Ernst & Young EY: EU-Neuwagenmarkt sinkt auf Rekordtief

Frankfurt/Maiin (15.7.22) – Der Abwärtstrend auf dem europäischen Neuwagenmarkt hält an: Im Juni sanken die Pkw-Neuzulassungen in der EU im Vergleich zum Vorjahresmonat um 15 Prozent, im gesamten ersten Halbjahr um 14 Prozent. Gegenüber dem Vor-Pandemieniveau (Juni 2019) ergibt sich sogar ein Rückgang um 28 Prozent. Damit hat der EU-Neuwagenmarkt den niedrigsten (Juni-)Stand seit der EU-Osterweiterung im Jahr 2014 erreicht.

Es ist weiterhin in erster Linie der Mangel an Vor- und Zwischenprodukten, der die Neuwagenproduktion massiv ausbremst, so Peter Fuß, Partner bei EY: „Wir sehen weiterhin eine Vielzahl an Versorgungsengpässen. Halbleiter und Rohstoffe sind nach wie vor knapp, was in der Produktion zu erheblichen Beeinträchtigungen führt. Die erhoffte Erholung dürfte sich auch aufgrund der strikten Lockdown-Politik in China weiter verzögern.“

Vorerst ändere sich daher wenig an der Gesamtlage, so Fuß: „Die Verfügbarkeit von Neuwagen wird beschränkt bleiben, die Neuwagenpreise bleiben hoch, die Lieferzeiten lang. Und die Hersteller werden sich weiterhin auf die Produktion hochmargiger Fahrzeuge konzentrieren.“

Fuß rechnet allerdings auch damit, dass die Nachfrage unter Druck geraten wird: „Die Konjunkturaussichten haben sich zuletzt deutlich eingetrübt, die Sorge vor einer Gasknappheit im Winter geht um – mit potenziell massiven Auswirkungen sowohl für Privatpersonen als auch die deutsche Wirtschaft. Gleichzeitig bleibt die Inflation sehr hoch – mit entsprechenden Folgen für die Kaufkraft. Die bis zuletzt noch hohe private Nachfrage dürfte sich bei einer weiteren Verschlechterung der wirtschaftlichen Aussichten in Deutschland abschwächen. Und die konjunkturelle Eintrübung wird sich wahrscheinlich auch auf die Investitionsbereitschaft der Unternehmen auswirken.“

Selbst wenn sich die Liefersituation bei Halbleitern in der zweiten Jahreshälfte leicht verbessern sollte, erscheine ein Rückgang der Neuzulassungen in der EU im Gesamtjahr um etwa zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr realistisch, so Fuß: „Der EU-Neuwagenmarkt wird 2022 einen neuen historischen Tiefstand erreichen. Und es gibt derzeit wenig Grund anzunehmen, dass es 2023 zu einer deutlichen Erholung kommt. Das Vorkrisenniveau bleibt weit entfernt.“

Elektroautos lassen Plug-in-Hybride weit hinter sich

Die Chipkrise dämpft auch den Absatz elektrifizierter Fahrzeuge: Im Juni legten die Neuzulassungen reiner Elektroautos in den größten fünf Märkten Westeuropas[1] nur noch um drei Prozent zu – nach 14 Prozent im Mai und 24 Prozent im gesamten ersten Halbjahr. In einigen Ländern – u.a. Deutschland und Italien – gingen die Elektro-Neuzulassungen sogar zurück. „Das Wachstum des Elektrosegments ist fast zum Stillstand gekommen“, beobachtet Fuß. „Wir sehen zwar ein anhaltend großes Interesse an Elektroautos, die Hersteller kommen bei der Produktion aber nicht hinterher.“

Besonders stark abgebremst wurde die Wachstumsdynamik bei Plug-in-Hybriden. Deren Absatz schrumpfte in den Top-5-Märkten im Juni um 20 Prozent – nach einem Rückgang im Mai um 13 Prozent. In keinem der Top-5-Märkte wurde noch ein Absatzplus registriert. „Plug-in-Hybride haben es derzeit auf dem Markt schwer“, sagt Fuß. „Zum einen werden Elektroautos immer besser – vor allem in Bezug auf die Reichweite. Vor allem aber ist unklar, ob und in welchem Maß Plug-in-Hybride zukünftig noch gefördert werden. Das führt zu Verunsicherung bei potenziellen Käufern.“

Der Marktanteil reiner Elektroautos kletterte im Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat in den Top-5-Märkten von 9,2 auf 11,4 Prozent. Bei Plug-in-Hybriden wurde ein leichter Rückgang von 7,9 auf 7,6 Prozent registriert. In Summe stieg der Marktanteil elektrifizierter Neuwagen in den Top-5-Märkten im Juni von 17,1 auf 19,0 Prozent.