Ernst & Young EY:
EU-Neuwagenmarkt wächst, bleibt aber unter
Vorkrisenniveau – Elektro-Boom vorerst noch robust
Frankfurt/Main (19.7.23) – Das Wachstumstempo auf dem EU-Neuwagenmarkt bleibt hoch: Die Zahl der Pkw-Neuzulassungen in der EU stieg laut Branchenverband ACEA gegenüber Juni 2022 um 18 Prozent. Nach wie vor gibt es allerdings eine große Lücke zum Vorkrisenniveau: Im Vergleich zu Juni 2019 ergibt sich ein EU-weites Minus von 15 Prozent. In 21 der 27 EU-Mitgliedsländer lag der Absatz im vergangenen Monat unter dem Niveau von Juni 2019.
„Die aktuelle Markterholung ist in erster Linie auf den hohen Auftragsbestand zurückzuführen“, betont Constantin M. Gall, Managing Partner und Leiter Mobility bei EY für die Region Europe West. „Nach wie vor arbeiten die Autobauer Bestellungen aus dem Vorjahr ab, als der Teilemangel und eingeschränkte Produktionskapazitäten zu erheblichen Einbußen geführt hat. Inzwischen gehört der Teilemangel weitgehend der Vergangenheit an, die Lieferzeiten sinken weiter.“ Gall rechnet damit, dass die positive Entwicklung in den kommenden Monaten anhalten wird: „Wir werden das Vor-Corona-Niveau zwar nicht erreichen, zum Jahresende hin sollte die Lücke zum Vorkrisenniveau aber deutlich kleiner geworden sein. Dann werden allerdings auch die Aufträge aus der Zeit des Chipmangels abgearbeitet sein.“
Angesichts der aktuellen Wirtschaftslage, der gesunkenen Kaufkraft und des hohen Zinsniveaus blickt Gall eher pessimistisch auf das Jahr 2024: „Die aktuelle Bestellsituation deutet auf eine schwache Absatzentwicklung im kommenden Jahr hin. Dann drohen wieder Überkapazitäten, und dann wird der Preisdruck auch wieder steigen.“ Rabatte kann sich die Branche nach Galls Einschätzung allerdings eigentlich nicht leisten: „Die deutlich gestiegene Rohstoff- und Energiepreise und höhere Kosten in der Lieferkette haben für ein dauerhaft höheres Kostenniveau gesorgt. Sollten die Hersteller wieder verstärkt Zugeständnisse beim Preis machen, um den Absatz anzukurbeln, wird das auf Kosten der Marge gehen.“
Wachstum bei Elektroautos bleibt stark
Im Juni legten die Neuzulassungen reiner Elektroautos (BEV) in der EU insgesamt um 66 Prozent zu, nachdem sie im Mai um 71 Prozent und im April um 52 Prozent gestiegen waren. Der Marktanteil von Elektroautos stieg in der EU im Vergleich zu Juni 2022 von 10,7 auf 15,1 Prozent.
„Der Elektro-Boom ist derzeit noch intakt,“ sagt Gall. „Allerdings wurden die Elektroautos, die heute für Absatzrekorde sorgen, zumeist im vergangenen Jahr bestellt. Es spricht zwar einiges dafür, dass wir in der EU dank eines hohen Auftragsbestands noch bis Jahresende weiteres Wachstum in diesem Segment sehen werden. Ob der Aufwärtstrend aber danach noch anhält, ist sehr zweifelhaft. In Deutschland haben wir die besondere Situation, dass Ende September die Förderung von gewerblichen Elektro-Zulassungen ausläuft. Das wird in den Folgemonaten zu einem deutlichen Rückgang der gewerblichen Zulassungen führen, während die Privatzulassungen bis zum Jahresende weiter steigen werden. Dann werden aber auch die Subvention von Privatkäufen weiter reduziert. Auf den aktuellen Boom wird daher auf dem deutschen Markt voraussichtlich spätestens im kommenden Jahr ein böses Erwachen folgen.“
Gall rechnet damit, dass es nach dem prognostizierten Rückgang der Elektro-Neuzulassungen in Deutschland zu verstärkten Diskussionen über neue Kaufanreize kommen wird: „Die aktuelle Situation in Europa zeigt: Märkte mit wenig oder keiner Unterstützung beim Kauf von Elektroautos weisen deutlich unterdurchschnittliche Marktanteile von Elektroautos aus. Sollte die Mobilitätswende in Deutschland angesichts sinkender Absatzzahlen von Elektroautos in Gefahr geraten, wird man über neue Anreizsystem nachdenken müssen. Derzeit sind Elektroautos gerade aufgrund ihres hohen Preises keine Selbstläufer.“
Elektroautos in Skandinavien am populärsten – niedrige Marktanteile in Ost- und Südeuropa
Innerhalb der EU bestehen hinsichtlich der Marktanteile von Elektroautos erhebliche Unterschiede: Die höchsten Marktanteile wurden im Juni in Irland und den skandinavischen Ländern registriert – in Irland lag der BEV-Marktanteil bei 48 Prozent, in Schweden bei 35 Prozent, in Dänemark bei 35 Prozent. Die niedrigsten Marktanteile weisen Elektroautos in den südost- und osteuropäischen Märkten auf. So betrug der BEV-Marktanteil in Kroatien zwei Prozent, in der Slowakei und in Tschechien jeweils drei Prozent.
„Die Unterschiede innerhalb der EU sind massiv: In Skandinavien bewegt sich der Marktanteil von Elektroautos bei etwa einem Drittel, in anderen großen Märkten wie etwa Polen liegt er bei gerade einmal vier Prozent. Die EU-Pläne für die Elektromobilität sind aber sehr ambitioniert, und wenn tatsächlich ab 2035 keine Verbrenner mehr neu zugelassen werden sollen, muss bis dahin in vielen Ländern noch sehr viel passieren“, so Gall. In acht EU Ländern liegt der Marktanteil von Elektroautos derzeit unter fünf Prozent, gerade einmal in sechs EU-Ländern entfallen mehr als 20 Prozent der Neuzulassungen auf Elektroautos.
Plug-in-Hybride verlieren Marktanteile
Seit es für Plug-in-Hybride in Deutschland keine Umweltprämie mehr gibt, steht diese Antriebstechnologie in Deutschland stark unter Druck (minus 39 Prozent im Juni), was auch in der Gesamtbilanz für die EU Spuren hinterlässt. So stieg der Absatz von Plug-in-Hybriden EU-weit im Juni nur um 13 Prozent – außerhalb Deutschlands legten allerdings die Verkäufe von Plug-in-Hybriden immerhin um 43 Prozent zu. EU-weit sank der Marktanteil von Plug-in-Hybriden gegenüber dem Vorjahresmonat von 8,2 auf 7,9 Prozent.
Der gemeinsame Marktanteil von elektrifizierten Neuwagen (BEV und PHEV) stieg von 19,0 auf 23,1 Prozent. „Fakt ist, dass sich nach wie vor EU-weit etwa die Hälfte der Neuwagenkäufer für einen Verbrenner entscheidet und nur knapp jeder fünfte für einen Neuwagen, der sich per Stecker laden lässt“, betont Gall. „An dieser Verteilung wird sich voraussichtlich auch im nächsten Jahr wenig ändern, wenn sinkende staatliche Förderungen und eine schwache Wirtschaftslage dafür sorgen, dass sich weniger Menschen ein neues Auto kaufen und zudem der Preis wieder eine größere Rolle spielt. Dann werden auch wieder Rabatte eine Rolle spielen – sowohl bei Verbrennern als auch bei Elektroautos.“

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