SGVHT Sparkassen und Hessen und Thüringen:

Sparer mit mehr Faible für Börse –

Geschäftsmodell der Sparkassen erweist sich erneut als „allwettertauglich“

Frankfurt/Main (22.9.23) – Obwohl der sehr restriktive geldpolitische Kurs der Europäischen Zentralbank (EZB) inzwischen in vielen Bereichen zu spüren ist und die realwirtschaftliche Entwicklung erheblich gebremst hat, ist die Geschäftsentwicklung der Sparkassen in Hessen und Thüringen im ersten Halbjahr 2023 recht ordentlich verlaufen. „Im Kreditgeschäft sind die Bestände trotz eines deutlichen Rückgangs im Neugeschäft leicht gestiegen. Gleichzeitig hat das Kundenwertpapiergeschäft unserer Institute kräftig angezogen. Im Einlagengeschäft sind die Kundenverbindlichkeiten zwar etwas gesunken. Sie befinden sich aber weiterhin auf einem überdurchschnittlichen Niveau. Auf der Ertragsseite gehen wir beim Betriebsergebnis vor Bewertung von einem Resultat aus, das erheblich über dem Vorjahresniveau liegen wird. All das zeigt, dass das Geschäftsmodell der Sparkassen allwettertauglich und sehr stabil ist“, fasste Stefan G. Reuß, Geschäftsführender Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen, das Halbjahresergebnis zusammen.

Bilanzsumme sinkt um 3,2% auf 151,3 Mrd. €

Die Bilanzsumme der Mitgliedsinstitute des SGVHT ist zum 30. Juni
2023 um 5,0 Mrd. € bzw. 3,2% auf 151,3 Mrd. € gesunken. Ein guter
Teil dieses Rückganges entfiel auf das Interbankengeschäft, das von
den Sparkassen im Berichtszeitraum deutlich zurückgefahren wurde.
Das Kundengeschäft verlief auf der Passiv- und der Aktivseite
uneinheitlich. Während die Bestände im Einlagengeschäft um 2,8 Mrd.
€ bzw. 2,3% auf 118,4 Mrd. € sanken, legten sie bei den Krediten
insgesamt um 0,5 Mrd. € bzw. 0,6% auf 93,3 Mrd. € zu. Im
Firmenkundenkreditgeschäft schlug sogar ein Wachstum von
0,6 Mrd. € bzw. 1,2% zu Buche. „Zwar lag dieses Plus dort niedriger als
im Vorjahreszeitraum mit 3,3%. Angesichts des derzeit fehlenden realwirtschaftlichen Rückenwindes ist aber auch dieses Wachstum alles
andere als selbstverständlich, zumal das Firmenkundenkreditgeschäft
bei unseren Sparkassen auch im ersten Halbjahr 2023 wieder über alle
Laufzeitenbänder hinweg dynamisch verlaufen ist“, betonte Reuß.
Kreditbestände im Privatkundengeschäft weitgehend stabil
Während im Kreditgeschäft mit öffentlichen Kunden ebenfalls ein
leichtes Plus verbucht werden konnte (+ 0,8%), blieb es bei den
Privatkunden praktisch stabil. Dort gingen die Kreditbestände um 0,1
Mrd. € bzw. 0,3% auf 38,8 Mrd. € zurück. Bei den Immobilienfinanzierungen konnte mit -0,1% weitgehend das Niveau des Vorjahreszeitraums gehalten werden. „In der Baufinanzierung haben sich zwei Entwicklungen praktisch neutralisiert: Zum einen sind die Darlehenszusagen deutlich zurückgegangen. Das gilt aber auch für die Tilgungen
und Sondertilgungen, die sich grundsätzlich bestandsmindernd
auswirken. In der Summe präsentieren sich damit die Kreditbestände
unserer Sparkassen trotz des eingebrochenen Neukreditgeschäfts
weiterhin stabil“, hob Reuß hervor.

Strukturkrise im Wohnungsbau spiegelt sich im Neukreditgeschäft

Der Einbruch bei den Neufinanzierungen hatte sich bereits im letzten
Quartal 2022 deutlich abgezeichnet und dann in den Folgemonaten
noch verstärkt. Die Darlehenszusagen der Sparkassen in Hessen und
Thüringen sind im ersten Halbjahr 2023 über alle Kundensegmente
hinweg um etwa 40% auf 5,5 Mrd. € gesunken. Bei den Firmenkrediten
schlug ein Minus von knapp 30% zu Buche. Der Schwerpunkt des
Rückgangs lag aber bei den Privatkrediten und hier insbesondere bei
den Immobilienfinanzierungen, bei denen im Berichtszeitraum über
57% weniger Zusagen erfolgten. „Diese Entwicklung ist eng mit der
aktuellen Strukturkrise des Wohnungsbausektors verbunden. Wegen der exorbitanten Immobilienpreise und hohen Baukosten, der
gestiegenen Zinsen und des zu geringen Angebots an bezahlbarem
Bauland ist die Nachfrage nach Wohneigentum praktisch zum Erliegen
gekommen. Zwar haben sich die Immobilienpreise inzwischen
vielerorts wieder etwas nach unten bewegt. Viele Menschen halten sich
aber weiterhin mit dem Kauf oder Bau von Häusern oder Wohnungen
zurück, weil sie auf weiter sinkende Preise hoffen oder sich Wohneigentum schlichtweg nicht mehr leisten können“, erklärte Reuß.

Kundenverbindlichkeiten rückläufig

Auf der Passivseite der Bilanz ist der Einlagenbestand der Sparkassen
im ersten Halbjahr 2023 um 2,8 Mrd. € bzw. 2,3% zurückgegangen. Mit
insgesamt 118,4 Mrd. € liegt er aber weiterhin auf einem überdurchschnittlich hohen Niveau. Neben dem deutlich angezogenen
Wertpapiergeschäft nannte Reuß für den Rückgang noch weitere
Gründe: „Viele Menschen möchten nach der erzwungenen Verzichtphase der Corona-Pandemie endlich wieder ausgehen, feiern oder
Urlaub machen. Sie geben für diese Zwecke viel Geld aus. Das hat sich
im ersten Halbjahr bei den Sparguthaben ausgewirkt. Einen ähnlichen
Effekt hatten die hohen Nachzahlungen für Energielieferungen und die
Folgen der allgemeinen Teuerung.“

Präferenz für längerfristige Einlageformen

Dagegen spielen Verlagerungen zur Konkurrenz bislang nur eine
untergeordnete Rolle. „In der Regel bewegen sich die Zinssätze im
Neugeschäft für Spareinlagen und Tagesgeld noch auf einem niedrigen
Niveau – und zwar über alle Bankengruppen hinweg. Das ist gerade im
kurzfristigen Bereich betriebswirtschaftlich auch geboten. Nach den
langen Jahren der Dauerniedrigzinsphase müssen Banken und
Sparkassen eine Normalisierung der Zinskurve anstreben. Und Normalisierung bedeutet eben, dass für kurzfristig angelegtes Geld
niedrige Zinsen und für langfristig angelegtes Geld höhere Zinsen
gezahlt werden. Bei Laufzeiten von über einem Jahr gibt es auch bei
den Sparkassen inzwischen wieder attraktive Zinsangebote, die von
unseren Kundinnen und Kunden auch gut angenommen werden“, hob
Reuß hervor. Das spiegelte sich auch in den Halbjahreszahlen wider.
Während Spareinlagen und Täglich Fällige Gelder jeweils um gut 7%
zurückgingen, konnten Termingelder und Eigenemissionen um
107,5% bzw. 65,8% zulegen.

Kundenwertpapiergeschäft zieht an

Auch im Kundenwertpapiergeschäft der Sparkassen hat sich die
Zinswende spürbar ausgewirkt. Die Wertpapierkäufe stiegen insgesamt
um 16,4%. Nutznießer dieser Entwicklung waren insbesondere die
festverzinslichen Wertpapiere. Während die Käufe bei Aktien und
Fonds um gut 40% bzw. gut 30% zurückgingen, verdreifachten sie sich
in diesem Segment fast. Die Wertpapierverkäufe gingen um 9,1%
zurück. In der Summe hat sich bei den Sparkassen der Nettoabsatz als
Saldo von Käufen und Verkäufen um 69,5% auf 2,7 Mrd. € erhöht. Der
Umsatz mit Kunden verbesserte sich um 6,2% auf 8,7 Mrd. €.
Die Sparkassen in Hessen und Thüringen haben auch im ersten
Halbjahr 2023 ihre Eigenmittel wieder aufgestockt, nämlich um 0,8%
auf 14,5 Mrd. €. Davon entfielen 13,7 Mrd. € auf das Kernkapital. Zum
30. Juni 2023 lag die Gesamtkapitalquote bei 18,4% und die
Kernkapitalquote bei 17,4%.

Ertragsprognose 2023: Zinsüberschuss pusht Betriebsergebnis
Für das laufende Jahr rechnet der Verband damit, dass das Betriebsergebnis vor Bewertung der Mitgliedssparkassen mit knapp 1,5 Mrd. € um fast 28% höher als im Vorjahr liegen wird. Verantwortlich für dieses
deutliche Plus ist in erster Linie der Zinsüberschuss, für den das
Prognosesystem ein Wachstum von über 22% signalisiert. „Auch wenn
drei Viertel dieses Zuwachses auf das Zinsergebnis aus Derivaten
entfallen, zeigt das doch ganz klar, welche Bedeutung die Rückkehr in
eine normale Zinswelt gerade für Kreditinstitute wie die Sparkassen
hat, bei denen die Fristentransformation traditionell im Mittelpunkt
ihres Geschäftsmodells steht“, unterstrich Reuß. Auch der Provisionsüberschuss wird sich auf Jahressicht verbessern. Beim Verwaltungsaufwand wird sich dagegen die Inflation in diesem Jahr deutlich als Kostentreiber bemerkbar machen.

Normalisierter Wertberichtigungsbedarf bei den Wertpapieren

Im Gegensatz zu 2022 stehen die Zeichen im laufenden Jahr gut, dass
die Sparkassen ihr Ergebnis auch nach Bewertung ins Ziel bringen
werden. Laut Prognosesystem wird es sich von -141 Mio. € auf +1,4
Mrd. € verbessern. Verantwortlich für dieses deutliche Plus ist in erster
Linie das Bewertungsergebnis im Wertpapiergeschäft. Im vergangenen
Jahr hatten die Sparkassen die im Zuge der schnell und abrupt
vollzogenen Zinswende an den Anleihemärkten entstandenen
Kursverluste bei ihren Eigenanlagen trotz ihres temporären Charakters
ganz überwiegend als Buchwertkorrekturen abgebildet. Dadurch
hatten sich die Abschreibungen im Wertpapierbereich insgesamt auf
knapp 1,3 Mrd. € erhöht.

„Im laufenden Jahr ist die Kursentwicklung bei den Anleihen trotz der
weiteren Zinsschritte der EZB wie erwartet bislang ruhiger abgelaufen.
Das führt entsprechend zu einer Normalisierung des Wertberichtigungsbedarfs. Für 2023 gehen wir laut Prognosesystem von Zuschreibungen von rund 160 Mio. € aus. Zuschreibungen in dieser Größenordnung statt Abschreibungen von 1,3 Mrd. € – das ist schon ein gewaltiger Unterschied, der sich entsprechend positiv im
Betriebsergebnis nach Bewertung niederschlägt“, führte Reuß aus.
Weiter keine besonderen Auffälligkeiten bei Kreditrisikovorsorge
Die Risikovorsorge im Kreditgeschäft wird sich bei den Sparkassen in
Hessen und Thüringen auch 2023 voraussichtlich wieder in Grenzen
halten. Zwar ist die Zahl der Unternehmensinsolvenzen seit August
2022 bundesweit kontinuierlich gestiegen. „Unsere Institute haben
deshalb auch im Stile vorsichtiger Kaufleute die entsprechende
Vorsorge erhöht, nämlich von 13 Mio. € auf rund 180 Mio. €. Wir
nehmen das Thema ernst, auch wenn es bei den Kreditausfällen bei
unseren Sparkassen weiterhin keine besonderen Auffälligkeiten gibt“,
schloss Reuß.