchtigungen führen“, sagt Peter Fuß, Partner bei EY. „Fest steht: Der Chipmangel und Lieferprobleme bei Rohstoffen und Zulieferteilen werden auch in der zweiten Jahreshälfte ganz oben auf der Agenda der Branche bleiben. Weitere Preissteigerungen und sehr lange Lieferzeiten sind die Folgen.“
- Absatz elektrifizierter Neuwagen rückläufig: Die Neuzulassungen reiner Elektroautos sind im Mai um 8,9 Prozent gestiegen, nachdem sie im Vormonat noch gesunken waren. Der Marktanteil reiner Elektroautos kletterte von 11,6 auf 14,1 Prozent. Bei Plug-in-Hybriden wurde hingegen gegenüber dem Vorjahr ein deutlicher Rückgang um knapp 15 Prozent verzeichnet, der Marktanteil sank von 11,8 auf 11,2 Prozent. „Auch im Elektrosegment ist die Chipkrise angekommen – die Produktion von Elektroautos ist wegen fehlender Teile eingeschränkt, bei Plug-in-Hybriden zeigen sich schon länger deutliche Bremsspuren. Plug-in-Hybride erfreuten sich lang gerade aufgrund der steuerlichen Vergünstigungen und der Umweltprämie großer Beliebtheit. Inzwischen ist absehbar, dass diese Förderung mindestens deutlich reduziert wird. Es bleibt abzuwarten, wie beliebt diese Fahrzeuge nach dem möglichen Auslaufen der Förderung noch sind“, sagt Fuß. In Summe sanken die Neuzulassungen elektrifizierter Neuwagen um 3 Prozent, der gemeinsame Marktanteil stieg hingegen von 23,4 auf 25,3 Prozent.
- „Das Elektrosegment legt nach einem jahrelangen Boom nun eine Verschnaufpause ein. Gleichzeitig bringen die Autohersteller immer mehr attraktive Modelle auf den Markt, zudem führen die hohen Spritpreise zu einem noch größeren Interesse gerade an Elektroautos. Es könnten daher deutlich mehr Elektroautos verkauft werden, wenn die Hersteller lieferfähig wären.“
- Im Mai lag die Zahl der elektrifizierten Neuwagen (Elektroautos und Plug-in-Hybride) einmal mehr deutlich über der Zahl der neu zugelassenen Diesel-Fahrzeuge. Der Diesel-Marktanteil schrumpfte von 22 auf 20 Prozent, während etwa jeder vierte neu zugelassenen Pkw per Stecker geladen werden kann.
- Eine Prognose für den Pkw-Absatz in Deutschland im Jahr 2022 sei nach wie vor sehr schwierig, sagt Fuß. Es spreche aber einiges dafür, dass die Neuzulassungen im Gesamtjahr etwa um ein Drittel niedriger als vor der Krise lägen. Das würde einem Rückgang um etwa zehn Prozent gegenüber dem bereits sehr schwachen Jahr 2021 entsprechen. „Die Branche kämpft mit zahlreichen Krisen – und zunehmend auch noch mit einer gestiegenen konjunkturellen Unsicherheit. Daher besteht zumindest im laufenden Jahr wenig Hoffnung auf eine echte Trendwende. Die Hersteller können dem zumindest teilweise mit Preiserhöhungen und dem Fokus auf margenstarke Premium-Fahrzeuge begegnen. Für viele Zulieferer wird es aber sehr eng“, sagt Fuß.

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