Ernst & Young EY:
Neuwagenmarkt bleibt auf
Wachstumskurs – Abkühlung erst für kommendes Jahr erwartet
Stuttgart (5.7.23) – Die wichtigsten Entwicklungen auf dem deutschen Neuwagenmarkt im Juni 2023: Der Aufwärtstrend hält an: Im Juni wurden laut KBA in Deutschland erneut deutlich mehr Pkw neu zugelassen als im Vorjahresmonat – um 25 Prozent stiegen die Neuzulassungen gegenüber Juni 2022. Vom Vorkrisenniveau ist der Absatz aber immer noch recht weit entfernt: Trotz des starken Wachstums lag der Absatz um 14 Prozent unter dem Vorkrisenniveau von Juni 2019.
„Der Aufschwung auf dem deutschen Neuwagenmarkt ist derzeit robust, es geht weiter aufwärts. Bis auf Plug-in-Hybride verzeichnen alle Antriebstechnologien Zuwachsraten“, sagt Constantin M. Gall, Managing Partner und Leiter Mobility bei EY für die Region Europe West. Dieser Aufwärtstrend dürfte zumindest bis Jahresende anhalten, so Gall: „Der Chipmangel verliert zunehmend an Bedeutung, die Produktion wird weiter hochgefahren. Damit verbessert sich auch die Liefersituation, die Wartezeiten sinken. Und dank eines komfortablen Auftragspolsters und eines erheblichen Nachholbedarfs nach mehreren Jahren mit ungewöhnlich niedrigen Neuzulassungen wird es auch in den kommenden Monaten noch aufwärts gehen – trotz der Konjunkturflaute“.
Gall weist darauf hin, dass in den drei Krisenjahren 2020 bis 2022 insgesamt etwa 2,3 Millionen Neuwagen weniger verkauft wurden als in den drei vorangegangenen Jahren: „Wir haben einen hohen Nachholbedarf. Das sorgt derzeit für eine zusätzliche Dynamik auf dem deutschen Automarkt.“
Die ungünstige Konjunkturlage werde sich aber früher oder später auch in den Neuzulassungszahlen widerspiegeln, so Fall: „Die Rahmenbedingungen sind schwierig: Die hohe Inflation, hohe Neuwagenpreise, wenig attraktive Finanzierungsmöglichkeiten und eine unsichere Konjunkturlage wirken auf potenzielle Neuwagenkäufer abschreckend. Mit einer gewissen Verzögerung werden wir daher einen Dämpfer auf dem Automarkt sehen. Und dann werden auch Rabatte wieder eine größere Rolle spielen. Denn wenn die Produktion wieder auf Hochtouren läuft, aber die Käufer ausbleiben, ist die Versuchung groß, Preisnachlässe zu geben – auch wenn das Marge kostet. Im Volumensegment sind erste Anzeichen dafür bereits zu erkennen.“
Für das Gesamtjahr 2023 rechnet Gall mit einem Wachstum des deutschen Neuwagenmarktes um etwa 15 Prozent – damit wird der Absatz aber weiterhin deutlich unter dem Niveau des Jahres 2019 liegen.
Elektroautos legen kräftig zu: Der Absatz von Elektroautos (BEV) stieg im Juni im Vergleich zum Vorjahresmonat um 64 Prozent, der Marktanteil kletterte von 14,4 auf 18,9 Prozent und erreicht damit den höchsten Stand seit Dezember vergangenen Jahres.
Gall: „Die Dynamik bei Elektroautos nimmt nach der Delle zu Jahresbeginn wieder zu. Das Wachstum gewinnt an Fahrt, und damit prägen Elektroautos auch immer stärker das Straßenbild. Im laufenden Jahr dürften in Deutschland etwa 570.000 Elektroautos neu zugelassen werden, die Zahl der Elektroautos auf Deutschlands Straßen wird damit voraussichtlich auf etwa 1,5 Millionen Fahrzeuge steigen.“
Die Entwicklung im kommenden Jahr bereitet Gall allerdings Sorgen: „Ab September 2023 gibt es keine Förderung mehr für gewerbliche Käufer, zum Jahreswechsel schrumpft zudem die Fördersumme für private Kunden erneut. Das wird mit großer Wahrscheinlichkeit wieder zu einem deutlichen Wachstumsdämpfer dieses Marktsegments führen.“ Und danach werde sich zeigen, ob der Elektroautomarkt auf eigenen Beinen stehen könne und nicht mehr auf staatliche Förderung angewiesen sei. „Diese Hoffnung könnte sich aber als verfrüht erweisen“, fürchtet Gall. „Denn die Erfahrung aus anderen Ländern zeigt, dass zumindest derzeit noch staatliche Subventionen einen erheblichen Anteil am Erfolg von E-Autos haben – wo wenig gefördert wird, werden wenige Elektroautos verkauft.“
Während es derzeit bei Elektroautos kräftig aufwärts geht, zeigen die Absatzzahlen von Plug-in-Hybriden in die andere Richtung: Die Neuzulassungen von Plug-in-Hybriden schrumpften im Juni um 39 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Der Marktanteil dieser Antriebsart hat sich damit im Vergleich zum Vorjahr von 11,7 auf 5,6 Prozent halbiert. Die schwache Entwicklung bei Plug-in-Hybriden führt dazu, dass der Marktanteil elektrifizierter Neuwagen – also Plug-in-Hybride und BEVs zusammengefasst im Juni insgesamt sogar zurückging: von 25,6 auf 21,6.
Benzin- und Dieselneuwagen legten in Summe gegenüber dem Vorjahr immerhin um 17 Prozent zu – in absoluten Zahlen stiegen die Verkäufe von Benzinern und Selbstzündern im Juni gegenüber dem Vorjahreszeitraum um etwa 20.840 Einheiten. Zum Vergleich: Der Absatz von Elektroautos stieg um knapp 20.750 Einheiten, also fast genauso stark. Das Segment elektrifizierter Neuwagen (Plug-in-Hybride plus BEVs) verzeichnete allerdings nur ein Wachstum um 10.500 Einheiten.
Gall kommentiert: „Die große Mehrheit der Neuwagenkäufer greift weiterhin zu Verbrennern. Und zwar aus sehr nachvollziehbaren Gründen: Die Neuwagenpreise sind deutlich niedriger, im Kleinwagensegment gibt es quasi keine Alternative zu Verbrennern, die Ladeinfrastruktur ist immer noch unzureichend.“ Einen kräftigen Wachstumsschub im Elektro-Segment erwartet Gall, wenn auch im Klein- und Kompaktsegment mehr bezahlbare Elektroautos auf den Markt kommen.
Blick ins Ausland: Zumeist starkes Wachstum. Auch in den anderen größeren westeuropäischen Märkten stiegen die Neuzulassungen im vergangenen Monat deutlich, wenngleich zumeist nicht so stark wie in Deutschland. In den meisten Ländern wurde aber erneut das Vorkrisenniveau deutlich verfehlt.

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