Frankfurt/Main (19.1.15) – Die Bundesbank bereitete zum Tode ihres ehemaligen Präsidenten Karl Otto Pöhl (1.12.1929 – 9.12.2014) eine beachtenswerte Gedenkfeier, die an historischer Bedeutung nichts zu wünschen übrig ließ. Am 13. Januar 2015 versammelte sich im Vortragssaal des Gästehauses der Deutschen Bundesbank die Familie mit den engsten Freunden und den treuesten Weggefährten des national und international hoch geachteten Geldpolitikers.
Sein Vizepräsident und Nachfolger, Professor Helmut Schlesinger (Jahrgang 1924), erschien äußerst liebenswürdig und tief gebeugt. Auch seine Nachfolger Hans Tietmeyer und Ernst Welteke waren gekommen. Die immer noch sportlich wirkende Eminence grise, der Bundesbank-Vorstand und Verbindungsmann nach Basel (1/2/3), Edgar Meister, und Freund der Familie drückte sein Beileid aus. Von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich war eigens der Generalsekretär, Hermann B. Greve, angereist. Nicht zu vergessen Rüdiger von Rosen, Pöhls persönlicher Referent und PR-Manager. Deutsch-Banker, Rolf E. Breuer und Hilmar Kopper kondolierten. Bernd Thiemann (ehem. DGZ) und Gert Vogt (ehem. KfW) zeigten Solidarität mit der Familie und kollegiale Treue zum Verstorbenen. Zugelassen waren nur persönlich geladene Gäste, nicht die offizielle Politik.
Die anrührende Feier wurde durch das Streichquartett der jungen Deutschen Philharmonie mit Franz Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ (2. Satz) eröffnet. Bundesbankpräsident Jens Weidmann markierte in seiner Ansprache ganz klar die emotionalen und politischen Eckpunkte. Er zitierte Immanuel Kant: „Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern. Tot ist nur, wer vergessen wird.“ Vergessen werde Karl Otto Pöhl nicht. „Bei seinen Nächsten wird er ohnehin fortleben. Aber auch im Gedächtnis der Bundesbank wird er weiterleben – denn er hat in seinem Leben Großes bewirkt.“
Weidmann: Zwar fand die konsequente Stabilitätsorientierung im In- und Ausland nicht nur Zustimmung – mochten die Kritiker in Washington, Paris oder Bonn sitzen. Doch der Erfolg der deutschen Geldpolitik ist vermutlich auch ein Grund dafür, dass andere Notenbanken dem Beispiel der Bundesbank folgten und Anstrengungen unternahmen, wieder Preisstabilität zu gewährleisten. Allen voran die amerikanische Federal Reserve.
Ganz cool und damit ganz im Sinne seines großen Vorgängers bemerkte Weidmann: „Es ist kein Geheimnis, dass Karl Otto Pöhl der Idee einer europäischen Währungsunion eher skeptisch gegenüber stand.“ Und dann kam die Demütigung durch den damaligen Außenminister Hans-Diertrich Genscher. Er legte sein Papier zur Schaffung einer Währungsunion vor und überraschte damit auch die Bundesbank. Pöhl hatte wirklich keine Lust in die Delors-Kommission einzutreten. „Es widerstrebte ihm, an Vorschlägen zur Abschaffung der D-Mark und der geldpolitischen Befugnisse der Bundesbank mitzuarbeiten.“ Pöhl stellte sich jedoch der Aufgabe, um Schlimmeres zu verhindern.
Der große Geldpolitiker der 1980er Jahre verhinderte in der Kommission immerhin den Versuch Frankreichs, für die Übergangsphase zu einer gemeinsamen Währung einen Reservefonds durchzusetzen, also einen Interventionspool gegen Währungsschwankungen. „Man warf Karl Otto Pöhl vor, die Last der Anpassung im Europäischen Währungssystem einseitig den Schuldnerländern aufzuerlegen.“ Pöhl sah darin jedoch gerade den Hauptgrund für den zeitweisen Erfolg des EWS und den Fortschritt an Stabilität und Konvergenz, der in den achtziger Jahren währungspolitisch erreicht wurde.
Delors-Abschlussbericht zeigte letztlich nur die groben Linien einer Währungsunion auf. Unter Vorsitz Karl Otto Pöhls verfeinerten die Notenbankchefs diese Vorschläge und entwarfen die Blaupause für das Europäische System der Zentralbanken: das Statut der EZB. Er selbst bezeichnete dies einmal als seine wichtigste Leistung.
Am 16. Mai 1991 kündigte Pöhl an, aus persönlichen Gründen sein Amt niederlegen zu wollen. Mit der Regierung sei Ende Oktober ins Auge gefasst worden. Er vollzog den Schritt am 31. Juli! Als er durchgesetzt hatte, dass Helmut Schlesinger sein Nachfolger werden konnte.
Weidmann: „Mit Karl Otto Pöhl haben die Bundesbank und die Bundesrepublik Deutschland eine der großen Persönlichkeiten verloren, die die D-Mark zum Stabilitätsanker in Europa und die Bundesbank zum Vorbild für die Europäische Zentralbank gemacht haben. Wir trauern um einen herausragenden Notenbanker und Bundesbankpräsidenten.“
Professor Helmut Schlesinger, geht nach vorne, verneigt sich vor dem Bild seines Vorgängers und beschreibt ein letztes Mal den persönlichen und politischen Schulterschluss mit Karl Otto Pöhl.
Prof. Schlesinger und Jens Weidmann lagen in der Situationsanalyse von damals eng beieinander. Als Karl Otto Pöhl Präsident der Deutschen Bundesbank wurde, befand sich die Bundesrepublik in einer schwierigen Zeit. Die deutsche Leistungsbilanz wies 1979 zum ersten Mal seit 1965 ein Minus auf. Im Folgejahr sollte es sich sogar verdreifachen. Die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte ließen das internationale Vertrauen in die D-Mark schwinden. Die wirtschaftliche Lage in der Bundesrepublik trübte sich weiter ein. Die Preise stiegen im Zuge eines weltweiten Inflationssogs immer schneller. Geldpolitisches Eingreifen war nötig, um das Stabilitätsziel nicht zu gefährden.
Die konjunkturellen Risiken einer strafferen Geldpolitik waren Karl Otto Pöhl durchaus bewusst. Doch er gab folgendes zu bedenken: „Was würde es uns helfen, wenn wir wegen dieser Risiken auf eine konsequente Stabilitätspolitik verzichten würden? Je früher und je glaubwürdiger Ernst gemacht wird mit der Stabilitätspolitik, umso geringer sind ihre Kosten.“
Dank einer konsequenten Stabilitätspolitik bewältigte Deutschland als einziges OECD-Land diese Herausforderungen, ohne zweistellige Inflationsraten hinnehmen zu müssen – und wohlgemerkt, ohne beim Wirtschaftswachstum hinter andere Länder zurückzufallen. „Geldwertstabilität ist keine Alternative zu wirtschaftlichem Wachstum, sondern eine ihrer wesentlichen Voraussetzungen.“ Karl Otto Pöhls Überzeugung hatte sich als richtig erwiesen.
Damit war das Wesentliche gesagt, aber noch nicht alles. Der Historiker und Chefkorrespondent der Welt-Gruppe, Michael Stürmer, hatte das Wort.
Nicht alle Deutschen glauben an Gott – aber alle an die Bundesbank
Auf seltene Weise verband Karl Otto Pöhl Gelassenheit in Krisenzeiten mit fester Führung und, wenn nötig, deutlicher Aussprache. Man sagte von ihm, auf City-English: „he doesn’t suffer fools gladly“. Das bekannte Bonmot von Jacques Delors, damals Präsident der Europäischen Kommission, verrät aus der Gegensicht die Achtung, die Pöhl und die Bundesbank gewannen: „Nicht alle Deutschen glauben an Gott. Aber alle glauben an die Bundesbank.“ Das Haus, das Pöhl steuerte, wurde in Paris, als es ernst wurde mit der Wirtschafts- und Währungsunion, halb achtungsvoll halb schreckensvoll, „le monstre de Francfort“ genannt. Pöhl aber ließ sich nicht beeindrucken.
Pöhl sah sich, wie das Gesetz es befahl, als Treuhänder der Nation. Gedruckte Erinnerungen hat er nicht hinterlassen, auch nicht unerbetene Handlungsanweisungen für Nachfolger. Wohl aber verpflichtende Werte und Maßstäbe des Handelns. Denn er wusste mehr als andere – mit Joseph Schumpeter zu sprechen – „Vom Wesen des Geldes“ – und so soll der Klassiker hier zitiert sein anstelle eines Epilogs. Schumpeter: „Das oft leidenschaftliche, stets große Interesse, das den praktischen Fragen des Geldwesens und des Geldwerts gilt, erklärt sich ja nur daraus, dass sich im Geldwesen eine Volkes alles spiegelt, was dieses Volk will, tut, erleidet, ist, und dass zugleich vom Geldwesen eines Volkes ein wesentlicher Einfluss auf sein Wirtschaften und sein Schicksal überhaupt ausgeht. Der Zustand des Geldwesens eines Volkes ist ein Symptom aller seiner Zustände…Nichts sagt so deutlich, aus welchem Holz ein Volk geschnitzt ist wie das, was es währungspolitisch tut“.
In Zeiten globaler Umbrüche hat Karl Otto Pöhl sich eingeschrieben in das Buch der deutschen Geschichte: Ausnahmegestalt von Weisheit und Charakter, kannte Pöhl, wie kein zweiter, die Tragik der Niederlage und den Glanz des Erfolges. Bankier der Republik – so werden wir ihn im Gedächtnis halten, dankbar sein, dass es ihn gegeben hat, und hoffend, dass sein Vermächtnis bleibt. Soweit Stürmer.
Mit bewegenden Worten, die den Menschen Pöhl als liebevollen Vater zeichnete,schloss Sohn Moritz Karl Ulrich Pöhl den Zyklus der offiziellen Reden ab. Die jungen Musiker spielten: Peter Tschaikowsky, Nr. 1, 2. Satz Andante Cantabile.
„Le monstre de Frankfort“ wurde im englischen Sprachraum ganz anders gesehen. Margret Thatcher, britische Premierministerin, bekannte: „I have confidence in Karl Otto Pöhl. If he is proposing something, you can accept.” Der Brite Terry Thomas, leitender Direktor der Cooperative Bank und Vorsitzender der Gewerkschaftsbank Unity Trust, lobte: „Verglichen mit Pöhl sind einige EG-Wirtschaftsminister Pygmäen.“ Der britische „Economist“ hatte ihn schon als Karl Otto von Bismarck bezeichnet. – Im Frankfurter Palmengarten (Tropicarium) steht eine ansehnliche Palme. Sie heißt „Bismarckia nobilis“. Im Freigelände ist noch Platz für eine Eiche: Quercus robur Pöhl.
Von Christoph Wehnelt

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