Allianz Global Wealth Report 2022:

Katerstimmung nach jahrelanger Party 

München (12.10.22) – Die Allianz hat die dreizehnte Ausgabe ihres „Global Wealth Report“ vorgestellt, der das Geldvermögen und Verschuldung der privaten Haushalte in fast 60 Ländern analysiert. Im Rückblick dürfte 2021 das letzte Jahr des alten „New Normal“ gewesen sein, in dem die Geldpolitik für ein Kursfeuerwerk an den Börsen sorgte. Dies zahlte sich für die privaten Haushalte aus: Im dritten Jahr in Folge wuchs das globale Geldvermögen zweistellig, auf EUR 233 Billionen (+10,4%). In diesen drei Jahren erhöhte sich das private Vermögen weltweit um atemberaubende EUR 60 Billionen; dies ist so, als ob die Eurozone zweimal hinzugekommen wäre.

Drei Regionen stechen beim Wachstum des Geldvermögens heraus: Asien (ohne Japan) und Osteuropa mit einer Wachstumsrate von 11,3% bzw. 12,2% und Nordamerika mit 12,5%. Wie schon 2019 und 2020 wuchs Nordamerika, die reichste Region der Welt – mit einem Brutto-Geldvermögen pro Kopf von EUR 294.240 gegenüber dem globalen Durchschnitt von EUR 41.980 – damit in einer Geschwindigkeit, wie sie sonst nur Entwicklungsländer auszeichnet. Westeuropa (EUR 109.340) dagegen entsprach mehr dem Bild einer reichen, entwickelten Region mit einem Wachstum von 6,7%.

Hauptwachstumstreiber war der Aktienmarktboom, auf den ungefähr zwei Drittel des Zuwachses 2021 zurückgingen und der dazu führte, dass die Vermögensklasse Wertpapiere um 15,2% zulegte. Aber auch die Ersparnisse blieben auf hohem Niveau. Trotz des Rückgangs um 19% gegenüber 2020 erreichten sie EUR 4,8 Billionen und lagen damit 40% über dem Vor-Corona-Niveau von 2019. Dabei änderte sich auch ihre Zusammensetzung, wenn auch nur geringfügig. Der Anteil von Bankeinlagen ging leicht zurück, mit 63,2% blieben sie jedoch die mit Abstand populärste Vermögensklasse. Versicherungen & Pensionen sowie Wertpapiere konnten in der Gunst der Anleger gewinnen, mit 17,4% bzw. 15,5% waren ihre Anteile aber deutlich kleiner. Vor diesem Hintergrund wuchsen Bankeinlagen 2021 „nur“ um 8,6%, was aber immer noch den zweithöchsten Zuwachs darstellt (nach 12,5% im Jahr 2020). Bei Versicherungen & Pensionen war die Dynamik schwächer, sie legten um 5,7% zu.

 

Wendepunkt

2022 markiert einen Wendepunkt. Der Krieg in der Ukraine hat den Post-Corona-Aufschwung abgewürgt und die Welt auf den Kopf gestellt: Die Inflation ist außer Kontrolle, Energie und Lebensmittel sind knapp und die Verschärfung der Geldpolitik setzt Wirtschaft und Märkte unter Druck. Die Haushalte werden die Auswirkungen auch bei ihrem Vermögen spüren. Das globale Geldvermögen dürfte 2022 um mehr als 2% zurückgehen, der erste nennenswerte Vermögensverlust seit der Finanzkrise 2008. In realer Rechnung könnten die Haushalte ein Zehntel ihres Vermögens einbüßen. Im Gegensatz zur Finanzkrise, auf die eine relativ schnelle Erholung folgte, sind diesmal auch die mittelfristigen Aussichten eher trübe: In den nächsten drei Jahren bis 2025 dürfte das jährliche nominale Wachstum des Geldvermögens etwa +4,6% betragen; in den vergangenen drei Jahren lag es bei +10,4%.

„2021 bedeutet das Ende einer Ära.“, sagte Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Allianz. „Die letzten drei Jahre waren außergewöhnlich, ein wahrer Geldsegen für die meisten Sparer. Nicht nur 2022, sondern auch die kommenden Jahre werden anders sein. Die Inflationskrise stellt den sozialen Kontrakt auf die Probe. Die Politik steht vor der enormen Herausforderung, die Energiekrise zu meistern, die grüne Transformation zu sichern und Wachstum zu schaffen – während zugleich die Geldpolitik kräftig auf die Bremse tritt. Es gibt jetzt keinen Raum für Fehler mehr. Schlüssel für eine erfolgreiche Politik sind innovative und zielgerichtete Maßnahmen auf der nationalen sowie europäische Einigkeit auf der supranationalen Ebene.“

 

Die Rückkehr der Schulden

Ende 2021 erreichten die Verbindlichkeiten der Haushalte weltweit EUR 52 Billionen. Der Anstieg um 7,6% lag sowohl deutlich über dem langjährigen Mittel (+4,6%) als auch über dem des Vorjahrs (+5,5%). Das letzte Mal, dass das Schuldenwachstum noch höher lag, war 2006, noch vor der Finanzkrise. Die Schuldenquote (Verbindlichkeiten in Prozent des BIP) ist dennoch leicht zurückgegangen, auf 68,9% (2020: 70,5%), dank des kräftigen Anstiegs der nominalen Wirtschaftstätigkeit. Die regionale Zusammensetzung der Schulden hat sich seit der Finanzkrise gewandelt. Der Anteil der entwickelten Länder geht zurück – der US-Anteil, zum Beispiel, ist um 10 Prozentpunkte auf 31% gefallen – während die Bedeutung der Schwellenländer immer weiter zunimmt, vor allem die der Region Asien (ohne Japan): Ihr Anteil an den globalen Schulden hat sich mehr als verdoppelt und steht jetzt bei 27,6%. „Der kräftige Anstieg der Schulden am Vortag einer globalen Rezession ist beunruhigend.“, sagte Patricia Pelayo Romero, Ko-Autorin der Studie. „In den Schwellenländern sind die privaten Schulden im letzten Jahrzehnt durchgängig mit zweistelligen Raten gewachsen – und damit fünfmal schneller als in den entwickelten Ländern. Auch wenn die Schuldenhöhe noch moderat erscheint, ist die Gefahr einer Schuldenkrise, angesichts der strukturellen Herausforderungen dieser Länder, nicht von der Hand zu weisen.“

 

Aufgewacht

Das Brutto-Geldvermögen der deutschen Haushalte wuchs 2021 mit einer Rate von 8,5%, dem stärksten Zuwachs seit der Jahrtausendwende; es lag damit auch über dem westeuropäischen Durchschnitt (+6,7%). Der Hauptgrund für diese außergewöhnliche Entwicklung liegt in der Vermögensklasse Wertpapiere, die um sage und schreibe 20,5% zulegte. Auch wenn dies in erster Linie auf die boomenden Aktienmärkte zurückging, spielte das veränderte Sparverhalten auch eine Rolle: deutsche Sparer erwarben 2021 Aktien und Investmentfonds in Höhe von EUR 135 Milliarden, eine Steigerung um 53% gegenüber dem bereits starken Jahr 2020. Dadurch stieg der Anteil von Kapitalmarktprodukten an den frischen Spargeldern auf 35%; nur um die Jahrtausendwende, zu Zeiten des „Neuen Markt“, lag dieser Anteil noch höher. Im Gegensatz dazu fiel die Dotierung von Bankeinlagen um 31% auf EUR 147 Milliarden; letztere blieben damit aber weiterhin die beliebteste „Sparform“, wenn auch nur noch mit einem kleinen Vorsprung. Die restlichen frischen Ersparnisse (EUR 100 Milliarden, keine Veränderung gegenüber dem Vorjahr) flossen in Versicherungen & Pensionen.

Bankeinlagen und Versicherungen & Pensionen wuchsen 2021 moderat, mit Raten von 5,0% bzw. 4,0%. Die Verbindlichkeiten, auf der anderen Seite, verbuchten einen rekordhohen Zuwachs von 5,1%. Das gesamte Netto-Geldvermögen legte um 9,8% zu; pro-Kopf erreichte es EUR 69,290. Damit verharrte Deutschland auf dem 18. Platz in der Liste der 20 reichsten Länder weltweit (siehe Tabelle). Auch Deutschland wird sich dem negativen Trend nicht entziehen können: 2022 wird das Geldvermögen um über 2% zurückgehen.

 

 

Nettogeldvermögen pro Kopf, 2021

 

In Euro

J/J in %

Rang 2001

1 USA

259.780

13,2

2

2 Schweiz

237.110

7,9

1

3 Dänemark

183.610

25,3

17

4 Schweden

146.510

19,0

16

5 Taiwan

138.220

9,5

10

6 Singapur

134.150

6,8

14

7 Neuseeland

132.170

11,5

6

8 Niederlande

125.510

-2,0

7

9 Kanada

125.290

11,7

9

10 Israel

106.220

12,5

11

11 Belgien

103.700

5,1

3

12 Großbritannien

102.830

5,0

5

13 Japan

102.720

5,3

4

14 Australien

99.400

11,3

18

15 Irland

77.610

12,4

13

16 Frankreich

72.320

7,4

12

17 Italien

71.820

7,7

8

18 Deutschland

69.290

9,7

19

19 Österreich

67.930

5,8

15

20 Malta

50.330

3,7

21

 Die interaktive “Allianz Global Wealth Map” finden Sie hier: https://www.allianz.com/en/economic_research/research-data/interactive-wealth-map.html

Die Studie finden Sie hier: https://www.allianz.com/en/economic_research.html