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EZB – bald am Zinsgipfel

Frankfurt/Main (4. 5. 23) – Nach sieben Zinserhöhungen um insgesamt 375 Basispunkte gab sich Lagarde auf der heutigen Pressekonferenz entschlossen, dass der Zinserhöhungsprozess noch nicht beendet ist. Auf der anderen Seite betonte sie, dass die bisherigen Zinsschritte zu wirken beginnen. Wir erwarten weiter, dass die Zinserhöhungen im Sommer enden. Die vielen Tauben im EZB-Rat dürften am Ende die rasch sinkende Inflation als Argument nutzen, dass die noch hohe unterliegende Inflation mittelfristig ebenfalls fallen wird.

Die heutigen Entscheidungen

Wie allgemein erwartet, hat die EZB heute ihre drei Leitzinsen um jeweils 25 Basispunkte erhöht; der Einlagensatz liegt jetzt bei 3,25%. Außerdem hat sie wie erwartet entschieden, die Wiederanlage von Anleihen, die sie im Rahmen des APP-Programms gekauft hatte, von Juli an einzustellen. Die Entscheidungen sind laut Lagarde nahezu einstimmig gefallen.

Lagarde gibt sich entschlossen, …

Während der Pressekonferenz drehte sich alles um die Frage, wie weit die EZB ihre Leitzinsen noch anheben könnte. Hier gab sich Lagarde entschlossen. Sie betonte, dass die EZB die Leitzinsen auf ein Niveau bringen wird, das „ausreichend restriktiv“ sei. Außerdem betonte Lagarde, dass die EZB noch einiges zu tun habe („more ground to cover“). Sie fügte hinzu: „Wir pausieren nicht.“

… verweist aber auch auf die Wirkung der bisherigen Zinsschritte

Auf der anderen Seite sagte sie auch, dass die bisherigen sieben Zinserhöhungen um insgesamt 375 Basispunkte bereits wirkten. Sie verwies auf den Bank Lending Survey (BLS), wonach die Banken im Euroraum ihre Kreditvergabestandards im ersten Quartal deutlich mehr verschärft haben, als sie ursprünglich erwartet hatten. Wie wichtig diese Verschärfung der Kreditvergabestandards aus Sicht der EZB ist, sieht man auch daran, dass Lagarde den kleineren Zinsschritt um 25 Basispunkte mit dem Ergebnis des BLS in Verbindung brachte.

Zinserhöhungszyklus endet wohl im Sommer

Wir erwarten für Juni einen weiteren Zinsschritt um 25 Basispunkte und danach eine lange Pause. Für ein Ende des Zinserhöhungszyklus im Sommer sprechen vor allem drei Argumente:

1. Die Inflation sinkt seit dem Oktober (Chart 1); in den kommenden Monaten sollte sie weiter zurückgehen, weil die Preise für Energie, Nahrungsmittel und wohl auch nicht-industrielle Industriegüter laut den Informationen aus vorgelagerten Produktionsstufen weiter fallen sollten. Im Sommer könnte die Inflation auf 5% gefallen sein. Dann dürften die vielen Tauben im EZB-Rat zuversichtlicher sein, dass die Kerninflation der Inflation nach unten folgen wird.

2. Aus Sicht vieler EZB-Ratsmitglieder liegt der neutrale Zins, der langfristig für eine Inflation von 2% sorgt, nur bei 2%. Verglichen damit würden sie einen Einlagensatz von 3,5% im Sommer wohl als hinreichend restriktiv betrachten.

3. Wir erwarten für die zweite Jahreshälfte anders als die EZB ein Schrumpfen des Bruttoinlandsprodukts. In Deutschland folgten den Zinserhöhungen der Bundesbank und der EZB stets Rezessionen.

Reicht das?

Wir prognostizieren zwar für den Sommer ein Ende der Zinserhöhungen. Aber wir rechnen nicht damit, dass das am Ende ausreicht, die Inflation dauerhaft auf 2% zurückzuführen. Die Inflation neigt nämlich dazu, sich auf hohen Niveaus festzusetzen. Diese selbststabilisierende Tendenz der Inflation zu überwinden, erfordert ein entschiedenes Gegensteuern. Ein EZB-Einlagensatz von 3,5% reicht sicherlich nicht aus.

Chart 1 – Euro-Inflation sinkt seit dem Herbst
Inflation und Kerninflation (ohne Energie, Nahrungs- und Genussmittel) im Euroraum, in Prozent
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Quelle: EZB, Commerzbank-Research